schlimm zu sein als er nur gewollt hätte, und dergleichen mehr. Der junge Isfandiar ermangelte nicht, aus diesen und ähnlichen Sätzen, welche aus der verkehrten Weise, wie ihm die geschichte beigebracht wurde, zu folgen schienen, sich eine geheime Sittenlehre zu seinem eigenen Gebrauch zu bilden, welche desto gefährlicher war, da sein von natur wenig empfindsames Herz keine Neigungen hatte, welche seinen Launen und Leidenschaften das Gegengewicht hätten halten können.
Ich habe mich, nicht ohne Gefahr dem Sultan meinem Herrn lange Weile zu machen, bei der Erziehung des Prinzen Isfandiar verweilt, weil ich überzeugt bin, dass sie grossen Teils an den Torheiten und Lastern schuld ist, welche die Regierung dieses unglücklichen Fürsten auszeichnen."
"Aber, wenn dies wäre", sagte Schach-Gebal, "wie viele Königssöhne in der Welt müssten eben so schlimm sein, als dein Isfandiar! Denn ich bin gewiss, dass unter zehen kaum Einer ist, der sich einer bessern Erziehung rühmen kann."
"Sire" (antwortete Danischmend), "dieses letzte als eine Erfahrungssache vorausgesetzt, liesse sich schliessen, die meisten Fürsten würden, durch eine besondere Vorsehung welche für das Beste der Menschheit wacht, mit einer so vortrefflichen Anlage in die Welt geschickt, dass sie alles dessen was die Erziehung an ihnen verderbt ungeachtet, immer noch gut genug blieben, um uns zu zeigen wie vortrefflich sie hätten werden können, wenn der Keim der Vollkommenheit in ihnen entwickelt und zur Reife gebracht worden wäre."
"Wofern dies nicht etwann Ironie ist", sagte Schach-Gebal lächelnd, "so bedanke ich mich bei dir im Namen aller, die bei dieser sehr verbindlichen Hypotese etwas zu gewinnen haben."
"Ich empfinde meine Pflicht zu stark" (erwiderte Danischmend), "um von einer so ernstaften Sache anders als in vollem Ernste zu reden. Und ich denke, nichts kann dem hohen Begriff, den wir uns von der Güte des unsichtbaren Regierers der Welt zu machen schuldig sind, gemässer sein, als der Gedanke, dass er (ordentlicher Weise wenigstens) nur die schönsten Seelen zu seinen Unterkönigen in den verschiedenen Teilen des Erdkreises ernenne."
"Wenn mir erlaubt ist meine Meinung über eine Sache von dieser Wichtigkeit zu sagen", sprach die schöne Nurmahal, "so denke ich, Danischmend habe niemals etwas Wahrscheinlicheres gesagt. Wäre es nicht so wie er behauptet, so dünkte mich unerklärbar, woher es komme, dass unter zwanzig grossen Herren kaum Einer so schlimm ist, als sie alle zwanzig sein sollten, wenn man bedenkt, was die Lebensart, worin sie aufwachsen, die verkehrten Begriffe, welche sie unvermerkt einsaugen, die Mühe, die man sich gibt, durch Schmeichelei, niederträchtige gefälligkeit und schlaue Verführungskünste ihren Kopf und ihr Herz zu verderben, bei gewöhnlichen Menschen für eine wirkung tun müssten."
"Ich zweifle nicht, meine guten Freunde", sagte der Sultan, "dass alles dies eine abgeredete Schmeichelei ist, die ihr mir sagen wollt. Indessen ist doch wenigstens die Wendung, die ihr dazu genommen habt, zu loben. Aber ich sehe nicht, Danischmend, was der Taugenichts Isfandiar dabei gewinnen kann."
"In der Tat", versetzte Danischmend, "es mangelte ihm, wie ich bereits erwähnte, an dem Kostbarsten, was die natur einem Sterblichen, sie mag ihn zum Pflug oder zu einer Krone bestimmt haben, geben kann, an einer empfindsamen Seele. Diesen Mangel kann auch die vollkommenste Erziehung nicht ganz ersetzen; aber, da sie doch wenigstens etwas tun kann (denn warum sollte sich die natur nicht eben sowohl verbessern als verschlimmern lassen?), so sind in einem solchen Falle die Leute, deren Amt dies ist, desto grössere Verbrecher, wenn sie darin saumselig sind."
"Vermutlich fehlten sie mehr aus Ungeschicklichkeit als aus Bosheit", sagte die Sultanin.
"Ich würde selbst nicht strenger von ihnen geurteilt haben", erwiderte Danischmend, "wenn es weniger gewiss wäre, dass diese Herren (wiewohl sie ihre wahre Absicht unter der gewöhnlichen Phraseologie von Menschenliebe, Patriotismus und Uneigennützigkeit verbargen) insgesamt kein höheres Augenmerk hatten, als ihr Glück zu machen; ein Zweck, den sie am gewissesten zu erhalten glaubten, wenn sie keine gelegenheit versäumten, sich durch eine wenig bedenkliche gefälligkeit in das Herz des künftigen Tronerben einzustehlen.
So fehlerhaft indessen die Erziehung dieses Prinzen war, so würde doch der Schade, den sie ihm zufügte, nicht unheilbar gewesen sein, wenn er nicht das Unglück gehabt hätte, einem gewissen Kamfalu in die hände zu fallen, der ein Bösewicht aus grundsätzen, aber der angenehmste Bösewicht war, den man jemals gesehen hatte. Ich werde, um dem Charakter dieses Menschen sein gehöriges Licht zu geben, genötiget sein, eine kleine Digression in die Gelehrtengeschichte der damaligen Zeit zu machen.
Es lebte damals ein Schriftsteller, namens Kador, der sich von dem grossen Haufen der moralischen Schreiber seiner Zeit durch eine Art von Antipatie gegen alles Aufgedunsene und Gezierte in Empfindungen, Begriffen und Sitten, und überhaupt durch eine merkliche Entfernung von der Kunstsprache sowohl als von den Maximen jenes grossen Haufens unterschieden hatte. Es ist natürlich, dass die besagten Schreiber mit diesem Unterschied um so weniger zufrieden waren, weil das Publikum zwischen ihren Schriften und den seinigen noch einen andern Unterschied machte, der ihrer Eitelkeit nicht gleichgültig sein konnte. Man las nämlich seine Werke mit einem Vergnügen, welches immer die Begierde zurück liess sie wieder zu lesen; da