, als was ein junger Landmann alle Tage morgens und abends ohne Murren unternimmt, um seinem Mädchen einen Kuss zu geben; aber für die schlaffen Sehnen und marklosen Knochen des Emirs war dies eine ungeheure Arbeit. Er musste sich so oft niedersetzen, um wieder zu Atem zu kommen, dass es finstre Nacht wurde, eh er die Pforte der nächsten wohnung erreichte, die einer Art von ländlichem Palast ähnlich sah, aber nur von Holze gebaut war. Ein angenehmes Getöse, aus Gesang, Saitenspiel und andern Zeichen der Fröhlichkeit vermischt, welches ihm schon von fern aus diesen Wohnungen entgegen kam, vermehrte seine Verwundrung, alles dies mitten in dem ödesten Gebirge zu finden. Da er keine andre Belesenheit als in Geistermärchen hatte, so war sein erster Gedanke, ob nicht alles, was er sah und hörte, ein Werk der Zauberei sei. So furchtsam ihn dieser Gedanke machte, so überwog doch endlich das Gefühl seiner Not. Er klopfte an, und bat einen Hausgenossen, welcher heraus kam um zu sehen was es gäbe, mit einer so wunderlichen Mischung von Stolz und Demut um die Nachterberge, dass man ihn vermutlich abgewiesen hätte, wenn die Gastfreiheit ein weniger heiliges Gesetz bei den Bewohnern dieser Gegend gewesen wäre. Der Emir wurde mit freundlicher Miene in einen kleinen Saal geführt, wo man ihn ersuchte, sich auf einen unscheinbaren aber sehr weich gepolsterten Sofa niederzulassen. In wenigen Augenblicken erschienen zwei schöne Jünglinge, um ihn in ein Bad zu führen, wo er mit ihrer Beihülfe gewaschen, beräuchert, und mit einem netten Anzuge von dem feinsten baumwollenen Zeuge bekleidet wurde. Damit ihm die Weile nicht zu lang würde, trat ein niedliches Mädchen, so schön als er jemals eines in seinem Harem gehabt hatte, mit einer Teorbe in der Hand herein, setzte sich ihm gegenüber, und sang ein Lied, aus dessen Inhalt er so viel abnehmen konnte, dass man über die Ankunft eines so angenehmen Gastes sehr erfreut sei. Er wusste immer weniger, was er von der Sache denken sollte; aber die Gestalt und die stimme der jungen Dirne, die er eher für eine Perise, oder gar für eine von den Huris des Paradieses zu halten versucht war, liessen ihm keine Zeit zu sich selbst zu kommen. Beides, nebst der freundlichen Aufnahme, die ihm widerfuhr, wirkte so stark auf seine Sinne, dass er unvermerkt aller Ursachen zur Traurigkeit und alles erlittenen Ungemachs vergass, und, durch eine sanfte Gewalt fortgezogen, sich den Eindrücken überliess, die man auf ihn machen wollte.
Wenn dies die weiseste Entschliessung war, die er in seinen Umständen nehmen konnte, so muss man auch gestehen, dass er sich sehr wohl dabei befand. Kaum war er angekleidet, so erschien derjenige wieder, der ihn zuerst aufgenommen hatte, und winkte ihm, ohne ein Wort zu sprechen, ihm zu folgen. Der Emir kam in einen grossen mit Wachslichtern stark erleuchteten Saal, aus welchem ihm, so wie die Tür sich auftat, der angenehmste Wohlgeruch von frischen Nelken und Pomeranzenblüten entgegen wehte. Viele niedrige Tafeln, um welche rings herum ein wohl gepolsterter Sofa sich zog, standen mit feinem schneeweissen Leinen gedeckt, welches mit einem breiten Saume von zierlichem Stickwerk eingefasst war. Die Mitte des Saals wimmelte von jüngern und ältern Personen beiderlei Geschlechts, die ihn mit einem offnen guterzigen Gesicht empfingen, und ihn insgesamt durch die edle Schönheit ihrer Gestalt und Bildung, und durch einen über ihr ganzes Wesen ausgegossenen Ausdruck von Güte und Fröhlichkeit in die angenehmste Überraschung setzten. In einer Ecke stand ein schöner Brunnen, wo eine Nymphe, an einem mit Schasmin bewachsenen Felsenstücke auf Moos liegend, aus ihrer Urne kristallhelles wasser in ein Bekken von schwarzem Marmor goss. Der ganze Saal war mit grossen Blumenkränzen behangen, die von etlichen jungen Mädchen von Zeit zu Zeit mit frischem wasser angespritzt wurden. Alles dies zusammen genommen machte einen sehr angenehmen Anblick; aber es war nicht das Schönste, was sich seinen Augen in diesem bezauberten Orte darstellte. Ein ehrwürdiger Greis, mit silberweissen Haaren, lag, in der Stellung einer gesunden und vergnüglichen Ruhe nach der Arbeit, auf dem obersten platz des Sofas; ein Greis, wie der gute Emir weder jemals einen gesehen, noch für möglich gehalten hatte dass es einen solchen geben könnte. Munterkeit des Geistes glänzte aus seinen noch lebhaften Augen; achtzig Jahre eines glücklichen Lebens hatten nur schwache Furchen auf seiner heiter ausgebreiteten Stirne gezogen, und die Farbe der Gesundheit blühte gleich einer späten herbstlichen Rose noch auf seinen freundlichen Wangen. 'Dies ist unser Vater', sagten einige junge Personen, die den Emir umgaben, indem sie ihn an der Hand zum Sitze des Alten hinführten.
Der Alte stand nicht auf, machte auch keine Bewegung als ob er aufstehen wollte; aber er reichte ihm die Hand, drückte des Emirs seine mit einer Kraft, welche diesen in Erstaunen setzte, und hiess ihn sehr leutselig in seinem haus willkommen sein. Aber gleichwohl (sagt mein Autor) sei in dem ersten Blikke, den der Greis auf den Emir geworfen habe, unter den leutseligen Ausdruck der gastfreien Menschenfreundlichkeit etwas gemischt gewesen, welches den Fremden betroffen gemacht habe, ohne dass er sich selbst habe erklären können wie ihm sei. Der Alte hiess ihn Platz an seiner Seite nehmen" –
"Ich habe versprochen, dich nicht zu unterbrechen, Doktor", sagte der Sultan: "aber ich möchte doch wissen, was in den blick des Alten gemischt sein konnte, dass es