1772_Wieland_107_43.txt

mit Ausführung eines solchen Werkes fertig, als ihre unerschöpfliche Einbildungskraft schon über der idee eines andern brütete, welches, durch die grenzenlose gefälligkeit ihres Liebhabers, eben so schnell und mit eben so wenig Rücksicht auf die Umstände des staates zur Wirklichkeit gebracht wurde. Schon im zweiten Sommer, den sie mit dem Könige zu Alabanda zubrachte, bemerkte sie, dass die Gebäude zu weitläufig, die Gärten zu verworren und überladen, und mit Einem Worte das Ganze eine Art von Karikatur sei, wo die natur von der Kunst verschlungen werde, und das ermüdete Auge in einer unübersehbaren Mannigfaltigkeit sich verliere. Dieser weisen Beobachtung zu Folge wurde in einer der anmutigsten Gegenden des ganzen Reichs ein andrer Lustsitz angelegt, in dessen kleinerem Umfange die schöne Alabanda, mit hülfe einiger poetischen Köpfe des Hofes, bemüht war, die natur über alle mühsamen Bestrebungen der Kunst triumphieren zu lassen. Die natur zeigte sich da mit allen ihren eigentümlichen Reizungen, in dem leichten Gewand einer Nymphe, oder in der reizenden Unordnung einer Schönen, die von ihrem Liebhaber überrascht zu werden hofft. Man konnte sich wirklich keinen angenehmern Ort träumen lassen; aber es kostete so viel, der schönen natur diesen Sieg über ihre Nebenbuhlerin zu verschaffen, dass man sich genötigt sah einen Vorwand zu ersinnen, um die Untertanen mit einer neuen Steuer zu belegen. Auf solche Weise wurde Scheschian nach und nach mit den herrlichsten Denkmälern der üppigen Erfindsamkeit dieser Favoritin angefüllt. Die Unternehmer dieser Werke und einige Künstler, welche weniger wegen ihres vorzüglichen Talents als durch Empfehlungen und Hofränke angestellt wurden, fanden unstreitig ihre Rechnung dabei. Etliche Poeten, die um den zehnten teil der Einkünfte eines Hofküchenschreibers gedungen waren, über alles, was der Hof tat oder getan haben wollte, Oden zu machen, posaunten und leierten von Wundern und goldenen zeiten. Aber die Provinzen sanken zusehens in einen kläglichen Stand von Entkräftung und Verfall herab, und die Nation hatte sehr grosse Hoffnung, in kurzem einem Virtuoso zu gleichen, der, durch einen kleinen Verstoss gegen die Rechenkunst, in einem sehr zierlichen neu gebauten Palaste, mitten unter einer herrlichen Sammlung von Gemälden, Statuen und Altertümernverhungert."

Nurmahal hielt bei diesem Absatz ein wenig ein, weil sie gewahr wurde, dass der Sultan in Gedanken vertieft schien; als dieser sich auf einmal mit einer auffahrenden Bewegung an Danischmenden wandte. "Glaubst du nicht, Danischmend", fragte ihn SchachGebal, "dass die Sultanen meine Mitbrüder sehr vieles, was sie tun, unterlassen würden, wenn sie einen Freund hätten, der ehrlich genug wäre, ihnen die Wahrheit zu sagen?"

"Vielleicht", antwortete Danischmend mit einem kaum merklichen Achselzucken. – "Vielleicht auch nicht", – murmelte er hinten nach.

"Und warum nicht?" fragte der Sultan.

"Sire", sagte der Philosoph, "wollen Ihre Majestät schlechterdings, dass ich Ihnen die Wahrheit sagen soll?"

"Das bedurfte, nach der Anmerkung die ich eben machte, keiner Frage", sprach der Sultan.

"So sage ich, dass wenigstens drei gegen eins zu wetten ist, dass die meisten Sultanen weder mehr noch weniger tun würden als ihnen beliebt, wenn sie gleich den Konfucius oder Zoroaster selbst zum Freunde hätten. Denn, – gesetzt, zum Exempel, der König Azor hätte einen solchen Freund gehabt, so wäre es allezeit darauf angekommen, ob dieser den rechten Augenblick zu seiner Vorstellung gewählt hätte. Denn der geringste Umstand, ein kleiner Nebel, es sei nun in der Luft oder im Gehirne Seiner Hoheit, oder eine kleine Blähung in dem Magen Seiner Hoheit, ein kurzer Wortstreit, den Sie kurz zuvor mit Ihrer Mätresse gehabt, ein Traum oder sonst eine Kleinigkeit, die Ihren Schlummer beunruhigte, die schlimme Laune Ihres Affen, oder dir Unpässlichkeit eines Ihrer grossen Hunde, – ein einziger von tausend Umständen von dieser Wichtigkeit wäre hinlänglich gewesen, die wirkung der besten Vorstellung zu vernichten. Doch, gesetzt der Freund hätte den günstigen Augenblick ergriffen: wie leicht konnte es ihm, bei aller Redlichkeit seiner Absicht, in dem entscheidenden Moment an der Geschicklichkeit, oder an dem Glücke fehlen, seiner Vorstellung die rechte Wendung zu geben! Wie leicht hätte ein einziges Wort, das ihm entschlüpft wäre, alles wieder verderben können, was zwanzig glückliche Vorstellungen gut gemacht hatten! Und dennoch, setzen wir abermal, es sei ihm gelungen den verlangten Eindruck auf seinen Herrn zu machen: wie bald wär es geschehen gewesen, dass dieser Eindruck, eine Viertelstunde darauf, durch eine Gegenvorstellung eines andern wohl meinenden Dieners, – oder durch einen einzigen blick, im Notfalle durch ein einziges kleines erkünsteltes Tränchen einer geliebten Alabanda, wieder ausgelöscht worden wäre! – Ich stelle mir zum Beispiele vor, die schöne Alabanda träte gerade zur nämlichen Zeit in das Kabinett ihres Sultans, da der vorbesagte Freund es verlassen hätte; der Freund, dem wir Mut und Eifer genug leihen wollen, gegen irgend eine neue kostbare Grille, wovon die Phantasie der schönen Favoritin kürzlich entbunden worden, im Namen des gemeinen Besten Vorstellungen zu tun.

'Ich komme' (sagt sie mit einem Ausdruck von Vergnügen, der über ihr ganzes Gesicht einen glänzenden Reiz verbreitet), 'ich komme Ihrer Majestät einige Zeichnungen vorzulegen, und zu vernehmen, welche davon Ihren Beifall hat, um zum Modell des neuen Amphiteaters, wovon wir neulich sprachen, genommen zu werden.'

'Lassen Sie sehen, Madam', sagt der Sultan mit einem Frost, den er ihr