1772_Wieland_107_79.txt

aller Verbrechendie Beleidigung der Menschheit sei."

"Danischmend", rief der Sultan aus, "ich bin deines Isfandiars müde. Der Sultan, sein Günstling, sein Hof und seine Untertanen sind samt und sonders nicht würdig, länger von der Sonne beschienen zu werden. Wie wenn du eine hübsche Sündflut kommen liessest, und die ganze ekelhafte Brut vom Erdboden wegspültest?"

"Sire", sagte Danischmend, "dies ist die Sache des himmels: er wird seine Ursache haben, warum er einer verbrecherischen Welt so lange zusieht."

"Keine Metaphysik, Herr Doktor! Höre was ich dir sagen werde. Ich gebe dir bis morgen Bedenkzeit, ob du sie durch ein Erdbeben, oder durch eine Sündflut, oder durch Heuschrecken und Pest vertilgen willst. Genug, wenn sie mir nur je eher je lieber aus den Augen kommen."

4.

"Die Lebenskräfte eines grossen Reiches" (so fuhr Danischmend des folgenden Abends fort) "sind beinahe unerschöpflich; und eine Nation kann sich Jahrhunderte lang ihrem Untergange nähern, kann oft unmittelbar an dem rand desselben schwanken, und noch Kräfte genug haben, sich wieder aufzuraffen und den schrecklichen Augenblick etliche Jahre weiter hinaus zu setzen. Ein weitläufiges, unter einem günstigen Himmel liegendes Land, welches eine lange Zeit aufs fleissigste angebaut worden ist, muss lange verwahrloset werden, bis es zur Wildnis wird; und Menschen, welche einmal an gewisse gesetz, an einen gewissen Grad von Unterwürfigkeit gewöhnt sind, können unendlich viel leiden, bis das Unvermögen ihren Zustand länger auszustehen die Bezauberung auflöst, oder Verzweiflung ihnen wenigstens den Mut gibtzu sterben.

Diese Betrachtung pflegt die Werkzeuge einer ungerechten Regierung bei dem Anblick der zerstörenden Folgen ihrer Tyrannei gleichgültig und sicher zu machen. Das Übel ist noch nicht so gross, denken sie; der Esel schleppt sich noch immer unter seiner Last fort, er kann noch mehr tragen; und so wird immer noch mehr aufgelegt, bis er zu Boden sinkt und stirbt.35 Indessen ist wahrscheinlich, dass sich eine Wissenschaft erfinden liesse, wie man, unter gegebenen Umständen, für jedes Land den Tag, die Stunde, und den Augenblick ausrechnen könnte, wo der Staat unter einer gewissen Summe von Übeln – (die Dazwischenkunft irgend eines wohltätigen Wunderwerks ausbedungen) – einsinken müsste; und nichts ist mehr zu wünschen, als dass zum Besten des menschlichen Geschlechts ein Preis auf Erfindung eines solchen politischen Barometers gesetzt werden möchte."

Schach-Gebal hatte, wie man vielleicht schon be

merkt haben wird, gewisse Launen, worin er, bei allem seinem Witz, Dinge zu sagen fähig war, welche seinem Oheim Schach-Baham Ehre gemacht hätten. Die Wahrheit zu sagen, er hörte zuweilen nur mit halbem Ohr, und dies war gerade, was ihm diesmal begegnete. Sobald er hörte, dass Danischmend seinen Diskurs mit einer Reflexion anfing, überliess er sich, ohne ganz unachtsam darauf zu sein, den Gedanken, die sich von ungefähr anboten, bis ihn der politische Barometer, wie ein elektrischer Schlag, auf einmal wieder zur Aufmerksamkeit weckte. Die idee gefiel ihm. "Höre Danischmend", rief er, "der Einfall, den du da hattest, ist vortrefflich. Wenn es nur an einem Preise liegt, so setze ich zehntausend Bahamd' or für den Erfinder aus. Du kannst morgen dem Präsidenten meiner Akademie Nachricht davon geben."

Nurmahal und Danischmend sahen einander verstohlner Weise an; aber der Ton des Sultans war zu ernstlich, als dass es ratsam gewesen wäre, ihn mit Lächeln zu beantworten. Sie zogen sich also mit hülfe einer kleinen Grimasse so gut aus der Sache, als es in der Eile möglich war. Danischmend versicherte Seine Hoheit, der zehente teil des versprochnen Preises werde hinlänglich sein, die Philosophen von Indostan in Tätigkeit zu setzen; und Schach-Gebal ergetzte sich nicht wenig an dem Gedanken, seine Regierung durch eine so sinnreiche und nützliche Erfindung verherrlicht zu sehen. Nach einer kleinen Weile fuhr Danischmend, auf Befehl des Sultans, in seiner Erzählung fort.

"Aus Mangel des politischen Lastenmessers, welcher das Glück gehabt hat den Beifall Ihrer Hoheit zu erhalten, lässt sich dermalen nicht genau bestimmen, wie lange Scheschian unter Isfandiars Regierung noch hätte schmachten können, wofern dieser unweise Fürst durch einen Schritt, der in den damaligen Umständen des Reichs durch nichts gerechtfertiget werden konnte, die fatale Stunde nicht selbst herbei gerufen hätte.

Ihre Hoheit erinnern Sich ohne Zweifel noch der Blauen und Feuerfarbnen, die unter der Regierung Azors so gefährliche Unruhen in Scheschian angezündet hatten. Isfandiar, der sich bei seiner Tronbesteigung das Gesetz gemacht zu haben schien, alles zu hassen was sein Vater geliebt hatte, nahm einige Jahre lang die Feuerfarbnen aus keinem andern Grund in seinen besonderen Schutz, als weil unter der vorigen Regierung die Blauen die Oberhand gehabt hatten. Damit ja niemand an dem Beweggrunde seines Betragens zweifeln könnte, spottete er öffentlich und ohne Zurückhaltung über den Glauben der einen und der andern. Eblis hatte ihn angewöhnt, die Religion überhaupt in einem falschen Lichte zu betrachten. Nichts konnte kürzer sein als die Metaphysik dieses Günstlings war. 'notwendigkeit und Ungefähr', sagte er, 'haben sich in die Regierung der Welt geteilt. Der Mensch schwimmt wie ein Sonnenstaub im Unermesslichen; sein Dasein ist ein Augenblick; dieser Augenblick ist alles was er sein nennen kann, und sich diesen Augenblick zu Nutze zu machen, ist alles was er zu tun hat.' – Auf solche