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Entzücken nicht ansehen konnte. Ein Hain von Myrten zog sich in einiger Entfernung um den kleinen Tempel, und bedeckte die ganze Anhöhe. Dieses letzte Werk war allen unsern Leuten ein Rätsel, und Psammis (so nannte sich der wunderbare Fremdling) verzog so lange, ihnen die Auflösung davon zu geben, bis er merkte, dass alle die zärtliche Ehrerbietung, die sie für ihn empfanden, nicht länger vermögend war, ihre Ungeduld zurück zu halten.

Endlich führte er am Morgen eines schönen Tages, welcher seitdem der heiligste unsrer festlichen Tage ist, eine Anzahl der Unsrigen, die er als die geschicktesten zu seinem Vorhaben ausgewählt hatte, auf die Anhöhe, setzte sich mit ihnen unter die Myrten, und gab ihnen zu erkennen: Dass er in keiner andern Absicht zu ihnen gekommen sei, als sie und ihre Nachkommen glücklich zu machen; dass er keine andre Belohnung dafür erwarte, als das Vergnügen, seine Absicht erreicht zu haben; und dass er keine andre Bedingung von ihnen fordere, als ein feierliches Gelübde, die gesetz unverbrüchlich zu halten, die er ihnen geben würde. 'Es würde zu weitläuftig sein', fuhr der Alte fort, 'dir zu erzählen, was er sagte um seine Zuhörer zu überzeugen, und was er tat um sein angefangenes Werk auszuführen, und ihm alle die Festigkeit zu geben, welche ein auf die natur gegründeter Entwurf durch weise Vorsicht erhalten kann. Eine probe seiner Sittenlehre, die den ersten teil seiner Gesetzgebung ausmacht, wird hinlänglich sein, dir davon einigen Begriff zu geben.

Jeder von uns empfängt beim Antritt seines vierzehnten Jahres, an dem Tage, da er in dem Tempel der Huldgöttinnen das Gelübde tun muss, der natur gemäss zu leben, einige Täfelchen aus Ebenholz, auf welchen diese Sittenlehre mit goldnen Buchstaben geschrieben ist. Wir tragen sie immer bei uns, und sehen sie als ein Heiligtum und gleichsam als den Talisman an, an welchen unsre Glückseligkeit gebunden ist. Wer sich unterfinge andre Grundsätze einführen zu wollen, würde als ein Vergifter unsrer Sitten und als ein Zerstörer unsers Wohlstandes auf ewig aus unsern Grenzen verbannt werden. Höre, wenn es dir gefällt, was ich dir davon vorlesen will. 'Das Wesen der Wesen', so spricht Psammis im Eingange seiner gesetz, 'welches, unsichtbar unsern Augen und unbegreiflich unserm verstand, uns sein Dasein nur durch Wohltaten zu empfinden gibt, bedarf unser nicht, und fodert keine andre Erkenntlichkeit von uns, als dass wir uns glücklich machen lassen.

Die natur, die zu unsrer allgemeinen Mutter und Pflegerin von Ihm bestellt ist, flösset uns mit den ersten Empfindungen auch die Triebe ein, von deren Mässigung und Übereinstimmung unsre Glückseligkeit abhängt. Ihre stimme ist es, die durch den Mund ihres Psammis mit euch redet; seine gesetz sind keine andern als die ihrigen.

Sie will, dass ihr eures Daseins froh werdet. Freude ist der letzte Wunsch aller empfindenden Wesen: sie ist dem Menschen, was Luft und Sonnenschein den Pflanzen ist. Durch süsses Lächeln kündigt sie die erste Entwicklung der Menschheit im Säugling an, und ihr Abschied ist der Vorbote der Auflösung unsers Wesens. Liebe und gegenseitiges Wohlwollen sind ihre reichsten und lautersten Quellen: Unschuld des Herzens und der Sitten das sanfte Ufer, in welchem sie dahin fliessen.

Diese wohltätigen Ausflüsse der Gotteit sind es, was ihr unter den Bildern vorgestellt sehet, denen euer gemeinschaftlicher Tempel heilig ist. Betrachtet sie als Sinnbilder der Liebe, der Unschuld und der Freude. So oft der Frühling wieder kommt, so oft Ernte und Herbst angehen und geendigt sind, und an jedem andern festlichen Tage versammelt euch in dem Myrtenhaine; bestreuet den Tempel mit Rosen, und kränzet diese holden Bilder mit frischen Blumen; erneuert vor ihnen das unverletzliche Gelübde, der natur getreu zu bleiben; umarmet einander unter diesen Gelübden, und die Jugend beschliesse das fest, unter den frohen Augen der Alten, mit Tänzen und Gesang. Die junge Schäferin, wenn ihr Herz aus dem langen Traume der Kindheit zu erwachen beginnt, schleiche sich einsam in den Myrtenhain, und opfre der Liebe die ersten Seufzer, die ihren sanften Busen heben; die junge Mutter mit dem lächelnden Säugling im arme wandle oft hierher, ihn zu den Füssen der holden Göttinnen in süssen Schlummer zu singen.

Höret mich, ihr Kinder der natur! – denn diesen und keinen andern Namen soll euer Volk künftig führen.

Die natur hat alle eure Sinne, hat jedes Fäserchen des wundervollen Gewebes eures Wesens, hat euer Gehirn und euer Herz zu Werkzeugen des Vergnügens gemacht. Konnte sie euch vernehmlicher sagen, wozu sie euch geschaffen hat?

Wär es möglich gewesen, euch des Vergnügens fähig zu machen, ohne dass ihr auch des Schmerzes fähig sein musstet, sowürde es geschehen sein. Aber so viel möglich war hat sie dem Schmerz den Zugang zu euch verschlossen. Solang ihr ihren Gesetzen folget, wird er eure Wonne selten unterbrechen; noch mehr, er wird euer Gefühl für jedes Vergnügen schärfen, und dadurch zu einer Wohltat werden; er wird in euerm Leben sein was der Schatten in einer schönen sonnigen Landschaft, was die Dissonanz in einer Symphonie, was das Salz an euern speisen.

Alles Gute löset sich in Vergnügen auf, alles Böse in Schmerz. Aber der höchste Schmerz ist das Gefühl sich selbst unglücklich gemacht zu haben', – (hier holte der Emir einen tiefen Seufzer) – 'und die höchste Lust das heitre Zurücksehen in ein wohl gebrauchtes, von keiner