eines Lehrers der geschichte bei einem jungen Fürsten erfodert einen Mann, der mit der wärmsten Rechtschaffenheit einen tief sehenden und viel umfassenden blick, und das reinste sittliche Gefühl mit der scharfsinnigsten Unterscheidungskraft vereiniget. Keine geringern Eigenschaften setzt die vollkommene Gerechtigkeit voraus, welche er in Zeichnung der Charakter und in Beurteilung der Handlungen, sowohl aus dem sittlichen als politischen Gesichtspunkt, auszuüben hat. Er muss (wenn es mir erlaubt ist, mich durch ein Beispiel verständlicher zu machen) in Alexandern einen dieser ausserordentlichen Sterblichen erkennen, welche die natur zu Ausführung ungewöhnlich grosser Dinge gebildet hat; welche, wie die Götter Homers, eine Mittelklasse zwischen Menschen und höhern Wesen ausmachen, und daher in ihren Lastern wie in ihren Tugenden mehr als gewöhnliche Menschen sind. Er muss jedem seiner Vorzüge, jeder seiner Tugenden ihr Recht widerfahren lassen, ohne seiner Laster um jener willen zu schonen, oder die Schönheit von jenen um dieser willen zu misskennen. Er muss fähig sein, in dem grossen Entwurfe dieses wohltätigen Eroberers einen ganz andern Geist zu entdecken, als derjenige war, der die Attilas antrieb den Erdboden zu verheeren. Er muss einem mann, der zum Beherrscher der Welt geboren war,33 aus der erhabenen leidenschaft, grosse Taten zu tun, kein Verbrechen machen; einer leidenschaft, welche an einem kleineren Geist Ehrgeiz gewesen wäre, aber bei jenem der angeborne Entusiasmus einer Heldenseele war. Aber weh ihm, wenn er nicht empfindet, dass der Sieg bei Arbela nicht mehr war, als was zwanzig andre griechische Feldherren eben so gut hätten bewerkstelligen können als Alexander; und dass hingegen eine fast übermenschliche Grösse der Seele dazu erfodert wurde, den Arzneibecher aus der Hand seines Leibarztes zu nehmen und mit ruhig heiterm Lächeln auszutrinken, während er demselben mit der andern Hand den Brief hinreichte, worin ihm entdeckt wurde, dass dieser Arzt durch Versprechungen, welche einen Heiligen verführen könnten, bestochen sei, ihm Gift zu geben! Weh ihm, wenn er nicht empfindet, dass Alexander, da er lieber brennenden Durst leiden, als etliche seiner Soldaten des Wassers, welches sie ihren schmachtenden Kindern in ihren Helmen zutrugen, berauben wollte, ein grösserer Mann war, als da er, von Feldherren und Königen umgeben, zum ersten Mal vom Tronhimmel der persischen Sultanen auf das besiegte Asien herab sah; oder wenn er nicht empfindet, dass der überwundene Darius, in dem Augenblicke, da er, gerührt von dem edlen Betragen seines Siegers gegen seine Gemahlin und Kinder, niemand als Alexandern für würdig erklärte den Tron des Cyrus zu besteigen, – grösser als Alexander war; – Alexander hingegen in dem Augenblicke, da er, berauscht von der wollüstigen Pracht der persischen Könige, beim Eintritt in das innere Gezelt des Darius ausrief: Dies nenn ich König sein! von der Hoheit eines Halbgottes zum gemeinen Erdensohn herunter sank!
Weit entfernt von dieser Feinheit und Wärme des sittlichen Gefühls, urteilte der gelehrte Mann, der den jungen Isfandiar durch die geschichte zu einem Könige bilden sollte, von den Grossen und ihren Handlungen nach keiner bessern Regel, als nach dem Schein den sie von sich warfen, und (in allen Fällen, wo er keine besondere Ursache hatte zu loben, was er nach seinen grundsätzen hätte tadeln müssen) nach den Vorurteilen der übel zusammen hängenden, schwärmerischen, in einigen Stücken überspannten, in andern allzu schlaffen Sittenlehre, an welche er in den schulen der Bonzen auf eine mechanische Weise angewöhnt worden war. Jeder Eroberer hiess ihm ein Held, jeder freigebige Fürst grossmütig, jeder schwache Fürst gut. Vornehmlich machte er sich zur Pflicht, dem Prinzen von den Fürsten seines Stammes immer die vorteilhaftesten Begriffe zu geben, wiewohl es grössten Teils auf Unkosten der Wahrheit geschehen musste. Er malte alles ins Schöne; er vergrösserte ihre guten oder erträglichen Eigenschaften, stellte ihre Laster in den tiefsten Schatten, und entschuldigte durch sophistische Spitzfindigkeiten was sich nicht verbergen liess. Kurz, er behandelte ihre geschichte nicht anders, als ob die Begriffe vom Guten und Bösen, sobald sie auf einen Grossen angewendet werden, willkürlich würden, oder als ob der königliche Mantel durch eine talismanische Kraft jedes Laster, das er bedeckt, in eine schöne Eigenschaft verwandeln könnte. – 'Man muss gestehen' (pflegte er von einem offenbaren Tyrannen, oder von einem in Üppigkeit versunkenen Wollüstling zu sagen), 'dass dieser grosse Sultan in einigen Handlungen seines Lebens die Strenge, welche durch die Umstände seiner zeiten notwendig gemacht wurde, etwas weiter getrieben hat als zu wünschen war' – oder: 'Es ist nicht zu leugnen, dass seine Neigung zu den Ergetzungen nicht immer in den Schranken der weisesten Mässigung blieb; aber diese Schwachheiten' (setzte er hinzu) 'wurden durch so viele grosse Eigenschaften vergütet, dass es eben so unbillig als unehrerbietig wäre, sich dabei aufzuhalten.'
Der junge Prinz hätte nicht so schlau sein müssen als er war, wenn er sich nicht einige kleine Grundsätze hieraus gezogen hätte, welche das wenige Gute, das der Unterricht seines Sittenlehrers in seinem Gemüte übrig gelassen hatte, vollends vernichteten; zum Beispiel: Dass die Laster eines Fürsten ein Gegenstand seien, von welchem man mit Ehrerbietung reden müsse; dass ein Fürst um so weniger vonnöten habe seinen schlimmen Neigungen Gewalt anzutun, weil es immer in seiner Macht stehe, das Böse, das er tut, wieder zu vergüten; dass man es einem Sultan desto höher anrechnen müsse, wenn es ihm gefällt einige gute Eigenschaften zu haben, weil es bloss an ihm lag, ungestraft so