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Moral nie so gram gewesen als mein werter Oheim Schach-Baham, glorreichen Gedächtnisses: aber gleichwohl werden Sie mich verbinden, wenn Sie künftig alle Deklamationen dieser Art, denen Ihr Autor aus einem Naturfehler ziemlich häufig unterworfen zu sein scheint, ohne die mindeste Furcht dass ich etwas dabei verlieren möchte, überhüpfen werden. Ich kann nichts in diesem Geschmacke lesen oder hören, ohne dass ich stracks meinen Iman mit seinen aufgezogenen Augenbraunen und blasenden Backen vor mir stehen sehe. Es ist unangenehm, dass unsre Schriftsteller noch immer den rechten Ton so gern verfehlen, und uns aufgedunsene Perioden, worin irgend ein alltäglicher Gedanke in einem gotischen Putz von schallenden Worten und rednerischen Figuren strotzt, für Philosophie verkaufen wollen."

Nurmahal, nachdem sie vor diesem schlimmen Geschmacke sich sorgfältig zu hüten versprochen hatte, setzte ihre Erzählung also fort.

"Es war ein Unglück für Scheschian, dass die reizende Xerika, auf welche die erste Neigung des jungen Königs fiel, von derjenigen Art von Seelen war, welche die natur ausdrücklich für die Liebe und für sie allein gebildet zu haben scheint. Das Herz Azors, wär er auch ein blosser Schäfer gewesen, war das einzige, was einen Wert in ihren Augen hatte; sie war lauter Empfindung, aber nur für ihn; ihn glücklich zu machen war ihr einziger Wunsch, ihr einziger Stolz, ihr einziger Gedanke. Auch war er's, so lange die Bezauberung der ersten Liebe dauern kann, in einem so hohen Grade, dass, wenn er in irgend einer einsamen Laube zu ihren Füssen lag, und mit dem Kopf auf ihren Schoss zurück gelehnt seine gierigen Blicke in ihren in Liebe schwimmenden Augen weiden liess,16 der gute König seiner Krone und aller Kronen des Erdbodens, mit allen davon abhangenden Rechten und Pflichten, so gänzlich vergass, als ob diese Laube die ganze Welt, und Xerika nebst ihm selbst die einzigen Bewohner derselben gewesen wären. Die Geschäfte der Regierung, und dasjenige, was man die Austeilung der Gnaden nannte, befanden sich also in den Händen eines Günstlings der Sultanin Lili, durch welchen sie wieder stufenweise in so viele andere hände gespielt wurden, dass (wenn man den geheimen Nachrichten von dieser Regierung glauben darf) sogar Komödianten und Tänzerinnen zu gewissen zeiten wichtige Personen auf dem Staatsteater von Scheschian vorgestellt haben sollen."

"Um Vergebung, dass ich Sie schon wieder unterbrechen muss", sagte der Sultan: "was war das, was man an diesem so wohl eingerichteten hof die Austeilung der Gnaden nannte?"

"Sire", antwortete Nurmahal, "es war schon unter den vorigen Regierungen unvermerkt zur Gewohnheit geworden, alle Arten von Ämtern und Bedienungen, mit welchen Ansehen, Gewalt und Einkünfte verbunden waren, nach Gunst und Gefallen auszuteilen. Man pflegte daher die Besetzung einer solchen Stelle eine Gnade zu nennen. Nach und nach erweiterte sich die Bedeutung des Wortes, und es kam zuletzt so weit, dass aller Begriff von Verdienst dadurch verdrängt, und sogar ein Künstler oder Kaufmann, welcher für gelieferte Arbeit oder Waren eine Forderung zu machen hatte, seine Bezahlung, nach tausend mühseligen Weitläufigkeiten und Verzögerungen, durch geheime Ränke, und mit Aufopferung eines beträchtlichen Teils der Forderung, als eine Gnade nachzusuchen genötiget wurde. Es gab zwar schon damals Leute, welche behaupteten: Ein König von Scheschian habe so viel zu tun, einem jeden das Seine zu geben, dass ihm wenig oder keine Gnaden zu erteilen übrig blieben; jede Ehrenstelle oder Bedienung erfodre gewisse Talente und Tugenden, und müsse also mit demjenigen besetzt werden, welcher die grössten Proben gegeben habe, dass er diese Talente und diese Tugenden besitze; ja, der König sei nicht einmal berechtiget, die Pensionen, welche aus dem öffentlichen Schatze bewilliget würden, als Gnaden anzusehen, weil der öffentliche Schatz zu Bestreitung derjenigen Ausgaben geheiliget sein müsse, welche die Ausübung des königlichen Amtes notwendig macht; kurz, der König habe keine Gnaden auszuteilen als aus seinem eigenen Beutel; und alles Gute, was er als König tue, fliesse aus einer eben so verbindlichen Schuldigkeit ab, als diejenige sei, vermöge welcher die Untertanen ihm Ehrfurcht und Gehorsam zu beweisen, und nach Verhältnis ihres Vermögens ihren Anteil zu den Einkünften der Krone beizutragen schuldig seienallein diejenigen, welche dergleichen Sätze vorbrachten, hätten eben so wohl getan sie für sich selbst zu behalten; denn sie wurden nicht gehört, und der Hof erhielt sich im Besitze, alles was er tat so sehr aus Gnade zu tun, dass, wie gesagt, das Wort Verdienst in seiner eigentlichen Bedeutung zu den verhassten Wörtern herab sank, welche aus der Sprache der guten Gesellschaft verbannt waren; und dass es niemals anders gebraucht wurde, als, um diejenigen Eigenschaften oder Verhältnisse zu bezeichnen, wodurch man das Glück hatte, den Personen, welche Gnaden austeilen konnten, angenehm zu sein. In den ersten Jahren der Regierung des Königs Azor hingen die meisten Gnaden von der Amme der Königin Lili, von der persischen Tänzerin, welche den Vertrauten des obersten Visirs gefesselt hatte, und von einem gewissen Bonzen ab, der mit grossem Eifer arbeitete, diese Tänzerin von der Religion der Feueranbeter, in welcher sie geboren war, zu der seinigen zu bekehren. Es gab also während dieser Zeit ordentlicher Weise nur dreierlei Arten von Verdiensten oder Wegen, Gnaden zu erhalten: das Verdienst sie bezahlen zu können, eine viel versprechende Figur (denn die Tänzerin war sehr uneigennützig), und das Verdienst der Dummheit.

Azor, dessen Hof in dieser Zeit