davon zu besorgen haben.'26 Aber Ogul-Kan dürfte sich nur verleiten lassen, aus solchen Streitfragen eine Staatsangelegenheit zu machen, wenn in wenig Jahren das ganze Reich in Feuer stehen sollte.
"So dachte der weise Ogul" (fährt Danischmend fort), "und verdient Ehrensäulen dafür, dass er so dachte. Aber diese Politik war nicht nach dem Geschmack der Bonzen. Sie liessen es darauf ankommen, ob er den Übertretern des Gesetzes sein Versprechen halten würde. Ogul hielt sein Versprechen pünktlich. Ein Ya-faou, der die Meinungen eines gewissen Tulpan, welche vor der Eroberung viele Bewegungen verursacht hatten, öffentlich mit grosser Heftigkeit bestritt, und die Anhänger derselben für unwürdig erklärte von Sonne und Mond beschienen zu werden, empfing auf dem grössten Marktplatze der Stadt Scheschian die ganze Summe der zweihundert Prügel auf die Fusssohlen, ohne dass Einer daran fehlte; und da sein Geschrei und seine Aufhetzungen einen Aufruhr unter dem Pöbel verursachten, liess Ogul-Kan die Schuldigen, an der Zahl zweitausend, von seiner tatarischen Leibwache umringen, und den funfzigsten Mann von ihnen, ohne Ansehen der person, an die kahl gemachten Äste eines hohen Eichbaums aufhängen, der im äussersten Vorhofe der grossen Pagode stand. Diese Justizpflege war ein wenig tatarisch: aber sie brachte ein grosses Gut hervor; denn sie machte die Bonzen verträglich. Das Volk schrie über Tyrannei; Sultan Ogul kehrte sich nicht daran; und in kurzem erkannte die Nation mit Dankbarkeit, dass er sie durch eine wohl angebrachte Strenge von einem grossen Übel befreiet hatte.
Von der Zeit an, da die Bonzen in ihren Streitschriften nicht mehr schimpfen, und durch geheime oder öffentliche Beschuldigungen ihren Gegnern keinen Schaden mehr zufügen durften, verloren sie auch die leidenschaft zum Grübeln und Streiten, wovon sie seit geraumer Zeit besessen gewesen waren. Sie fingen an gewahr zu werden, dass sie sich dadurch bei Vernünftigen nur lächerlich machten, und glaubten weiser zu handeln, wenn sie ihren Witz anwendeten, die Religion von Scheschian mit dem gesunden Menschenverstande ihrer neuen Gebieter auszusöhnen. Diesem löblichen Vorsatze zu Folge geschah es, dass sie, indem sie sich bemühten ihre Grundsätze in das vorteilhafteste Licht zu stellen, unvermerkt auf einen ziemlich einförmigen Lehrbegriff gerieten, der den Tatarn immer einleuchtender wurde: und da die Kamfalu zu gleicher Zeit mit gutem Erfolg an der Bekehrung der tatarischen Schönen arbeiteten; so fand sich nach wenigen Jahren, dass die Eroberer (den König und einige seiner Vertrauten ausgenommen) die Religion des Landes angenommen hatten, ohne dass man recht sagen konnte, wie es zugegangen war. Aber es fand sich auch zugleich, dass die Wallfahrten nach der grossen Pagode merklich abnahmen. Es entstand aus der Vermischung des scheschianischen Aberglaubens mit dem groben tatarischen Menschenverstand eine Art von Mittelding, welches zwar keine neue Religion vorstellte, aber doch unvermerkt in dem Nationalgeiste, in den Vorurteilen, Gewohnheiten und Sitten von Scheschian eine Veränderung hervorbrachte, welche mit einigem Grund ein Schritt zur Verbesserung genannt werden konnte. Was vermutlich das meiste dazu betrug, war die Freiheit, sich auf die Wissenschaften und schönen Künste zu legen, welche OgulKan allen seinen Untertanen erteilte. Denn vormals war dies, wie bei den Ägyptern, ein ausschliessliches Vorrecht der Priesterschaft gewesen. In einem Zeitlaufe von vierzig bis funfzig Jahren wurden die graubärtigen Bonzen gewahr, dass sie sich in einer neuen Welt befanden, welche nicht mehr so leicht zu behandeln war als die alte. Die Märchen, womit sie sonst die fragen der Neugierigen gestillet hatten, wurden nicht mehr so befriedigend gefunden als ehmals. Die Untersuchungen über den Grund dessen was die Menschen wahr nennen, über die natur, den Zweck und die wesentlichen Rechte der politischen Gesellschaft, und über andre Dinge von dieser Wichtigkeit, welche immer häufiger angestellt wurden, hatten die Folge, dass vieles, was man für wahr gehalten hatte, falsch befunden wurde. Und wenn man Gegenständen, die vor einer aufgeklärten Vernunft keine Gnade finden konnten, noch immer einen Rest von Ehrerbietung bewies, so war sie derjenigen gleich, womit man ein altes Gemälde aus den Kinderjahren der Kunst anzusehen pflegt: man schätzt es, nicht weil es gut, sondern weil es alt ist.
Es war von den Bonzen nicht zu erwarten, dass sie eine so wichtige Veränderung mit Gleichgültigkeit ansehen sollten. Auch taten sie ihr Möglichstes, dem sichtbaren Schaden zu wehren, den die Ausbreitung der Vernunft und der Menschlichkeit ihnen selbst und ihren Pagoden zufügte. Aber da sie merkten, dass die letzten Anstrengungen ihrer Kunst nur den Triumph ihrer Gegnerin zu zieren dienten: so schmiegten sie sich endlich unter ihr Schicksal, und betrugen sich ungefähr so, wie eine handelnde Nation, welche sich genötiget sieht, gewisse Zweige von Gewerbe, wiewohl mit augenscheinlichem Verluste, bloss deswegen fortzuführen, um nicht die Handlung selbst zu verlieren, und der Hoffnung entsagen zu müssen, durch irgend eine günstige Wendung der Umstände sich vielleicht dereinst ihres Schadens wieder zu erholen.
Indessen war eine von den heilsamen Folgen dieser Revolution in dem Nationalgeiste von Scheschian, dass die Bonzen selbst sich angelegen sein liessen, an persönlichen Verdiensten wieder zu gewinnen, was sie auf einer andern Seite verloren hatten." Danischmend führt hiervon viel Besonderes an, unterlässt aber gleichwohl nicht, die Anmerkung zu machen: sie hätten bei allem dem nicht recht verbergen können, dass es ihnen lieber gewesen wäre, der notwendigkeit so viele Verdienste zu haben überhoben zu sein. "Sie belauerten", sagt er, "mit der scharfsichtigsten Aufmerksamkeit jede gelegenheit und jedes Mittel