1772_Wieland_107_44.txt

und sich selbst gern verbergen möchte.

'Sie sind wirklich alle schön; aber wie finden Sie diese? Ich gestehe, dass ich sie vorziehen würde, wenn ich zu wählen hätte. Man kann nichts Grösseres, nichts Prächtigeres denken. Die Ausführung würde der zeiten Ihrer Majestät würdig sein, welche durch so viele unnachahmliche Werke ein Wunder des spätesten Weltalters bleiben werden.'

'Aber, meine liebste Sultanin' –

(hier heftet Alabanda einen aufmerksamen blick, vermischt mit einem kleinen Zusatz von Erstaunen, auf den Sultan.)

'Ich habe Mühe' –

'Was fehlt Ihnen, mein liebster Sultan? Sie sehen nicht völlig so aufgeheitert aus als Sie mich diesen Morgen verliessen.'

'Ich kann es nicht von mir erhalten, Ihnen meine Ungeneigteit zu etwas, das Ihnen Vergnügen macht, zu erkennen zu geben; und doch''Ich verstehe Sie nicht, Sire; erklären Sie Sich. Kann ich unglücklich genug sein etwas zu wünschen, das Ihnen unangenehm ist?'

'Ungütige Alabanda! wurde ich wohl einen Augenblick anstehen, die ganze Welt zu Ihren Füssen zu legen, wenn ich Herr davon wäre?'

'Vergeben Sie meiner Zärtlichkeit den Anfang eines schüchternen Zweifels', ruft die Dame mit einer liebkosenden stimme, und mit einem von diesen Zauberblicken, deren wirkung ein Liebhaber in allen Atomen seines Wesens fühlt, – indem sie ihre schönen hände sanft auf seine Schultern drückt.

Der Sultanwir wollen ihn, mit Ihrer Majestät Erlaubnis, so tapfer sein lassen als nur immer möglich istmacht eine Bewegung, als ob er sich ihren Liebkosungen, aus einem Gefühl sie nicht zu verdienen, entziehen wolle, sieht sie unschlüssig an, und arbeitet mit einiger Verlegenheit endlich ein zweites Aber heraus – 'Aber, meine Schönste, wie viel meinen Sie wird die Ausführung dieses Entwurfs kosten?'

'Eine Kleinigkeit, Sire; zwei oder höchstens drei Millionen Unzen Silbers.'19

'Man versichert mich, dass die Ausführung des geringsten Plans ungleich höher zu stehen kommen würde; und ich gestehe Ihnen, dass verschiedene dringende Bedürfnisse meiner Provinzen' – –

'Dringende Bedürfnisse?' – ruft die Dame in einem traurigen und erstaunten Tone. 'Ist's möglich, dass jemand so übel gesinnt sein kann, die Ruhe meines geliebten Sultans mit so ungetreuen Berichten zu vergiften? Alle Provinzen Ihres grossen Reiches sind glücklich, und haben keinen andern Wunsch als ewig von dem besten der Könige beherrschet zu bleiben. Und gesetzt der Staat hätte ausserordentliche Bedürfnisse; können Sie zweifeln, dass Ihre Schatzkammer nicht reich genug sei, sie zu bestreiten, ohne dass man vonnöten habe, an einer kleinen Summe zu sparen, die zum Vergnügen Ihrer Majestät und zur Verschönerung der Hauptstadt Ihres Reichs angewendet werden soll?'

'Aber, – liebste Alabanda, wie viele Tausende könnte ich mit dieser Kleinigkeit, wenn Sie ja etliche Millionen eine Kleinigkeit nennen wollen, glücklich machen?'

'Vergeben Sie mir, liebster Sultanaber ich kann mich kaum von meinem Erstaunen erholen. Es gibt, wie ich sehe, Leute, die sich kein Bedenken machen Ihre Gütigkeit zu missbrauchen. Wer kann Ihnen gesagt haben, dass ein König Millionen verschwenden müsse, um müssige Bettler oder bettelhafte Müssiggänger glücklich zu machen? Doch ich merke wohl was unter der Decke liegt: nicht die Unkosten, nur die Verwendung derselben ist gewissen Leuten anstössig. Es mag sein! Wir wollen das Amphiteater fahren lassen. Ein schönes Stift für ein paar hundert blaue Bonzen' – –

'Wir wollen gar nicht bauen, Alabanda!'

'Ich bin sehr unglücklich, heute nichts sagen zu können, das den Beifall Ihrer Majestät zu erhalten würdig wäre.'

'Wie reizbar Sie sind, Alabanda!'

'Nicht reizbar, aber gerührt, da mir auf einmal ein trauriges Licht aufgeht. Ach Azor! wozu diese Verstellung? wozu diese Umschweife? Warum entdecken Sie mir nicht lieber auf einmal mein ganzes Unglück?'

'Sie setzen mich in Erstaunen, Alabanda: wo nehmen Sie diese Einfälle her, meine Schönste?'

'Wie kalt! Wär es Ihnen möglich so wenig bei der Angst, die Sie in meinen Augen lesen, zu empfinden, wenn meine Besorgnisse nicht allzu wohl gegründet wären? Ach Azor!' – (Hier lässt sie sich in eine trostlose Lage auf den Sofa fallen.) 'Ach! ich bin das elendeste unter allen Geschöpfen! Ich habe Ihr Herz verloren. Eine andre glücklichere' – hier verliert sich ihre stimme, Tränen rollen aus ihren schmachtenden Augen, ihr schöner Busen atmet schwer und pocht in verdoppelten Schlägen. Der bestürzte, gerührte, allzu schwache Azor vergisst auf einmal alle Vorstellungen und Berechnungen seines Freundes; er sieht nichts als seine Alabanda in Tränen. Er eilt mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Welche Vorstellungen, welche Berechnungen sollten gegen diese Blicke, diese Tränen, diesen Busen aushalten können? Er wirft sich zu ihren Füssen, sagt und tut alles was ein schwärmender Liebhaber sagen und tun kann, um eine zweifelnde Geliebte zu beruhigen. Nun sind nicht nur sechs, sechshundert Millionen sind jetzt eine Kleinigkeit in seinen Augenkurz, die angenehmste Aussöhnung erfolgt (nach keiner längern Weigerung, als die Dame nötig glaubt um den Wert davon zu erhöhen) auf diesen kleinen Sturm; Alabanda befestiget sich in dem Herzen des zärtlichen Sultans; das Amphiteater wird gebaut, und der arme Freund (nach einer eben so langen Weigerung auf Seiten seines königlichen Freundes