einem denkenden kopf nicht gleichgültig sind."
Danischmend hatte keine Ursachen anzuführen, welche hinlänglich gewesen wären, die Ablehnung dieses Auftrags zu rechtfertigen. Er unterzog sich also demselben mit guter Art, und, nach einer kleinen Pause, fing er seine Erzählung folgender massen an.
"Wiewohl, nach meinem Begriffe, die schlechteste Regierungsform und die schlechteste Religion immer besser ist als gar keine: so gestehe ich doch so willig als irgend jemand, dass eine Nation, wie gross auch ihre Vorteile in andern Stücken sein möchten, unmöglich zu einem gewissen Grade von Vollkommenheit sich erheben könne, wenn sie das Unglück hat, einer ungereimten Verfassung oder einer unvernünftigen Religion unterworfen zu sein. Das letzte war der Fall, worin sich die Einwohner von Scheschian seit undenklichen zeiten befanden. Die Verblendung dieses Volkes über eine Sache von solcher Wichtigkeit würde allen Glauben übersteigen, wenn uns die geschichte der Welt, in ältern und neuern zeiten, nicht so viele abgöttische Völker bekannt machte, welche sich eben so handgreiflich haben hintergehen lassen als die Scheschianer. Die alten Ägypter stellen uns hierin ein Beispiel dar, welches alle andere überflüssig macht. Das Erstaunen bindet uns die Zunge, und die Gedanken stehen still, wenn wir hören, dass ein so weises Volk fähig war, Affen, Katzen, Kälbern, Krokodillen und Meerzwiebeln, mit allen Verzückungen einer fanatischen Ehrfurcht, als göttlichen Wesen, oder wenigstens als sichtbaren Bildern göttlicher Wesen, zu begegnen.21 Ich weiss nicht, ob etwas demütigender für die Menschheit sein kann, als die Gewissheit worin wir sind, dass nichts so Unsinniges und Lächerliches erträumt werden kann, welches nicht zu irgend einer Zeit oder auf irgend einem Teile des Erdenrundes von einer beträchtlichen Anzahl von Menschen für wahr, ernstaft und ehrwürdig wäre angesehen worden. Das schlimmste ist, dass wir selbst, bei aller Verachtung, womit wir fremde Torheiten anzusehen gewohnt sind, grosse Ursache haben zu glauben, dass wir an ihrem platz nicht weiser gewesen sein würden. Erziehung, Beispiel, Gewohnheit und Nationalstolz würden sich bei uns so gut als bei jenen vereiniget haben, unsre Vernunft zu fesseln, und dasjenige was wir jetzt, mit so gutem grund, Unsinn nennen, zum Gegenstand unsrer wärmsten Verehrung zu erheben. Gleich den Ägyptern würden wir das Unvermögen, uns irgend einen gesunden Begriff davon zu machen, ein heiliges Dunkel genannt haben, in welches sterblichen Augen nicht erlaubt sei einzudringen.22 Kurz, in den zeiten der alten Beherrscher des Nils, zu Memphis oder Pelusium geboren, würden wir, gern oder ungern, Katzen, Krokodille und Meerzwiebeln angebetet haben so gut als jene; und dies zu eben der Zeit, da uns nichts so widersinnig gedeucht hätte, als einen Mohren, in demutsvoller Stellung und mit allen Zeichen eines andächtigen Vertrauens in seinen Gesichtsmuskeln, einen Elefantenzahn oder das Horn eines Ziegenbocks in seiner Not anrufen zu sehen.23
Dieser kleine Eingang, Sire, hat mir nötig geschienen, unser Urteil über den Aberglauben der Scheschianer zu mildern, und, in Betrachtung der Schwachheiten der menschlichen natur, uns zu einer Nachsicht zu vermögen, ohne welche wenige Erdbewohner ihren Anspruch auf den Titel vernünftiger Wesen behaupten könnten."
"Herr Danischmend", sagte der Sultan, "was geschehen ist, ist geschehen; wir wollen es dabei bewenden lassen; wiewohl ihr euch, alles wohl überlegt, diese Dissertation hättet ersparen können. Denn am Ende haben wir doch nichts weiter daraus gelernt, als dass alle Köpfe unter dem mond zu zeiten ein wenig mondsüchtig sind, und dass keine Krähe der andern die Augen aushacken soll, wie König Dagobert sagte. Also nichts mehr hiervon, und zur Sache!"
Diesem Befehl zu Folge fuhr der Doktor also fort – –
Der Herausgeber an die Leser
Lücken, geneigte Leser, sind in allen Arten der menschlichen Kenntnisse, besonders in GeschichtsErzählungen, eine allzu gewöhnliche Sache, als dass es euch befremden sollte, hier in der Erzählung des so genannten Philosophen Danischmend eine Lücke, und zwar, wie wir nicht bergen, eine beträchtliche Lücke zu finden.
Diese Lücke ist nicht etwann von der Art derjenigen, welche von den Gelehrten Hiatus in Manuscriptis genannt zu werden pflegen. Die Handschrift, aus welcher wir die geschichte von Scheschian gezogen haben, liegt vollständig vor uns, und es kam bloss auf uns an, ob wir sie so vollständig, als der lateinische Übersetzer sie geliefert, mitteilen wollten oder nicht.
Vielleicht betrügen wir die Neugierde vieler Leser gerade da, wo sie am wenigsten geneigt sind, es uns zu vergeben. Und wirklich hätten wir kein Bedenken tragen sollen, die geschichte der Religion des alten Scheschians, und der Veränderungen welche sich unter einigen Königen mit ihr zugetragen, der Welt ohne Lücken vorzulegen, wenn uns das Beispiel des lateinischen Übersetzers, und die Gründe, womit er sein Verfahren beschönigt hat, hinlänglich geschienen hätten, die Nachfolge desselben zu rechtfertigen.
Er behauptete nämlich: Die weisesten Männer wären von jeher der Meinung gewesen, dass es einer von den wichtigsten Diensten, welche man der wahren Religion leisten könne, sei, wenn man dem Aberglauben und der Tartüfferei (ihren schädlichsten Feinden, weil sie die Maske ihrer Freunde tragen) diese Maske abziehe, und sie in ihrer natürlichen Ungestalt darstelle. Bloss aus diesem grund hätten gelehrte und ehrwürdige Schriftsteller aus den ältern zeiten des christentum, ein Laktantius, ein Arnobius, ein Augustinus und andere, sich eine ernstliche Angelegenheit daraus gemacht, die Ausschweifungen und Betrügereien der heidnischen Priesterschaft (sogar nicht ohne Gefahr durch Bekanntmachung der