hier und da milzsüchtige, zur Freude untüchtig gewordene Leute, die ein klägliches Geschrei über diese Neuerungen erhoben. 'Welche Greuel!' riefen sie, indem sie ihre übel gekämmten Köpfe mit Unglückweissagender Miene schüttelten. 'Was werden die Früchte davon sein? Diese Liebe zu Gemächlichkeiten und Ergetzungen, dieser verfeinerte Geschmack, dieser herrschende Hang zur Sinnlichkeit, wird die Nation zu grund richten. Üppige Feiertage werden den Gewinn der arbeitsamen Tage, üppiger Aufwand den Überfluss der sparsamen Mässigkeit verzehren; die Wollust wird den Müssiggang, der Müssiggang die ganze verderbliche Brut der Laster herbei ziehen. Die Reichen werden unersättlich werden, und bei aller Verfeinerung ihrer Empfindungen sich kein Bedenken machen, von dem Eigentume der Armen, so viel sie nur können, in ihren Strudel hinein zu ziehen. Die Armen werden eben so wenig gewissenhaft sein, alles, wie ungerecht und schändlich es immer sein mag, zu tun und zu leiden, wenn es nur ein Mittel abgeben kann, sich in den beneideten Zustand der Reichen zu schwingen. Ungeheuer von Lastern, unnatürliche Ausschweifungen, Verräterei, Giftmischerei und Vatermord werden durch ihre Gewöhnlichkeit endlich das Abscheuliche verlieren, das sie für die unverdorbene Menschheit haben; und nicht eher, als bis die Nation unwiederbringlich verloren ist, wird man gewahr werden, dass die schöne Lili die zauberische und geliebte Urheberin unsers Verderbens war.'
Einige alte Leute, die im Laufe von sechzig oder siebzig Jahren weislich genug gelebt hatten, um im Alter noch nicht allem Anteil an den Freuden des Lebens entsagen zu müssen, sahen die Sache aus einem andern Gesichtspunkt an. – 'Unsere milzsüchtigen und nervenlosen Brüder haben nicht ganz unrecht', sagten sie:'Ergetzungen und Wollüste können, als die Würze des Lebens, durch übermässigen Gebrauch nicht anders als schädlich sein. Die natur hat sie zur Belohnung der Arbeit, nicht zur Beschäftigung des Müssiggangs bestimmt. Gleichwohl ist unleugbar, dass nicht die schöne Lili, sondern die natur selbst, die Zaubrerin ist, die uns diesen göttlichen Nektar darreicht, den sie mit eigenen Händen für uns zubereitet hat, und wovon etliche Tropfen genug sind, uns aller Mühseligkeiten des Lebens vergessen zu machen. Oder ist es nicht die natur, die den Menschen von einem Grade der Entwicklung zum andern fortführt, und, indem sie durch die Bedürfnisse seine Einbildungskraft und durch die Einbildungskraft seine Leidenschaften spielen macht, diese vermehrte Geselligkeit, dieses verfeinerte Gefühl, diese Erhöhung seiner empfindenden und tätigen Kräfte hervorbringt, wodurch der Kreis seiner Vergnügungen erweitert, und seine Fähigkeit, des Daseins froh zu werden, mit seinen Begierden zugleich vermehrt wird? Lasst uns also der natur folgen; einer Führerin, die uns unmöglich irre führen kann!
Nicht sie, – unsre Ungeduld, unsre Gierigkeit im Geniessen, unsre Unachtsamkeit auf ihre Warnungen, ist es, was uns auf Abwege verleitet. Jede höhere Stufe, welche der Mensch betritt, erfodert eine andere Lebensordnung; und eben darum, weil der grosse Haufe der Sterblichen als unmündig anzusehen ist, und sich nicht selbst zu regieren weiss, muss er dieses Amt einer gesetzgebenden Macht überlassen, welche immer das Ganze übersehen, und ihren Untergebenen, mit jeder merklichen Veränderung ihrer Umstände, auch die darnach abgemessenen Verhaltungsregeln vorschreiben soll. Es lebe die schöne Lili! Sie hat sich ein Recht an unsre Dankbarkeit erworben, denn sie hat uns Gutes getan. Aber wenn sie sich nun auch gefallen lassen wollte, uns eine so vollkommene Polizei zu geben, als wir bedürfen, wenn uns ihre Geschenke nicht verderblich werden sollen: dann verdiente sie, wenigstens so gut als der grosse Affe, dass wir ihr Pagoden erbaueten!'
Die schöne Lili hüpfte auf dem blumichten Wege fort, auf den eine wollüstige Einbildungskraft sie geleitet hatte, ohne sich um die Drohungen der einen, noch um die Warnungen der andern zu bekümmern. Sie genoss des Vergnügens, der Gegenstand der Liebe und Anbetung einer ganzen Nation zu sein. Umflattert von Freuden und Liebesgöttern, goss sie überall, so weit ihre Blicke reichten, süsses Vergessen aller Sorgen, Entzücken und Wonne aus. Hierin schien sie ihre eigene vollkommenste Befriedigung zu finden. Aber ihre Wohltätigkeit erstreckte sich nur auf den gegenwärtigen Augenblick. Ihre Sinnesart teilte sich unvermerkt der ganzen Nation mit, welches um so leichter geschehen musste, da keine andre dem Menschen natürlicher ist. Man genoss des Lebens, und niemand dachte an die Zukunft."
"Ich liebe diese Lili", rief der Sultan in einem Anstoss von Lebhaftigkeit, den man seit langer Zeit nicht an ihm bemerkt hatte. "Ich muss bekannter mit ihr werden. Gute Nacht, Mirza und Danischmend! Nurmahal soll da bleiben, und mir das Bildnis der schönen Lili machen."
3.
"Unstreitig war Vernunft in der Schutzrede, welche die alten Knaben dem Vergnügen und der schönen Lili hielten", – sagte der Sultan, als sich seine gewöhnliche Gesellschaft des folgenden Abends in seinem Schlafzimmer versammelt hatte. "Aber ich gestehe, dass ich nicht recht begreife, was sie mit ihrer Lebensordnung sagen wollen, oder was für eine Polizei das sein soll, wodurch allen den Übeln vorgebeuget werden könnte, womit uns die schwarzgelben Sittenlehrer so fürchterlich bedräut haben. Die Sache liegt mir am Herzen. Ich denke, ich habe alles mögliche getan, um meine Völker glücklich zu machen; aber es sollte mir leid tun, wenn ich ihnen, wider meine gute Absicht, ein gefährliches Geschenk gemacht hätte."
("Diesen Kummer könnten Sich Ihre Majestät ersparen", dachte