Menschen für nichts besseres als eine Gattung von Tieren an, von welcher sich mehr Vorteile ziehen lassen als von irgend einer andern; und in der Kunst, sie für ihren Gebieter zu gleicher Zeit so nützlich und so unschädlich als möglich zu machen, bestand, nach ihm, das grosse Geheimnis der Regierungskunst. Man hätte ihm diesen Grundsatz gelten lassen können, wenn er vorausgesetzt hätte, dass der Vorteil des Gebieters und des staates allezeit einerlei sei. Aber dies war es nicht was er damit wollte.
'Der Mensch', sagte Eblis, 'ist aus zwei entgegen gesetzten Grundneigungen zusammen gesetzt, deren vereinigte wirkung ihn zu dem macht was er ist: Hang zum Müssiggang und Hang zum Vergnügen. Ohne den letzteren würde ihn jener ewig in einer unüberwindlichen Untätigkeit erhalten; aber so gross sein Abscheu vor Abhänglichkeit und Arbeit ist, so ist doch sein Hang zum Vergnügen noch stärker. Um beide zu vereinigen, ist ein Zustand von Unabhänglichkeit, worin er alles mögliche Vergnügen ohne einige Bemühung genösse, das letzte Ziel seiner Wünsche. Er kennt keine Seligkeit über dieser. Daher dieser unauslöschliche Hang zum Despotismus, der dem armseligsten Erdensohn eben so angeboren ist als dem Erben des grössten Monarchen. In dem ganzen Scheschian ist kein einziger, welcher nicht wünschte, dass alle übrige nur für sein Vergnügen beschäftigt sein müssten. Allein die natur der Sache bringt es mit sich, dass nur ein Einziger dieser glückliche sein kann: alle übrige sind durch die notwendigkeit selbst dazu verurteilt, sich, so lange sie leben, mehr oder weniger zu diesem letzten Wunsche des Sterblichen empor zu arbeiten; und selbst das Glück, ihm nahe zu kommen, kann nur Wenigen zu Teile werden. Was soll nun der einzige hierbei tun, der, mit dem vergötterten Diadem um die Stirne, oben auf der Spitze des berges steht, und nichts Höheres zu ersteigen sieht? Soll er sich etwann in dem Genuss seiner Wonne durch albernes Mitleiden mit der wimmelnden Menge stören lassen, welche voll klopfender Begierde sich aus der Tiefe empor zu heben versucht, und, neidische Blicke auf die versagte Glückseligkeit heftend, bei jedem Tritt auf der schlüpfrigen Bahn in Gefahr schwebt, durch das Gedränge ihrer Mitwerber oder ihre eigene Hastigkeit tiefer, als sie empor gestiegen ist, wieder herunter zu glitschen? Soll er vielleicht so höflich sein, einem unter ihnen Platz zu machen? – Wahrhaftig! Sie mögen sehen, wie sie hinauf kommen; dies ist ihre Sache. Die seinige ist, indem sie von Stufe zu Stufe zu ihm empor klettern, sich ihrer hände zu bedienen, um alle Güter und Freuden der Welt zu den Füssen seines Trones aufhäufen zu lassen; und wenn ihm der Genuss alles dessen, was die übrigen wünschen, noch eine sorge verstatten kann, so ist es, zu verhindern, dass von der wetteifernden Menge keiner hoch genug steige, ihn von seinem Gipfel herab zu drängen. Nichts würde dem Einzigen gefährlicher sein, als wenn die Menge alle Hoffnung in einen bessern Zustand zu kommen verlöre. Diese Hoffnung ist die wahre Seele eines staates; mit ihr versiegt die Quelle des politischen Lebens; eine allgemeine Untätigkeit verkündigt, gleich der Todesstille vor einem Sturme, die schrecklichen Wirkungen der Verzweiflung, unter welchen schon so manche Tronen Asiens eingestürzt sind. Aber nichts ist leichter als diesem Übel zuvorzukommen. Es gibt zwischen dem Tagelöhner und dem Sultan so viele Stufen; und jede der höhern Stufen ist für den, der einige Grade tiefer steht, so beneidenswürdig, dass etliche Beispiele, welche von Zeit zu Zeit die Hoffnung zu steigen in den letzteren wieder anfrischen, hinreichend sind, den Staat in dieser Geschäftigkeit zu unterhalten, wodurch alle Glieder desselben, indem sie bloss ihren eigenen Vorteil zu befördern glauben, dem glücklichen Einzigen dienstbar werden.'
Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass nichts seichter sein kann als diese Trugschlüsse des sinnreichen Eblis. Die Grundfeste eines staates besteht in der Zufriedenheit der untersten Klassen mit dem stand worin sie sich befinden, und sein Untergang ist von dem Augenblick an gewiss, da der Landmann Ursache hat, den müssig gehenden Sklaven eines Grossen zu beneiden.
Die Grundsätze des sinnreichen Eblis hatten drei grosse Fehler. Sie hingen eben so wenig unter sich zusammen, als sie mit der Erfahrung übereinstimmten; und man konnte sie alle Augenblicke übertreten, ohne an Gründen Mangel zu haben, welche die Ausnahmen rechtfertigten. Aber sie schmeichelten den Leidenschaften eines Fürsten, der keine andre Regel kannte noch kennen wollte, als seine Laune. Isfandiar fand nichts bündiger als die Schlüsse seines Lieblings.
Man konnte schwerlich weniger Anlage zu einer mitleidigen Sinnesart haben als dieser Sultan. Das kleinste Ungemach, das ihn selbst betraf, setzte ihn in die heftigste Ungeduld; aber das Leiden andrer fand keinen Zugang zu seinem Herzen. Wie überflüssig war die Bemühung, einen solchen Fürsten noch durch Grundsätze gefühllos zu machen! Und gleichwohl hatte Eblis nichts Angelegeners, als ihm seine Untertanen bei jeder gelegenheit in dem verhasstesten Lichte zu zeigen.
'Das Volk', sagte Eblis zum Sultan seinem Herrn, 'ist ein vielköpfiges Tier, welches nur durch Hunger und Streiche gebändiget werden kann. Es wäre Unsinn, seine Liebe durch Wohltaten gewinnen zu wollen. Tausend Beispiele von schwachen Fürsten, welche die Opfer einer allzu milden Gemütsart geworden sind, beweisen diese Wahrheit. Das Volk sieht alles Gute was man ihm erweist für Schuldigkeit an, erwartet immer noch mehr als man zu seinem Besten tut, und hält sich von aller Pflicht der Dankbarkeit losgezählt, sobald es