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deren blosser Erzählung allen übrigen, wie er sagte, die Waffen aus den Händen fallen sollten. Aber er kannte die menschliche natur nur halb. Das unmittelbare Anschauen dieser Strafen, und der Anblick einiger tausend gedungener Mörder, bereit, auf den ersten Wink, wie eben so viele wilde Tiere, unter ein friedsames und schüchternes Volk einzufallen, hätte diese wirkung allerdings getan: aber die Nachrichten, welche sich von diesen neuen Beweisen der Grausamkeit Isfandiars in den Provinzen verbreiteten, taten eine ganz entgegen gesetzte auf die Einbildungskraft der Scheschianer. Ihr Missvergnügen verkehrte sich in Wut; die Anführer der Empörung fanden sich nun in der unumgänglichen notwendigkeit zu siegen, oder wenigstens nicht ungerochen zu sterben. Der Aufstand, dessen Gefahr Eblis, so lang es möglich war, seinem betrogenen Herrn verborgen hatte, gewann in kurzem eine solche Gestalt, dass man sich gezwungen sah Isfandiarn die Augen zu öffnen.

Dieser Prinz, dem es weniger an Mut, als an der Geschicklichkeit ihn zu regieren, fehlte, machte sich fertig, an der Spitze eines Kriegsheers, dessen Treue er durch grosse Geschenke und noch grössere Versprechungen erkauft zu haben glaubte, zum ersten Mal in seinem Lebengegen seine eigenen Untertanen zu feld zu ziehen. Die Häupter der Empörung hatten inzwischen Zeit genug gehabt, sich in Verfassung zu setzen, Abrede mit einander zu nehmen, und nach einem gemeinschaftlichen Plane zu handeln. Da sie entschlossen waren, die Waffen nicht eher niederzulegen, bis sie die Wohlfahrt des staates und die Rechte seiner Bürger gegen die Anmassungen der willkürlichen Gewalt auf eine dauerhafte Art sicher gestellt hätten: so fanden sie nötig alles so viel möglich zu vermeiden, was ihrem Unternehmen das Ansehen eines strafbaren Aufruhrs geben könnte. Das ganze Scheschian sollte überzeugt werden, dass sie die Waffen nicht gegen ihren rechtmässigen König, sondern bloss zu notgedrungner Beschützung ihrer wesentlichsten Rechte gegen die Eingriffe seiner Ratgeber ergriffen hätten. In dieser Absicht liessen sie eine Art von Manifest an Isfandiarn gelangen, worin sie, nach einer lebhaften Vorstellung aller ihrer Beschwerden, sich erklärten, dass sie sogleich wieder aus einander gehen wollten, sobald der König diesen Beschwerden abgeholfen, und, zum Beweise seiner Aufrichtigkeit, den Günstling Eblis der gerechten Rache einer ganzen beleidigten Nation ausgeliefert haben würde."

"Dies", sagte Schach-Gebal, "war eine Zumutung, wozu ein Fürst, der auf seine Ehre hält, sich nie verstehen wird."

"Auch war Isfandiar weit von einem solchen Gedanken entfernt", fuhr Danischmend fort. "Aber es währte nicht lange, so bekam er Ursache sich reuen zu lassen, dass er die Erhaltung eines Einzigendie auf der Waage der Klugheit ein Atom ist, wenn die Wohlfahrt des staates und die Sicherheit des Trones in der andern Schale liegt, – für wichtig genug angesehen hatte, sie so teuer zu erkaufen. Eblis wurde bald gewahr, dass die Sachen seines Herrn und seine eigene einer furchtbaren Entscheidung nahe waren. Er fand es zu gefährlich für sich selbst, seine eigene Sicherheit von dem Ausgang eines Treffens abhangen zu lassen, von welchem er sich in jeder Betrachtung wenig versprechen konnte. Er bedachte sich also nicht lange. Treue, Dankbarkeit, Freundschaft konnten ihn nicht verhindern, eine schändliche Tat zu tun; denn sie waren für ihn blosse Namen ohne Bedeutung. Er liess sich in geheime Unterhandlungen mit den Häuptern der Missvergnügten ein, und machte sich anheischig, mit dem grössten Teile des königlichen Kriegsheeres zu ihnen überzugehen, wofern sie ihm die Ehre, auf gleichen Fuss mit ihnen selbst an der Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe zu arbeiten, zugestehen und hinlänglich versichern würden. Die Empörten gingen alles ein, und Eblis arbeitete inzwischen mit eben so viel Eifer als Behutsamkeit daran, die Truppen und ihre vornehmsten Anführer teils in seinen Anschlag zu ziehen, teils zu unwissenden Werkzeugen desselben zu machen; und dies tat er zu eben der Zeit, da er seinen Herrn durch den Schein der feurigsten Ergebenheit und durch eine Menge falscher Nachrichten in die tiefste Sicherheit zu versenken wusste. Sein Anschlag ging so glücklich von Statten, dass er, in einem Anstosse des Schwindelgeistes, welcher grosse Verbrecher schon so oft zu Werkzeugen ihres eigenen Untergangs gemacht hat, auf einmal sich die stolze Hoffnung träumen liess, in dem Augenblicke, da Isfandiar vom Trone herab stürzen würde, sich selbst hinauf zu schwingen. Die Empörten hatten bisher noch immer geneigt geschienen, die königliche Würde in dem verhassten Isfandiar zu schonen. Aber Eblis stellte ihnen vor, dass es unmöglich sei, so lange der Tyrann lebe, an eine dauerhafte Staatsverbesserung zu denken, oder nur Sicherheit für ihre eignen Personen und Güter zu hoffen. Er wusste ihnen die notwendigkeit, das Übel (wie er sagte) durch einen kühnen Streich an der Wurzel abzuhauen, so eindringend vorzustellen, dass man ihn auf alle mögliche Weise zu unterstützen versprach, wofern er die Ausführung dieses Streiches übernehmen wollte.

Alles schien sich zu vereinigen, den Verräter Eblis des glänzenden Ziels seiner Wünsche teilhaftig zu machen, als er auf einmal (aber zu seinem Unglück erst da es zu spät war) die Erfahrung machte: dass der Lasterhafte sehr unrecht tut, wenn er von den Werkzeugen seiner Übeltaten Tugend erwartet. Eblis hatte gehofft, die Wenigen, denen er sein Geheimnis anzuvertrauen genötiget war, durch Eidschwüre, Belohnungen und Erwartungen eines schimmernden Glückkes gefesselt zu haben. Aber er betrog sich. Einer von ihnen machte die Bemerkung, dass wahrscheinlicher Weise noch mehr zu gewinnen sei, wenn er dem Sultan die Treulosigkeit seines