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Unsre Festtage sind die einzigen Gerichtstage, die wir kennen; unser ganzes Volk versammelt sich dann vor dem Tempel der Huldgöttinnen, und unter ihren Augen werden von unsern Ältesten alle Händel beigelegt, und alle gemeinschaftliche Abredungen genommen.

Wir nähren und bekleiden uns von unsern eigenen Produkten, und das Wenige, was uns abgeht, tauschen wir von den benachbarten Beduinen gegen unsern Überfluss ein. unsrer Jugend überlassen wir die sorge für die Herden. Vom zwölften bis zum zwanzigsten Jahre sind alle unsre Knaben Hirten, alle unsre Mädchen Schäferinnen, denn der weise Psammis urteilte, dass dieses die natürlichste Beschäftigung für das Alter der Begeisterung und der empfindsamen Liebe sei. Der Ackerbau beschäftigt die Männer vom zwanzigsten bis zum sechzigsten Jahre; und die Gärtnerei ist den Alten überlassen, welche darin von den Jünglingen der mühsamsten arbeiten überhoben werden. Der Seidenbau, die Verarbeitung der Baumwolle und Seide, die Wartung der Blumen, und die ganze innere Haushaltung gehört unsern Frauen und Töchtern zu. Jede Familie lebt so lange beisammen, als die gemeinschaftliche wohnung sie fassen und das väterliche Gut sie ernähren kann. Geht dieses nicht mehr an, so wird eine junge Kolonie errichtet, die sich in einem benachbarten Tale anpflanzt. Denn die Araber (deren Schutz wir mit einem mässigen Tribut erkaufen, und welche die natur in uns um so mehr zu ehren scheinen, als es ihnen wenig nützen würde uns auszurotten) haben uns einen grösseren Umfang von Land überlassen, als wir in etlichen Jahrhunderten bevölkern werden. Unser Gesetzgeber urteilte mit gutem grund, dass es zu Erhaltung unsrer Verfassung nötig sei, immer ein kleines Volk zu bleiben. Er verordnete deswegen, von Zeit zu Zeit eine Prüfung mit unsern Jünglingen vorzunehmen, und diejenigen, an denen sich ungewöhnliche Fähigkeiten, ein unruhiger Geist, eine Anlage zu Ruhmbegierde, oder auch nur ein blosses Verlangen die Welt zu sehen, äussern würde, von uns zu tun, und jenseits der Gebirge in irgend eine Hauptstadt von Ägypten, Syrien, Yemen oder Persien zu schicken, wo sie leicht gelegenheit finden würden, ihre Talente zu entwickeln und ihr Glück zu machen, wie man bei diesen Völkern zu reden pflegt. Wir verlieren auf diese Weise alle zehen Jahre eine beträchtliche Anzahl von jungen Leuten; aber oft begegnet es auch, dass sie, wenigstens im Alter, wieder kommen, um das Ende ihres Lebens in der einzigen Freistätte, welche die schöne natur vielleicht auf dem ganzen Erdboden hat, zu beschliessen; und wenn sie eine sehr scharfe Art von Quarantäne ausgehalten haben, und wir versichert sind, dass die Gesundheit unsrer Seelen und Leiber nichts von ihnen zu besorgen hat, werden sie mit Vergnügen aufgenommen. Verschiedene von ihnen haben beträchtliche Reichtümer mit sich gebracht, welche an einem unserm ganzen volk bekannten und offen stehenden Orte zu gemeinen Bedürfnissen auf künftige Fälle aufbehalten werden, ohne dass jemand daran denken sollte, sich etwas von demjenigen zueignen zu wollen, was allen angehört. Unsre Kinder werden vom dritten bis zum achten Jahre grössten Teils sich selbst, das ist, der Erziehung der natur überlassen. Vom achten bis zum zwölften empfangen sie so viel Unterricht, als sie vonnöten haben, um als Mitglieder unsrer Gesellschaft glücklich zu sein. Wenn sie richtig genug empfinden und denken, um unsre Verfassung für die beste aller möglichen zu halten, so sind sie gelehrt genug. Jeder höhere Grad von Verfeinerung würde ihnen unnütze sein. Mit Antritt des vierzehnten Jahres empfängt jeder angehende Jüngling die gesetz des weisen Psammis; er gelobet vor den Bildern der Huldgöttinnen, ihnen getreu zu sein; und dieses Gelübde wiederholt er im zwanzigsten, da er mit dem Mädchen, welches er in seinem Hirtenstande geliebt hat, vermählt wird. Denn die Liebe allein stiftet unsre Heiraten. Im dreissigsten Jahr ist ein jeder verbunden, zu seiner ersten Frau die zweite, und im vierzigsten die dritte zu nehmen, wofern er nicht hinlängliche Ursachen dagegen anführen kann, wovon wir kein Beispiel haben. Diese Vorsicht war vonnöten, weil die natürliche Proportion in der Anzahl der Jünglinge und Mädchen durch Verschickung eines Teils der ersten beträchtlich vermindert wird. Wir haben Sklaven und Sklavinnen; aber mehr zum Vergnügen, als um einen andern Nutzen von ihnen zu ziehen. Wir erkaufen sie in ihrer ersten Jugend von den Beduinen; eine untadelige Schönheit ist alles worauf wir dabei sehen. Wir erziehen sie wie unsre eigenen Kinder; sie geniessen des Lebens so gut als wir selbst; ihre Kinder sind frei, und sie selbst sind es von dem Augenblick an, da sie uns verlassen wollen. Sie sind in nichts als in ihrer Kleidung von uns unterschieden, welche zierlicher ist als die unsrige; und das einzige Vorrecht, welches wir uns über sie heraus nehmen, ist, dass sie uns bedienen wenn wir ruhen, und dass ihre vornehmste Beschäftigung ist uns Vergnügen zu machen.

Alle unsre Vergnügungen sind natürlich und ungekünstelt, und alle unsre Gemächlichkeiten tragen das Kennzeichen der Einfalt und Mässigung. Wir geniessen die Seligkeit eines ewigen Friedens, und einer Freiheit, die vielleicht für uns allein ein Gut ist, weil wir ihren Missbrauch nicht kennen. Wir geniessen die Wollust, welche die natur mit der Befriedigung der Bedürfnisse des Lebens, mit der Liebe, der Ruhe nach der Arbeit, und mit allen geselligen Trieben verbunden hat, vermutlich in einem höhern Grade als die übrigen Sterblichen; wir werden unsers Daseins vollkommner und länger froh; wir kennen die wenigsten von der unendlichen Menge ihrer Plagen, und auch diese kaum dem Namen nach. dafür lassen wir ihnen gern ihre