. Narren haben sich zu allen zeiten vergebens oder auf Unkosten ihrer Vernunft bemüht, uns die Tugend, von welcher jene schwatzten, in ihrem Leben zu zeigen. Aber ein dreifacher Tor müsste der sein, der einen Freund auf Unkosten seiner selbst glücklich machen, – der den Augenblick, das einzige was in seiner Gewalt ist, einem Traume von Zukunft aufopfern, – oder für andre leben wollte, wenn er sie nötigen kann für ihn da zu sein!' Diese abscheuliche Moral" –
"Ich besorge, Danischmend, es ist die Moral von zwei Fünfteln meiner Rajas, Omras und Mollas", sagte der Sultan.
"Das verhüte der Himmel", versetzte Danischmend. "Aber dessen bin ich versichert, dass es, wenn unser Herz uns nicht, wider Willen unsrer Köpfe, zu bessern Leuten machte, die Moral aller Erdenbewohner wäre."
"Mir deucht", sprach die schöne Nurmahal, "nichts beweiset besser, wie wahr es ist, dass nur die schönen Seelen der Tugend fähig sind, als der Ton, in welchem Eblis von dieser ihm unbekannten Gotteit spricht. 'Ein dreifacher Tor müsste der sein, der seinen Freund auf Unkosten seiner selbst glücklich machen wollte.' Ja wohl, Eblis! ein dreihundertfacher Tor müsst er sein. Aber dies weiss Eblis nicht – denn woher sollt er es wissen können? – dass der Fall, den er setzt, gar nicht möglich ist. Ein Freund kann für seinen Freund nichts auf Unkosten seiner selbst tun, – denn dieser Freund ist er selbst.34 Welchen grösseren Gewinn konnte er machen als die Glückseligkeit seines Freundes? Er könnte sein Leben für ihn geben, und würde in dem letzten Augenblicke, der vor diesem süssen Opfer vorher ginge, mehr leben als in zwanzig Jahren, die er bloss sich selbst gelebt hätte."
"Schwärmerin! – komm und gib mir einen Kuss", rief der Sultan. "Zweiundzwanzig Jahre, seit ich Sultan bin, verhindern mich nicht zu fühlen, dass etwas in dieser Schwärmerei ist, das meine ganze Sultanschaft aufwiegt."
"Die Grundsätze des verführerischen Eblis fanden in dem Herzen des Prinzen Isfandiar so wenig Widerstand, dass sie sich ohne grosse Mühe seines Kopfes bemeistern konnten. Eblis hatte das Anstössige, welches sie für eine jede noch nicht ganz verdorbene Seele haben müssen, so geschickt zu verbergen gewusst, dass der Prinz sich mit vollkommner Sicherheit dem Vergnügen überliess, seinen Geist, wie er wähnte, von Vorurteilen zu entfesseln, deren Joch nur diejenigen tragen müssten, welche zum Gehorchen geboren wären. Da er ohnehin eine starke Neigung in sich fühlte, seine Laune zur einzigen Regel seiner Urteile und Handlungen zu machen: so konnte es nicht wohl anders sein, als dass er ein System sehr überzeugend finden musste, welches ihm, von dem Augenblick an, da er alles können würde was er wollte, die Vollmacht erteilte, alles zu wollen was er könnte.
Die Ungeduld, so viel Jahre als der König sein Vater noch zu leben hätte, zwischen sich und dem Ziele seiner feurigsten Wünsche zu sehen, nahm mit jedem Jahre so stark zu, dass sie bei einem Prinzen, der so wenig gewohnt war seinen Leidenschaften zu gebieten, sich endlich zu deutlich verraten musste, um dem alten Azor verborgen zu bleiben. Alle Mühe, die sein Liebling anwandte, ihn zu einem klügern Betragen zu bereden, war vergeblich. Isfandiar tadelte alle Massregeln des Hofes, sprach mit sehr wenig Zurückhaltung von den Schwachheiten seines Vaters, und begegnete der schönen Gulnaze so, als ob er sich vorgesetzt hätte, sie alle Augenblicke zu erinnern dass sie eine persische Tänzerin gewesen sei.
Azor ertrug diesen Übermut mit einer Nachsicht, welche zu sehr die Miene einer Schwachheit hatte, um den Prinzen zum Gefühl seiner Pflicht zurück zu bringen; und in der Tat würde ein strengeres Verfahren zu nichts gedient haben, als ihn die Abnahme seines Ansehens und die Ohnmacht einer zum Ende sich neigenden Regierung desto kränkender fühlen zu lassen. Die seinige war so verhasst, dass sein Tronfolger schon dadurch allein, weil er sie öffentlich missbilligte, der Abgott des Volkes wurde. Der Hof des letzteren vergrösserte sich zusehens; und man sprach endlich so laut von der notwendigkeit, den alten König einer Bürde, welche jüngere Schultern erfordre, zu entladen; dass Isfandiar vermutlich nicht länger gezögert haben würde, diese Gesinnungen der Nation zum Vorteil seiner Wünsche anzuwenden, wenn ihn nicht der Tod des Königs wenigstens dieser letzten Stufe seines Verbrechens überhoben hätte.
Niemals sind die Erwartungen eines Volkes stärker betrogen worden, als an dem Tage, da Isfandiar den Tron von Scheschian bestieg. Aber was für Ursache hatten auch die Scheschianer mehr von ihm zu erwarten als von seinem Vater? Wie viele Könige, welche sich durch die heiligsten Gelübde verbinden müssen nur für die Glückseligkeit ihrer Völker zu leben, erinnern sich dieser Gelübde noch, nachdem sie den ersten Zug aus dem Zauberkelch der willkürlichen Gewalt getan haben? In Scheschian mussten sich die Könige zu nichts verbinden. Das Volk schwor ihnen grenzenlosen Gehorsam, und sie – erlaubten, am Tag ihrer Krönung, dem geringsten ihrer Untertanen – den Saum ihres Mantels zu küssen. Was für Erwartungen kann ein Volk auf eine solche Gnade gründen?
Azor hatte vor seiner Tronbesteigung alle Herzen durch Leutseligkeit und Güte gewonnen; man erwartete goldne zeiten von ihm, und fand sich betrogen.
Isfandiar hatte sich nie die geringste Gewalt angetan, die ungestüme Hitze, die Unempfindlichkeit und das Wetterwendische seiner Gemütsart zu