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Allergnädigster Herr", sagte Danischmend, "ich bitte um Vergebung; aber es ist mir unmöglich, die schöne Nurmahal nicht zu unterbrechen. Der Verfasser, aus dem sie diese prächtige Periode entlehnt hat, glaubte vermutlich etwas sehr Schönes gesagt zu haben; aber es ist blosser Schall. Es gibt keine so wundervolle Menschen als er uns bereden will; und Prinzen sind, bei allen ihren Vorteilen vor uns andern, im grund doch, wie man sagen möchte, nur eine Art vonMenschen. Um der menschlichen natur und dem guten Sultan Azor das gebührende Recht angedeihen zu lassen, wollen wir lieber ohne alle Wörterpracht heraus sagen: Er befand sich nicht in den glücklichen Umständen, welche sich vereinigen müssen, um aus einem jungen Prinzen von der besten Anlage einen vortrefflichen Fürsten zu bilden. So war es in der Tat; und ich bin erbötig im Notfall gegen die ganze Akademie von Dely zu behaupten: Dass von Erschaffung der Welt an (welches schon lange sein mag) kein einziger grosser Mann gelebt hat, der sich ohne Anführer, ohne Beispiele, und ohne Gehülfen, bloss durch die Stärke seines eigenen Genius gebildet hätte."

"Ich danke dem Philosophen Danischmend im Namen aller Sultanen, meiner guten Brüder, für eine so tröstliche Anmerkung", sagte der Sultan lächelnd. "Allen den Schmeichlern, die mir tausendmal das Gegenteil gesagt haben, zu Trotz, glaube ich, dass er recht hat; und wenn ich nicht besorgte mir einige schale Komplimente zuzuziehen, so wollt ich noch hinzu setzen, dass ich sehr daran zweifle, ob jemals einer von uns nur halb so gut gewesen ist, als er unter günstigern Umständen hätte sein können."

Es schwebte dem naseweisen Danischmend auf der Zunge, zu sagen: oder nur halb so gut, als er unter den Umständen sein konnte, worin er sich wirklich befand. Aber zu seinem Glücke besann er sich noch, "dass die Wahrheit, die man einem Grossen sagt, niemals beleidigen soll", und dass es wirklich sehr edel an dem Sultan war, aus eigener Bewegung so viel einzugestehen, als er schon eingestanden hatte. Er begnügte sich also der schönen Nurmahal die preiswürdige Demut seines Herren rühmen zu helfen; und die Sultanin setzte die Erzählung also fort.

"Die Erziehung des Prinzen Azor war mehr vernachlässiget worden, als man es von den Einsichten der schönen Lili, seiner Mutter, hätte erwarten sollen. Diese Dame hatte in der Wahl desjenigen, dem sie den vornehmsten teil seiner Bildung anvertraute, einen kleinen Trugschluss gemacht, der für ihren Sohn, und für die Völker, deren Schicksal einst von seiner Art zu denken abhangen sollte, von grossen Folgen war. Sie glaubte, ein Mann, der die Gabe hatte ihr besser als irgend ein anderer die Zeit zu vertreiben, und der überdies die niedlichsten kleinen Verse machte, müsse notwendig auch die Gabe haben einen König zu bilden. Der Prinz bekam also einen schönen Geist zum Hofmeister, der nichts vergass um seinen Witz zu schärfen und seinen Geschmack zu verfeinern. Azor lernte die Schönheiten der Dichter empfinden, Szenen aus Tragödien deklamieren, den gemeinsten Dingen sinnreiche Wendungen geben, und zwanzig andre solche Künste, welche zur Auszierung gehören, und ihren Wert haben, wenn sie der Schmuck wesentlicher Vollkommenheiten sind. Der Prinz stellte sich auf die edelste und angenehmste Art in einer Gesellschaft dar, er sagte witzige und verbindliche Sachen, er kleidete sich mit dem besten Geschmack, und urteilte besser als jemand von allem was in dem Gebiete des Schönen liegt. Er blies die Flöte, malte ganz artig, und tanzte zum Bezaubern. Seine Feinde (denn bei aller seiner Liebenswürdigkeit fehlte es ihm nicht an Feinden) sagten ihm sogar nach, dass er in der Schwärmerei seiner ersten leidenschaft für eine Dame des HofesVerse gemacht habe; Verse, welche ihm die Ungelegenheit zugezogen hätten, von den Poeten seiner Zeit einhellig zu ihrem Schutzgott erwählt, und im Eingang ihrer Gedichte oder in schallreichen Zueignungsschriften mit hungriger Beredsamkeit um seinen mächtigen Beistand undeine Mittagsmahlzeit angerufen zu werden.

Eh ich weiter fortgehe, Sire, muss ich eines Umstandes erwähnen, der in verschiedene Teile der geschichte von Scheschian einigen Einfluss hat, und einen Zweig der Sitten betrifft, worin die Bewohner dieses Landes von den meisten Völkern in Asien unterschieden sind. Das weibliche Geschlecht genoss bei ihnen von alten zeiten her aller der Freiheit, in deren Besitz es bei den abendländischen Völkern ist; und unter der Sultanin Lili, welche sich eine Angelegenheit daraus gemacht hatte, die schönsten und vollkommensten Personen ihres Geschlechtes aus dem ganzen Scheschian um sich her zu versammeln, war der Hof, aus einer finstern Werkstätte der öffentlichen Geschäfte, ein Schauplatz der angenehmsten Bezauberungen der Liebe und des Vergnügens geworden.

Es konnte dem jungen Prinzen nicht fehlen, in dieser Schule gar bald zu demjenigen ausgebildet zu werden, was die Damen seines Hofes einen liebenswürdigen Mann nannten. Sie beeiferten sich in die Wette, das Werk seiner Erziehung zur Vollkommenheit zu bringen; und es ist zu vermuten, dass ihre Absichten dabei nicht so ganz uneigennützig waren als sie sich das Ansehen gaben. Azor befand sich eben in der Verlegenheit, sein Herz unter so vielen reizvollen Gegenständen eine Wahl treffen zu lassen; als ihm der Tod des Königs seines Vaters eine Krone aufsetzte, von deren Wert er ziemlich romantische Begriffe haben musste, weil sie (wie er zu einer jungen Schönen seines Hofes zu sagen beliebte) nur in so fern einigen Preis in seinen Augen