ausgesuchte Gesellschaft. – Um Vergebung, Nurmahal, Sie sollen heute nicht wieder unterbrochen werden."
"Sire", fuhr die Dame fort, "es ist bei dieser Bewandtnis leicht zu erachten, wie gut die Pflichten des königlichen Amtes unter der Regierung des liebenswürdigen Azors versehen wurden. Er selbst konnte keine Kenntnis davon haben. Er wusste zwar in der äussersten Vollkommenheit, was zur Anordnung eines prächtigen Festes gehörte, welches er einer Geliebten geben wollte: aber wie hätte er wissen können, was zur Anordnung eines grossen Staates, zur Besorgung seiner Bedürfnisse, zur Befestigung seiner Sicherheit, zur Bewirkung seines allgemeinen Wohlstandes erfodert wird? Die natur bildet (ordentlicher Weise wenigstens) keine Fürsten; dies ist ein Werk der Kunst, und ohne Zweifel ihr höchstes und vollkommenstes Werk: aber man hatte sich begnügt den guten Azor zu einem liebenswürdigen Edelmanne zu bilden. Da er also genötigt war, seine wichtigsten Geschäfte andern zu übertragen, und da es unmöglich ist, ohne die Kenntnisse, welche ihm mangelten, eine gute Wahl zu treffen: wie konnte sich Azor, jung und unerfahren wie er war, anders helfen, als sie denjenigen zu überlassen, von denen er am günstigsten dachte, weil sie die meiste Gewalt über sein Herz hatten?15 Zum Unglück befanden sich diese in den nämlichen Umständen wie er selbst. Sie behielten also nur den leichtesten und angenehmsten teil davon, die Ausübung einer willkürlichen Gewalt, für sich selbst, und überliessen das übrige wieder an andere; und so geschah es sehr oft, dass die wichtigsten Angelegenheiten das Schicksal hatten, nach dem Gutachten eines unwissenden Bonzen, oder eines Kammerdieners, oder einer jungen, grillenhaften Schönen, oder (welches mehr als Einmal geschehen sein soll) durch den Einfall eines – Hofnarren entschieden zu werden.
Die Folgen dieser Staatsverwaltung waren so betrübt als man sich vorstellen kann. Die wichtigsten Stellen wurden nach und nach mit untauglichen Personen besetzt; die Gerechtigkeit anfangs heimlich verhandelt, und zuletzt öffentlich feil geboten; unter ihrem Namen triumphierte die Schikane; die öffentlichen Einkünfte wurden verschwendet, und die Forderungen unersättlicher Günstlinge unter die Rubrik der Staatsbedürfnisse gebracht. Alle die höhern und mühseligern Pflichten der Regierung, deren Ausübung mit keinem unmittelbaren Privatvorteil verknüpft war, wurden vernachlässiget. Das Laster, welches sich den Schutz der Grossen zu verschaffen wusste, blieb unbestraft; ja es wurde nicht selten unter dem Titel des Verdienstes noch durch Belohnung aufgemuntert. In der Tat wird man wenig Regierungen finden, wo die Verdienste so häufig und so übermässig belohnt worden wären als in dieser. Aber man wunderte sich eine lange Zeit, wie es zugehe, dass sich diese Verdienste immer nur bei den Angehörigen oder Freunden der Günstlinge fänden; man wunderte sich noch mehr, wie es zugehe, dass die Nation durch lauter Leute von Verdiensten zu grund gerichtet werde; und nur eine kleine Anzahl von spekulativen Leuten begriff, dass in allem diesem gar nichts sei, worüber man sich zu wundern habe."
Da der Sultan hier zum dritten Male gähnte, so wurde die Vorlesung durch einen geschickten Übergang zu einem angenehmern gegenstand abgebrochen, wovon es dem sinesischen Autor nicht beliebt hat uns Nachricht zu erteilen.
8.
"Inzwischen lebte der junge König Azor einige Jahre so glücklich als Jugend, blühende Gesundheit und unumschränkte Macht einen Sterblichen machen können, der seine Glückseligkeit in einer immer währenden Berauschung der Seele, in den ausgesuchtesten Wollüsten der Sinne, der Einbildung und des Herzens findet. Azor liebte das Vergnügen über alles; aber sein edles und gefühlvolles Herz liebte auch es auszubreiten, und wenn er sich selbst glücklich fühlte, so wollte er so weit als sein Gesichtskreis sich erstreckte, lauter glückliche um sich sehen.
drei oder vier Jahre gingen auf diese Weise in einer ununterbrochenen Kette von Festen und Ergetzungen vorüber, in welchen Witz und Kunst alle ihre Kräfte zusammen setzten, die kleine Anzahl angenehmer Rührungen, deren die sparsame natur den Menschen fähig gemacht hat, ins unendliche zu verändern, zu vervielfältigen, zu vermischen, zu erhöhen, und durch tausend geschickt verborgene Handgriffe diese angenehmen Täuschungen hervorzubringen, die den Überdruss betrügen, und die Seele in einem Wirbel von Freuden so schnell herum drehen, dass ihr nicht so viel Macht über sich selbst bleibt, Betrachtungen über das was in ihr vorgeht, und über den Wert der Gegenstände, in deren angenehmer Gewalt sie ist, anzustellen. Man glaubt neue Sinne zum Gefühl des Vergnügens zu bekommen, mit jedem Tage zu einem neuen wollüstigern Dasein hervor zu gehen; und man wird nicht eher gewahr, dass man sich unter einer Art von Bezauberung und ausserhalb des angewiesenen Kreises der natürlichen Wirksamkeit befindet, bis Erschöpfung der Lebensgeister, Erschlaffung der Sinne, oder noch empfindlichere Folgen einer wollüstigen Unmässigkeit, die Seele aus ihrem süssen Taumel wekken, um sie dem Gefühl einer unerträglichen Leerheit und einer Reihe unangenehmer Betrachtungen zu überliefern, welche auf den Weg der Weisheit führen könnten, wenn die Gewohnheit uns nicht bald wieder mit mechanischer Gewalt zu eben diesen Gegenständen und Vergnügungen zurück zöge, deren betrügliche Beschaffenheit wir vergebens erfahren haben, weil sie sich nur unter einer neuen Gestalt zeigen dürfen, damit wir uns aufs neue von ihnen betrügen lassen."
"Madam", sagte der Sultan, "pflegt man das, was Sie uns eben jetzt mit dem melodiösesten Akzent von der Welt vorgelesen haben, nicht eine Tirade zu nennen? Was es auch für einen Namen haben mag, so erkläre ich hiermit, dass ich nur ein sehr mittelmässiger Liebhaber davon bin. Ich bin zwar der