die Hand geben könnte."
Während dass der Iman diese schöne Rede hielt, sang der Sultan im Tone der langen Weile und mit halb geschlossnen Augen, "la Faridondäne la Faridondon, Dondäne Dondon Dondäne, Dondäne Dondäne Dondon" – denn er wusste sich etwas damit, stark in Gassenhauern zu sein. "Nun, Doktor", rief er, da der Iman fertig war, "lass hören, was du diesen Gründen entgegen zu setzen hast."
"Ich werde", versetzte Danischmend, "mit Ihrer Majestät Erlaubnis weiter nichts tun, als kürzlich zeigen, dass die Gründe des Imans erstens zuviel, zweitens zuwenig, und drittens gar nichts beweisen. Zu viel; denn alle seine Vorwürfe treffen die natur selbst eben so stark als die Schilderungen oder Erdichtungen, die ihm so gefährlich scheinen. Die Grundsätze des weisen Psammis, die allgemeinen Wahrnehmungen und Erfahrungen, auf welche seine Sittenlehre gebaut ist, sind keine Erdichtungen. Wenn der Zustand, worein seine Gesetzgebung die Einwohner der glücklichen Täler setzte, unter allen möglichen der Menschheit am angemessensten, wenn er derjenige ist, worin sie am wenigsten leidet, am wenigsten Böses tut, die Wohltaten der natur am wenigsten missbraucht, und am Ende ihres Laufes sich am wenigsten gereuen lässt gelebt zu haben, – wer kann dafür, oder wer hat ein Recht etwas dawider einzuwenden? Sind die angenehmen Empfindungen, die uns die natur von allen Seiten anbietet, etwa blosse Schaugerichte? Sind es blosse Versuchungen, die uns in einer verdienstlichen Entaltung üben sollen? Wenn dies ihre Absicht gewesen ist, so muss man gestehen, dass die natur wunderliche Grillen hat. Kann man uns übel nehmen, wenn wir geneigter sind diejenigen, welche sie zur Törin machen wollen, für grillenhafte Leute anzusehen? Oder was sollen wir sagen, wenn wir diese sonderbaren Sterblichen, die das Vergnügen in ganzem Ernste für einen Fallstrick ihrer Tugend halten, zu Schlachtopfern ihrer peinvollen Bemühung – die Hälfte ihres Wesens zu zerstören – werden sehen? Werden sie mit ihrer verdorbenen Galle, mit ihrer Schwermut, mit ihrer ängstlichen Furcht alle Augenblicke einen Misstritt zu tun, kurz mit allen den Gespenstern, womit eine verwundete Einbildungskraft sich umgeben sieht, geschickter sein, ihre eigene Vollkommenheit und das Beste der Gesellschaft zu befördern? Euer Ehrwürden, welche Sich in der Lage befinden, ein Tafelgenosse des Sultans von Indien zu sein, über die innerlichen Angelegenheiten von fünf oder sechs der schönsten Damen in Dely die Aufsicht zu führen, und alle Monate hundert Bahamd'or in Ihren Beutel fallen zu lassen, welche zu erschwingen hundert arme Landleute sich zu Gerippen arbeiten und hungern müssen, – stellen Sich vielleicht den Zustand eines armen Schelms, der von Brotkrumen und Zisternenwasser lebt, und, damit die Schönheit seine Sinne nicht verführen könne, sich die Augen an der Sonne ausgebrannt hat, nicht ganz so unbehaglich vor als ich schwören wollte, dass er sein muss." –
"Bravo, Danischmend!" sagte der Sultan, mit halber stimme, und einem aufmunternden Winke, der dem Iman nicht entging.
"Ich sage also" (fuhr der Doktor fort) "wenn die Absicht der natur nicht gewesen ist, uns durch schöne und ergetzende Gegenstände in Fallen zu locken: so beweisen die Gründe des Imans zu viel. Denn die reizendsten Schilderungen können unmöglich auch nur die Hälfte der wirkung hervorbringen, welche die besagten Gegenstände selbst tun. Hatte hingegen die natur wohl gemeinte Absichten, welche nur durch Leichtsinn, falschen Geschmack, oder verderbte Grundsätze von den meisten vereitelt werden: so ist es löblich und nützlich, sie durch solche Schilderungen, wie diejenigen, die dem Iman zu missfallen das Unglück haben, auf den Pfad der natur zurück zu führen, und zu einem weisen Genuss ihrer Wohltaten einzuladen.
Zweitens beweisen seine Gründe zu wenig. Denn wenn auch die ganze Welt mit Gemälden von glücklichen Inseln und glücklichen Menschen angefüllt würde, so sind zehen an eines zu setzen, dass die Leidenschaften, welche zu allen zeiten die Beweger der sittlichen Welt waren, ihr Spiel nichts desto weniger fortspielen werden. Die Begierde nach einem glücklichen Leben wird, in jedem staat der auf die Ungleichheit gegründet ist, die Begierde nach Reichtum, und der Reichtum die Begierde nach Ansehen, Grösse und willkürlicher Gewalt hervorbringen. Diese Leidenschaften werden, je nachdem die Grundverfassung, oder die zufällige Beschaffenheit der Staatsverwaltung, sie mehr oder weniger begünstiget, eine Menge Talente ausbrüten; und das Verlangen nach dem angenehmsten Genusse des Lebens, von welchem der Iman eine allgemeine Untätigkeit besorgt, wird gerade das Gegenteil wirken; es wird uns emsige Leute, Erfinder, Verbesserer, Virtuosen und Helden geben so viel und vielleicht mehr als wir vonnöten haben. Die idealischen Schilderungen der Wollüste der Sinne, der Einbildungskraft und des Herzens werden also, vermöge der natur der Sache, den grossen Zweck mächtig befördern helfen, der Sr. Ehrwürden so sehr am Herzen liegt. Man wird sich, wie ich gar nicht zweifle, so lange man sich an solchen Gemälden ergetzt, in diese glücklichen Inseln, Schäferwelten, oder wie man sie nennen will, hinein wünschen, wo das angenehmste Leben so wenig kostet: aber man wird des Wünschens bald überdrüssig sein; und – ohne zu hoffen, dass man unversehens einen schönen Muschelwagen mit sechs geflügelten Einhörnern vor seiner tür finden werde, um den Wünscher in die idealischen Welten überzuführen – wird man sich gefallen lassen, diejenigen Mittel zum glücklich leben anzuwenden, die in unsrer Gewalt sind, und in die Verfassung