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ein fruchtbares aber unangebautes Tal, von Gebirgen und Wildnissen eingeschlossen, und, wie er glaubte, von der natur selbst zu seiner Freistätte bestimmt für den Tugendhaften, der sein Glück in sich selbst findet, und für einen jungen Prinzen, den das Glück seine Unbeständigkeit in so zarter Jugend schon erfahren liess.

Hier legte Dschengis eine Art von Pflanzstätte an, indem er einer Anzahl Sklaven beiderlei Geschlechts, die er von den benachbarten Tschirkassiern zu diesem Ende gekauft hatte, die Freiheit unter der Bedingung schenkte, dass sie ihm helfen sollten diese öden Gegenden anzubauen. Die natur belohnte seinen Fleiss mit dem glücklichsten Erfolge. In wenigen Jahren verwandelte sich der grösste teil dieser angenehmen Wildnis in Kornfelder, Gärten und Auen, von tausend kleinen Bächen gewässert, welche Dschengis und seine Gehülfen aus den benachbarten Gebirgen in ihre aufblühenden Pflanzungen ableiteten. Die frohen Bewohner lebten im Überflusse des Notwendigen, und in dieser glücklichen Armut an entbehrlichen Dingen, welche für den Weisen oder für den Unwissenden Reichtum ist. Dschengis, wiewohl sie alle seine Sklaven gewesen waren, masste sich keiner herrschaft über sie an.

Alle Ungleichheit, welche nicht von der natur selbst herrührt, war aus den Hütten dieser Glückseligen verbannt. Die Väter der sämtlichen Haushaltungen machten zusammen eine Art von Gericht aus, das sich über Dinge, welche die allgemeine Wohlfahrt betrafen, beratschlagte, und die kleinen Streitigkeiten schlichtete, die unter einem so wenig zahlreichen, so fröhlichen und so armen Völkchen entstehen konnten.

Im Schosse dieser kleinen Kolonie wuchs, als unter seinesgleichen, der Neffe des grössten und üppigsten aller morgenländischen Könige in einer Unwissenheit seines Standes auf, welche der weise Dschengis für nötig hielt, was auch das Schicksal über seinen königlichen Pflegesohn beschlossen haben möchte. 'Ist er zum Trone bestimmt', dachte er, 'so werden die Völker, die er einst glücklich machen wird, die Asche des ehrlichen Dschengis dafür segnen, dass er ihnen einen König erzogen hat, der, in der Gewohnheit die niedrigste Klasse von Menschen als seinesgleichen anzusehen, – in der Gewohnheit nichts von andern zu erwarten, was sie nicht auch von ihm fodern können, – in der Gewohnheit seinen Unterhalt seinem eigenen Fleisse zu danken zu haben, – aufgewachsen, des sinnlosen Wahnes unfähig ist, dass Millionen Menschen nur darum in der Welt seien, damit er allein müssig gehen und sich allen seinen Gelüsten überlassen könne. Ist es hingegen sein Schicksal sein Leben in der Dunkelheit zuzubringen, so ist die Unwissenheit seiner Abkunft ein Gut für ihn selbst: ihm den wohltätigen Irrtum, sich für den Zustand worin er lebt geboren zu glauben, benehmen wollen, wäre in diesem Falle Grausamkeit.'

Tifan liess sich also, wenn er hinter seinen Herden herging, wenig davon träumen, dass ihn die Geburt bestimmt habe, statt des Schäferstabes einen Zepter zu führen; und das fürstliche Blut, das in seinen Adern floss, sagte ihm so wenig von irgend einem angebornen Vorzuge vor den Leuten mit denen er lebte, dass er vielmehr einen jeden mit einem Gefühl von Ehrerbietung ansah, welcher besser arbeiten konnte, und also nützlicher war als er. Oft wenn Dschengis den jungen Prinzen, in seinem Kittel von grober Leinwand, mit beschwitzter Stirne von der Feldarbeit zurück kommen sah, lachte er bei sich selbst über die Unverschämteit jener Schmeichler, welche die Grossen der Welt bereden wollen, als ob sogar in ihrem Blute ich weiss nicht was für eine geheimnisvolle Zauberkraft walle, die ihrer ganzen person und allen ihren Trieben und Handlungen eine gewisse Hoheit mitteile, welche sie von gemeinen Menschen unterscheide und diese letzteren zu einer unfreiwilligen Ehrfurcht zwinge. 'Wer dächte, dass dieser junge Bauer ein Königssohn wäre?' sagte er zu sich selbst. 'Er ist wohl gebildet; seine Augen sind voller Feuer; seine Züge bezeichnen eine gefühlvolle und wirksame Seele: aber bei dem allen erkennt, ausser mir selbst, niemand der ihn sieht etwas anders in ihm, als einen zum Karst und Pfluge gebornen Bauernsohn, und er selbst ist vollkommen überzeugt, dass Hysum, unser Nachbar, ein ungleich besserer Mann ist als er.'"

"Diese Betrachtung schmeichelt den Fürstensöhnen nicht", sagte Schach-Gebal, "und ich gestehe, dass ich sie nie gemacht habe; aber nun, da sie gemacht ist, deucht mir, sie hat recht. Die Poeten und Romanschreiber die uns solche Dinge weismachen wollen, verdienten etliche Dutzend Streiche auf die Fusssohlen dafür, denn ich wette, sie glauben selbst kein Wort davon."

"Der junge Tifan verlor bei der Lebensart, worin ihn sein Pflegevater erzog, die feine Lilienfarbe und das schwächliche Ansehen, welches, wenn er am hof zu Scheschian erzogen worden wäre, ihn vermutlich von gemeinen Erdensöhnen unterschieden hätte. Aber er gewann dafür einen starken und dauerhaften Körper, eine männliche Sonnenfarbe, frisches Blut, und Lippen, in welche er nicht nötig hatte zu beissen, um sie röter als reife Kirschen zu machen.

Indessen war der weise Dschengis weit davon entfernt, die angeborne Bestimmung seines Pflegesohns aus den Augen zu verlieren. Tifan hatte ihm zu viel gekostet, als dass er sich hätte begnügen sollen, ihn bloss zu einem guten Landmanne zu bilden; denn alles was der betörte Isfandiar tat, um die Nation so schnell als möglich zu grund zu richten, machte es mehr als wahrscheinlich, dass Tifan vielleicht eher als er dazu tüchtig wäre, sich aufgefordert finden könnte, sein Recht an die Krone geltend zu machen. Dschengis setzte sich also nichts Geringeres vor