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würde überflüssigen Stoff zu einem ungeheuern Geschichtbuche geben, welches zu lesen nur die grössten Verbrecher verdammt zu werden verdienen könnten. Unglücklicher Weise ist die geschichte der polizierten Völker, wenn man ihre Kriege (einen andern Schauplatz von Abscheulichkeiten) abrechnet, beinahe nichts anders als dies. Für einen Menschen, der an den Schicksalen seiner Gattung wahren Anteil nimmt, ist es Pein, bei diesen ekelhaften und grauenvollen Gemälden zu verweilen. Das Herz des Menschenfreundes schaudert vor ihnen zurück. ängstlich sieht er sich nach Szenen von Unschuld und Ruhe, nach den Hütten der Weisen und Tugendhaften, nach Menschen die dieses Namens würdig sind, um; und wenn er in den Jahrbüchern des menschlichen Geschlechtes nicht findet was ihn befriedigen kann32, flüchtet er lieber in erdichtete Welten, zu schönen Ideen, welche, so wenig auch ihr Urbild unter dem mond zu suchen sein mag, immer Wirklichkeit genug für sein Herz haben, weil sie ihn (wenigstens so lange bis er durch Bedürfnisse oder unangenehme Gefühle in diese Welt zurück gezogen wird) in einen angenehmen Traum von Glückseligkeit versetzen, – oder, richtiger zu reden, weil sie ihn mit dem innigsten Gefühle durchdringen, dass nur die Augenblicke, worin wir weise und gut sind, nur die Augenblicke, die wir der Ausübung einer edlen Handlung, oder der Betrachtung der natur und der Erforschung ihres grossen Plans, ihrer weisen gesetz und ihrer wohltätigen Absichten, – oder der Freundschaft und Liebe, und dem weisen Genusse der schuldlosen Freuden des Lebens widmen, – dass nur diese Augenblicke gezählt zu werden verdienen, wenn die Frage ist, wie lange wir gelebt haben."

Der sinesische Herausgeber dieser wahrhaften geschichte sagt uns, dass der Sultan über dem letzten Teile der Rede des weisen Danischmend eingeschlafen, und dieser also genötigt worden sei, mit weiterem Moralisieren einzuhalten; ein Umstand, der uns, wie er vermutet, verschiedene schöne Betrachtungen entzogen hat, welche der indostanische Philosoph über diesen teil der geschichte von Scheschian noch gemacht haben könnte.

Des folgenden Abends befahl ihm der Sultan, über den Rest der Regierung des unglücklichen Azors so schnell als nur immer möglich sein würde, hinweg zu glitschen. "Es gibt" (sprach er) "gewisse Leute, die gar zu dumm sind, wie sogar mein guter Oheim Schach-Baham irgendwo angemerkt hat; und gewiss ist dieser Azor einer aus dieser Klasse. Man kann nicht bald genug mit ihm fertig sein."

11.

Danischmend setzte also die geschichte der Regierung Azors folgender massen fort.

"Die kläglichste unter allen den Schwachheiten, welche den Ruhm des guten Königs Azor verdunkeln, war seinem Alter aufbehalten: eine Schwachheit, welche desto verführerischer ist, weil sie einer Tugend ähnlich sieht; desto schädlicher, weil sie Böses aus guter Absicht tut, und desto schwerer zu vermeiden, da selbst der Weiseste aller morgenländischen Könige nicht weise genug war, sich ihrer zu erwehren."

"Dies nennt man, denke ich, ein Rätsel", sagte Schach-Gebal. "Ich bilde mir eben nicht ein, in der Kunst Rätsel aufzulösen dem Sultan, dessen du eben erwähntest, gleich zu kommen: aber diesmal wollt ich doch raten, dass die Schwachheit des grossen Azors, die du uns noch aufbehalten hast, entweder Bigotterie ist, oder doch etwas das ihr sehr ähnlich sieht. Hab ich es getroffen, Doktor?"

"Zum Erstaunen", erwiderte Danischmend, indem er in seinen Ton und in seine Gesichtsmuskeln alle die Bewunderung brachte, die er der Scharfsinnigkeit seines gebietenden Herren schuldig war. "Es waren nun zwanzig Jahre", fuhr er fort, "seitdem die schöne Alabanda eine unbegrenzte Gewalt über das Herz, über den Hof und über die Schatzkammer des Sultans von Scheschian usurpierte. Gewohnheit und Sättigung hatten ihre Bezauberung endlich aufgelöst; und Alabanda sah die Zeit kommen, wo sie sich in der traurigen notwendigkeit befand, zuzugeben, entweder dass Azor aufgehört habe empfindlich, oder dass sie selbst aufgehört habe reizend zu sein."

"Als ob nicht beides zugleich hätte Platz haben können", sagte die schöne Nurmahal.

"Wenigstens", versetzte der Doktor, "war es natürlicher an ihr, das erste zu glauben."

"Und an Azorn das andre", sagte der Sultan mit einem spitzfündigen Lächeln.

"Wie dem auch sein mochte", fuhr Danischmend fort, "die gute Dame beging den Fehler, einen Zufall, den man nach Verfluss von zwanzig Jahren einen von den natürlichsten in der Welt nennen kann, für eine unerträgliche Beleidigung anzusehen. So unbillig dies scheinen mag, so unbesonnen war es, den guten Sultan, welcher wirklich ganz unschuldig an der Sache war, so oft er lange Weile hatte (und dies war sehr oft), mit Vorwürfen von Untreue und Undankbarkeit, und mit allen tragikomischen Wirkungen der Eifersucht und bösen Laune zu verfolgen. Denn was konnte sie anders von einem solchen Betragen erwarten, alsgerade das, was wirklich erfolgte? nämlich, dass er die alte Abgöttin seiner Seele, die er seit geraumer Zeit kaum noch liebenswürdig fand, in kurzem unerträglich finden musste. Von diesem Augenblick an hatte die Regierung der schönen Alabanda ihr Ziel erreicht. Azor suchte nun im Wechsel eine Glückseligkeit, an welche sein Herz gewöhnt war: er zerstreute sich dadurch eine Zeit lang; aber die Befriedigung fand er nicht, die ein reizbares Herz von den Sinnen, oder von den launischen Einfällen einer herum flatternden Phantasie vergebens erwartet. Er wurde also dieser Wanderungen des Herzens