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Bahams und seiner drei Vorgänger" – –

"O, was dies betrifft, Madam", fiel ihr der Sultan lachend ins Wort, "da haben Sie recht! drei oder vier solche Vorgänger sind eine unvergleichliche Schule für einen Nachfolger, der sie in ihrem gehörigen Lichte zu betrachten weiss. – Aber genug für heute von Königen und Staatsangelegenheiten; ich bin lange nicht so aufgelegt gewesen zu vergessen, dass ich die Ehre habe Sultan zu sein. Schicken Sie mir etliche von Ihren Odaliken, Nurmahal; ich will versuchen, ob ich mich nicht eben so gut in den Schlaf singen lassen kann, als der alte Weissbart, von dem uns Danischmend letztin so wunderreiche Dinge vorleierte."

9.

Die kleine Ergetzlichkeit, welche sich Schach-Gebal mit dem Odalisken seiner Favoritin zu machen geruhet hatte, leistete mehr als er davon erwartete. Anstatt ihn einzuschläfern, gelang es einer von diesen jungen Nymphen, seine schlafsüchtige Einbildungskraft zu erwecken, und ihm eine Art von einem Mittelding zwischen leidenschaft und Geschmack einzuflössen, wovon Anfang, Mittel und Ende, nach der Berechnung des Philosophen Danischmend, drei Tage, einundzwanzig Stunden und sechzehn Minuten dauerte.

Wenn die kürzesten Narrheiten die besten sind, so muss man zur Ehre dieses Sultans sagen, dass er in diesem Stücke nicht unwürdig war, ein Muster aller Herren seines Standes, welche nicht selbst Muster sind, zu sein. Doch, um seiner Weisheit nicht zu viel zu schmeicheln, – die Wahrheit von der Sache war, dass die kleine Sängerin weder genug Geist, noch der Sultan Begierden genug hatte, seinem Geschmack für sie eine längere Dauer zu geben. Er fand sich also nach wenigen Tagen geneigt, die Versammlungen seiner kleinen Akademie, welche durch diese Abwechselung von Zeitvertreib unterbrochen worden waren, wieder zu erneuern; und die Erzählung der geschichte des Königs Azor wurde, auf seinen Befehl, von der gefälligen Nurmahal folgender massen fortgesetzt.

"Wenn der Sultan Azor eine Handlung von echter königlicher Grossmut zu tun glaubte, indem er seinen Feinden gerade in dem Augenblicke, wo sich das Glück für seine Waffen zu entscheiden anfing, nicht nur Friede, sondern noch eine von seinen besten Provinzen dazu schenkte: so kann man doch nicht in Abrede sein, dass die Begierde, seiner geliebten Alabanda (einer Eroberung, die ihn für den Verlust von zwanzig Provinzen schadlos gehalten hätte) desto ungestörter zu geniessen, die wahre wiewohl geheime Triebfeder seiner Grossmut war. Wenigstens bewies der Gebrauch, den man von einem so teuer erkauften Frieden machte, dass die Vorteile seines Volkes schwerlich dabei in Betrachtung gezogen worden waren. Denn man dachte weder daran, das Reich auf künftige Fälle in bessere Verfassung zu setzen, noch die Provinzen wieder herzustellen, die durch den Krieg entvölkert und verwüstet worden waren. Azor teilte die Geschäfte der Regierung unter einige Geschöpfe der schönen Alabanda, welche ihn beredeten, dass er selbst regiere, indem er von dieser Zaubrerin und ihren Mitschuldigen unumschränkt regiert wurde. Prächtige Feste und immer abwechselnde Lustbarkeiten, über deren Erfindung sich alle witzige Köpfe von Scheschian elendiglich erschöpften, verschlangen unermessliche Summen, wovon der zehente teil hinlänglich gewesen wäre, die zerstörten Städte wieder aufzubauen, und jedes traurige Denkmal der Verwüstung in den Gegenden, welche der Schauplatz des Krieges gewesen waren, auszulöschen. Zehen tausend in die äusserste Not herunter gebrachte Familien hätten durch die Unkosten einer einzigen Geburtsfeier wieder glücklich gemacht, und in eine dem gemeinen Wesen nützliche Tätigkeit gesetzt werden können: aber weil sich niemand fand, der dem Sultan einen solchen Vorschlag getan hätte, – weil die schöne Alabanda weit über die Schwachheit erhaben war, irgend einen neuen Triumph ihrer grenzenlosen Eitelkeit dem Mitleiden oder der Wollust Gutes zu tun aufzuopfern; wie hätte Azor, bei aller seiner natürlichen Guterzigkeit, auf einen solchen Gedanken verfallen sollen? – Er, der keinen Begriff von dem inneren Zustande seines Reiches, keine Fertigkeit über irgend etwas als über die unmittelbaren Gegenstände seines Vergnügens zu denken, und am allerwenigsten den mindesten anschauenden Begriff von dem Elend hatte, welchem abzuhelfen sein grosser Beruf war! Er hätte in einer unkennbaren Verkleidung, allein, oder nur von einem oder zwei rechtschaffenen Männern begleitet, sich von den prächtigen Strassen, die zu seinen Lustschlössern führten, entfernen, und in die entlegneren Teile seines Reichs, in die Hütten der Landleute oder unter die Trümmern kleiner Städte, deren blühender Stand in mutloses Elend verwandelt war, sich hinein wagen müssen, um die Unglücklichen kennen zu lernen, die nach seiner hülfe seufzeten. Wie unendlich viel Gutes würde eine einzige solche Reise seinen Völkern getan haben! Aber" – –

"Mirza", sagte Schach-Gebal in einem plötzlichen Anstoss von empfindsamer Laune zu seinem Günstlinge, "vergiss nicht, dich morgen früh mit Pferden für mich, dich selbst und Danischmenden an der westlichen Pforte des Gartens bereit zu halten. Wir müssen eine solche Lustreise mit einander machen. Aber mit euerm Leben sollt ihr mir alle drei für das Geheimnis stehen! – Weiter, Nurmahal!"

"Sire, der gute Sultan Azor liess sich nichts von einer solchen Lustreise träumen, wie diejenige, wozu Ihre Majestät Sich mit einem so rühmlichen Feuer entschlossen haben. Wenn er reisete, so geschah es in Begleitung seines ganzen Hofstaats, und mit einem Pomp, der das Bild des triumphierenden Heerzuges eines Weltbezwingers darstellte. Der Aufwand einer einzigen solchen Reise verzehrte die jährlichen Einkünfte einer ganzen Provinz: und da eine verderbliche alte Gewohnheit18 die Landleute nötigte, die Kamele, Pferde und Wagen unentgeldlich herzugeben, welche