wirklichen oder eingebildeten Vorzüge, ihre Pracht, ihre Schwelgerei, ihre langweiligen Zeitvertreibe, ihre Geschäftigkeit einander beschwerlich zu sein, ihre Unzufriedenheit, ihre Laster und ihre Krankheiten. Sollten wir sie um Künste beneiden, durch deren grenzenlose Verfeinerung sie ihr Gefühl so lange verzärteln, bis sie nichts mehr fühlen? oder um Wissenschaften, ohne welche wir uns wohl genug befinden, um den heimlichen Neid des Gelehrtesten unter ihnen zu erregen, wenn er uns kennen sollte? Wir sind so weit entfernt von einem solchen Neide, dass jeder Versuch, den einer von uns machen wollte, etwas an unsrer Verfassung zu bessern, oder uns mit neuen Künsten und Bedürfnissen zu bereichern, mit einer ewigen Verbannung bestrafet würde. Ich selbst', setzte der Alte hinzu, 'habe einige Jahre meines Lebens zugebracht, einen grossen teil des Erdbodens zu durchwandern. Ich habe gesehen, beobachtet, verglichen. Als ich dessen müde war, mit welchem Entzükken dankte ich dem Himmel, dass ich einen kleinen Winkel wusste, wo es möglich war, ungeplagt glücklich zu sein! Mit welcher sehnsucht flog ich zu den Wohnungen des Friedens und der Unschuld zurück! – Es ist wahr, unser Volk ist, in Vergleichung aller andern, ein Völkchen von ausgemachten Wollüstigen; aber desto besser für uns! Sind wir zu tadeln, dass wir uns nicht aus allen Kräften der natur entgegen setzen, die uns glücklich machen will?'
Hier endigte der Alte seine Rede. Weil die Sonne schon hoch gestiegen war, führte er seinen Gast in eine bedeckte Halle, welcher hohe dicht in einander verflochtene Kastanienbäume Schatten gaben. Kaum hatten sie hier auf einem Sofa, der rings herum lief, Platz genommen, so sah sich der Alte von einer Menge schöner Enkel umgeben, die, wie schwärmende Bienen, um ihn her wimmelten, ihn zu grüssen und an seinen Liebkosungen Anteil zu haben. Die kleinsten wurden von liebenswürdigen Müttern herbei getragen, unter denen keine war, die in ihrem einfachen und reizend nachlässigen Putze, die weiten Ärmel von ihren schneeweissen Armen zurück geschlagen, und ihren holdseligen Knaben an den leicht bedeckten Busen gelehnt, nicht das schönste Bild einer Liebesgöttin dargestellt hätte. Der Emir vergass über diesem rührenden Anblick eine Menge fragen, die ihm unter der Erzählung seines Wirtes aufgestossen waren; und dieser überliess sich gänzlich dem Vergnügen, sich an den Kindern seiner Kinder zu ergetzen. Der Kontrast des hohen Alters mit der Kindheit, durch die sichtbare Verjüngerung des einen und die liebkosende Zärtlichkeit der andern, und durch eine Menge kleiner Schattierungen, die sich besser empfinden als beschreiben lassen, gemildert; das gesunde und fröhliche Aussehen dieses Greises; die Aufheiterung seiner ehrwürdigen Stirne; das stille Entzücken, das sich beim Anblick so vieler glücklichen Geschöpfe, in denen er sich selbst vervielfacht sah, über alle seine Züge ausgoss; die liebreiche gefälligkeit, mit welcher er ihre beunruhigende Lebhaftigkeit ertrug, oder womit er die kleinsten auf den Armen der schönen Mütter mit seinen weissen Haaren spielen liess; – alles zusammen machte ein lebendiges Gemälde, dessen Anblick die Güte der Moral des weisen Psammis besser bewies als die scharfsinnigsten Vernunftsgründe hätten tun können. Der Emir selbst, so sehr die ungestüme herrschaft einer groben Sinnlichkeit die sanftern und edlern Gefühle der natur in ihm erdrückt hatte, fühlte bei diesem Anblick sein verhärtetes Herz weicher werden, und ein flüchtiger Schimmer von Vergnügen fuhr über sein Gesicht hin; ein Vergnügen, gleich dem himmlischen Lichtstrahl, der plötzlich in den nachtvollen Abgrund einfallend, den verdammten Seelen einen flüchtigen blick in die ewigen Wohnungen der Liebe und der Wonne gestatten würde, um die Qual ihrer Verzweiflung vollkommen zu machen.
Die Urkunde, aus welcher ich diese Erzählung gezogen habe", fuhr Danischmend fort, "steht hier still, ohne uns von dem Aufentalt des Emirs bei diesen Glücklichen weitere Nachrichten zu geben. Einige Scholiasten sagen, dass er, in voller Wut über die trostlose Vergleichung ihres Zustandes mit dem seinigen, sich von einer Felsenspitze herab gestürzt habe. Aber ein andrer, dessen Zeugnis ungleich mehr Gewicht hat, versichert, dass er unmittelbar nach seinem Abschiede von den Kindern der natur in den Orden der Derwischen getreten sei, und sich in der Folge, unter dem Namen Schek Kuban, den Ruhm eines der grössten Sittenlehrer in Yemen erworben habe. Er unterschied sich, sagt man, besonders durch die Lebhaftigkeit der Abschilderungen, die er von den unseligen Folgen einer zügellosen Sinnlichkeit zu machen pflegte. Man bewunderte die Stärke und Wahrheit seiner Gemälde, und niemand, oder nur sehr wenige, welche die Gabe hatten, zu erraten was für ein Gesicht hinter jeder Maske steckt, begriffen, warum er so gut malen konnte. Er hätte nützlich sein können, wenn er es dabei hätte bewenden lassen. Aber Missgunst und Verzweifelung erlaubten ihm nicht in so bescheidenen Schranken zu bleiben. Er warf sich zum erklärten Feinde aller Freuden und Vergnügungen des Lebens auf. Ohne den natürlichen und weisen Gebrauch derselben von dem sich selbst strafenden Missbrauche zu unterscheiden, schilderte er die Wollust und die Freude als verderbliche Sirenen ab, die den armen Wanderer durch die Süssigkeit ihrer stimme herbei locken, um ihm das Mark aus den Beinen zu saugen, das Fleisch von den Knochen zu nagen, und, wenn sie nichts mehr an ihm finden, den Rest den Maden zur Speise hinzuwerfen. Er beschrieb die Liebe zum Vergnügen als eine unersättliche leidenschaft. 'Hoffen, dass man sie werde in Schranken halten können', sagte er, 'das wäre eben so weise, als