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Lauf dieser Leidenschaften dem ganzen staat zuziehen könnte. Einzelne Glieder mögen immer das Opfer ihrer eigenen Torheit werden; das ist ihre Sache. Der Gesetzgeber kann es nicht verhindern; denn dies müsste durch Mittel geschehen, wodurch grössere Übel veranlasst würden, um kleinere zu verhüten. Aus diesen Betrachtungen halte ich eine Polizei, durch welche der Luxus einer grossen Nation ganz unschädlich werden sollte, für eine eben so grosse Schimäre, als das Projekt des Philosophen Fanfaraschin, welcher vor ungefähr hundert Jahren zwanzig Quartbände schrieb, um Anweisung zu geben, wie man alle Menschenkinder auf dem festen Land und auf den Inseln des Meeres zu Weisen und Virtuosen bilden könne; – ein Projekt, wovon die idee schimmernd, die Unternehmung rühmlich, aber die Ausführungunmöglich war, und, gegen die Absicht des guten Fanfaraschin, einige schlimme Folgen hatte, an die er nicht gedacht zu haben schien, und die desto schädlicher waren, weil eine lange Zeit niemand merkte, woher das Übel kam."

"Zum Exempel?" sagte Schach-Gebal.

"Unter andern diese, dass unter fünfhundert jungen Leuten, die nach seiner Metode gebildet wurden, sich zum wenigsten hundertundfunfzig fromme, diskrete, schleichende, gleisnerische Schurken bildeten, welche ausgelernte Meister in der Kunst waren, ihre Leidenschaften zu verbergen, ihre schlimmen Neigungen in schöne Masken zu vermummen, die Unverständigen durch eine lauter Tugend und Religion tönende Phraseologie zu täuschen, mit Einem Worte, unter dem Schein der pünktlichsten Moralität mehr Gutes zu verhindern und mehr Böses auszuüben, als sie hätten tun können, wenn man sie ihrem Naturell und den Umständen überlassen hätte. – Ferner, dass aus den besagten fünfhundert ungefähr dreihundert heraus kamen, welche, wie abgerichtete Hunde, alle Künste machten die man sie gelehrt hatte, auf den Wink gingen, alles wieder von sich geben konnten was ihnen eingegossen worden war, über nichts ihre eigene Empfindung zu Rate zogen, an nichts zweifelten was man ihnen für wahr gegeben hatte, kurz, in allen Stükken die Affen des weisen Fanfaraschin vorstellten; welches (ich getraue mir es zu behaupten) gerade wider die Absicht der natur war. Denn diese will, dass ein jeder Mensch seine eigene person spiele. Es war an Einem Fanfaraschin genug; und dreihundert Personen, welche das gewesen wären, wozu ihre natürliche Anlage sie bestimmte, wären, so schlecht sie auch immer hätten sein mögen, doch noch immer besser gewesen als dreihundert Fanfaraschin; zumal da unter diesen dreihundert wenigstens zweihundertundneunzig misslungene Fanfaraschin waren. Ferner" – –

"Ich habe genug", fiel ihm der Sultan ein; "wann lebte dieser Fanfaraschin?"

"Zu den zeiten Schach-Dolkas, Ihrer Majestät Urahnherrns, glorreichesten Andenkens" – –

"La Faridondäne la Faridondon", – brummte der Sultan: "aber wir kommen aus dem Zusammenhang, Danischmend; was war es was du sagen wolltest, wenn dir der weise Fanfaraschin nicht zur Unzeit in die Zähne gekommen wäre?"

"Dass, wenn gleich nicht gänzlich zu verhindern sei, dass der Luxus einem grossen volk nichts Böses tun sollte, die geschichte des Emirs und der Kinder der natur uns dennoch ein paar Grundmaximen an die Hand geben könnte, durch deren Beobachtung die schöne Lili wenigstens den grössten teil des Übels, welches ihr die Unglück-weissagenden Alten angekrähet hatten, zu verhüten fähig gewesen wäre. Hätte diese liebenswürdige Dame meine Wenigkeit zu Rate ziehen können, so würde ich mir die Freiheit genommen haben, ihr diese Antwort zu geben:

Bei Auflösung aller fragen, von welcher Art sie sein mögen, deucht mir die natürlichste und einfältigste Metode gerade die beste. Diese Maxime gilt vornehmlich, wenn von politischen Aufgaben die Rede ist, wo ganz unfehlbar die verwickelten und weitläufigen Auflösungen noch unbrauchbarer sind als bei allen andern. Die Frage ist: Was sollen wir tun, damit die äusserste Verfeinerung der Künste, des Geschmacks, der Leidenschaften, der Sitten und der Lebensart, mit Einem Worte, der Luxus, einer grossen Nation so wenig als möglich schade? – Die natur, Madam, zeigt uns gegen jedes Übel, dem sie uns unterwürfig gemacht hat, auch ein zulängliches Mittel. Sollte es in diesem Fall anders sein? Ich denke, nein. Wenn wir den grössten und nützlichsten, folglich den wichtigsten teil der Nation vor der Ansteckung bewahren können, so haben wir sehr viel, und in der Tat alles getan, was man von einer weisen Regierung fodern kann. Zu gutem Glücke ist nichts leichter. Der grösste teil der Nation von Scheschian ist derjenige, der zum Ackerbau und zur Landwirtschaft bestimmt ist. Die natur selbst, in deren Schoss er lebt, erleichtert uns die Mühe unendlich; wir haben beinahe nichts zu tun, als ihr nicht vorsetzlich entgegen zu arbeiten. Lassen Sie diese guten Leute ihres Daseins froh werden. geben Sie nicht zu, dass sich alle übrige Stände unter unzähligen Vorwänden vereinigen, sie auszurauben und zu unterdrücken; dass das unersättliche Geschlecht der Pachter und Einzieher der königlichen Einkünfte, dass Beamte, Richter, Prokuratoren und Sachwalter, Edelleute, Bonzen und Bettler, so unbescheiden und unbarmherzig an ihnen saugen, bis ihnen nur die Haut auf den Knochen übrig bleibt. Lassen Sie dieser unentbehrlichsten und unschuldigsten Klasse von Menschen so viel von den Früchten ihrer Arbeit, dass sie mit frohem Mut arbeiten, dass sie Zeit zur Ruhe, Zeit zu ihren ländlichen Festen und Ergetzungen übrig haben. Wenn allzu grosser Überfluss auch diesem stand, wie allen übrigen, schädlich ist: