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Verordnungen die unumgängliche Bedingung der Glückseligkeit oder des Elendes unsrer Gattung ist, erkennen wir in seiner Gesetzgebung zugleich den Urheber der natur, den Wohltäter des Menschen und den vollkommensten Verstand.

Aber auch hier steht die Vernunft noch nicht still. Der Mensch erfährt, mitten im Genuss derjenigen Glückseligkeit, welche ihm der weiseste Genuss der Dinge ausser ihm geben kann, dass sie unfähig sind ihm die vollkommne Glückseligkeit zu geben, die er wünscht; und seine so oft betrogene Hoffnung erhebt ihre Augen endlich nach einem unvergänglichen Gute, nach demjenigen, welches das Urbild und die Quelle alles Schönen und Guten ist. In ihm glaubt sie das letzte Ziel aller ihrer Wünsche, und in der unmittelbaren Vereinigung mit ihm den höchsten Endzweck des Daseins aller empfindenden Wesen zu sehen. Die Seele fühlt bei diesem grossen Gedanken den Kreis ihrer Tätigkeit sich erweitern, und jenseits der Grenzen dieses Lebens (wovon immer nur der gegenwärtige Augenblick wirklich, der zukünftige ungewiss, und alles Vergangene Traum ist) entdeckt sich ihrem verlangenden Auge eine bessere Zukunft. Und so zeigt sich ihr das Wesen der Wesen aus einem dritten Gesichtspunkte, als das höchste Gut und letzte Ziel aller erschaffenen Geister.

Jedes dieser Verhältnisse der Gotteit gegen die Menschen beweiset bis zum Augenschein, dass die idee des unendlichen Geistes in dem inneren System unsrer Seele eben das ist und sein soll, was die Sonne in dem grossen Kreise der Schöpfung, der uns umgibt; – dass sie es sein soll, die der Seele Licht und Wärme gibt, um jede Tugend, jede Vollkommenheit hervor zu treiben und zur Reife zu bringen. Jener süsse Zug der Sympatie, der uns geneigt macht, uns mit andern Geschöpfen zu erfreuen oder zu betrüben, wird nun etwas ganz anderes als ein blosser animalischer Trieb. Allgemeine Güte, zärtliche Teilnehmung an den Schicksalen der Wesen unsrer Gattung, sorgfältige Vermeidung alles Zusammenstosses, wodurch wir ihre Ruhe, ihren Wohlstand verletzen würden, lebhafte Bestrebung ihr Bestes zu befördern und mit dem unsrigen zu vereinigen; alles dies, in dem Lichte betrachtet, welches die idee der Gotteit über uns verbreitet, sind gesetz des allmächtigen und wohltätigen Beherrschers aller Welten; gesetz, von deren Verbindlichkeit uns nichts los zählen kann; gesetz, von deren Befolgung die Erfüllung des ganzen Endzwecks unsers Daseins abhängt.'

So waren die Begriffe von Religion beschaffen, welche der weise Dschengis in der Seele des jungen Tifan entwickelte, und solchen Begriffen entsprach der Unterricht, den er ihm von dem Dienste des höchsten Wesens gab. 'Dankbarer Genuss seiner Wohltaten, und aufrichtiger Gehorsam gegen seine gesetz', sagte Dschengis, 'sind der einzige wahre Dienst, den wir einem Wesen leisten können, das unser bloss in so fern bedarf, in so fern es uns zu Werkzeugen seiner grossen wohltätigen Absichten erschaffen hat.'"

"Bewundern Sie nicht auch die mannigfaltigen Gaben unsres Freundes Danischmend?" sagte Schach-Gebal zu der schönen Nurmahal. "Ich sehe dass er im Notfall einen so guten Iman abgeben könnte, als vielleicht jemals einer am hof eines Sultans gewesen ist. Aber für heute lass es immer genug sein, Danischmend; und das nächste Mal, wenn von deinem Tifan wieder die Rede sein wird, erinnre dich, dass du mir einen Gefallen erweisen würdest, so bald als möglich auf die Hauptsache zu kommen."

7.

"So viel ich mich von allem, was du uns mit deiner gewöhnlichen, Weitläuftigkeit von der Erziehung des jungen Tifan erzählt hast, erinnern kann" (sagte Schach-Gebal, als Danischmend sich zu gewöhnlicher Zeit anschickte seine Erzählung fortzusetzen), "so mag unter den Händen des ehrlichen Dschengis eine ganz gute Art von Jungen aus ihm geworden sein; aber noch sehe ich, mit deiner Erlaubnis, nicht, wie er dadurch der grosse König werden konnte, den du uns erwarten gemacht hast."

"Sire", versetzte Danischmend, "alles warum ich Ihre Hoheit bitte, ist noch ein wenig Geduld zu haben, und ich bin überzeugt, es wird Ihnen in wenig Tagen kein Zweifel über diesen Punkt übrig bleiben.

Die Grösse und Erhabenheit, wozu Dschengis die Begriffe seines Lehrlings empor zu treiben sich bemüht hatte, machten es notwendig, dass er ihm zu gleicher Zeit eine vollständige Kenntnis von dem gesellschaftlichen Leben, von dem was man einen Staat nennt, und von der Einrichtung, Polizei und Verwaltung desselben geben musste. Er tat es: und nachdem er dem jungen Tifan gezeigt hatte, wie dieser Erdball, vermöge der richtigen Begriffe von der natur und Bestimmung des Menschen, aussehen und regiert sein sollte; so machte er ihm nach und nach begreiflich, wie es zugehen könnte, dass alles ganz anders wäre als es sein sollte. Von dem anschauenden Begriffe der kleinen Kolonie, in welcher er aufgewachsen war, brachte er ihn stufenweise bis zu dem verwickelten Begriff einer grossen Monarchie, von dem ländlichen Hausvater bis zu dem grossen Hausvater von Scheschian. Der Prinz folgte ihm in allen diesen Erörterungen ohne sonderliche Mühe. Aber desto grössere Schwierigkeit hatte es, ihm begreiflich zu machen, wie aus dem allgemeinen Vater einer Nation ein willkürlich gebietender Herr, und aus diesem Herren, mit einer kleinen Veränderung, ein Tyrann habe werden können.

Der junge Prinz erschrak nicht wenig, wie er vernahm, dass die schönen Ideen von unschuldigen Menschen und goldnen zeiten, die mit ihm aufgewachsen waren, nur goldne Träume seien, aus denen ihn eine kleine Reise durch die Welt auf eine sehr unangenehme Art erwecken würde.

Sein Verlangen eine Reise