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von einem rohen tatarischen Heerführer, wie Ogul-Kan war, Belesenheit vermuten könnte, so sollte man glauben, dass hier eine Anspielung auf den Tyrannen Dionysius von Syrakus wäre, der den Marsyas, einen seiner Staatsbedienten, hinrichten liess, weil diesem Marsyas geträumt hatte, er habe dem Tyrannen die Kehle abgeschnitten. Plutarch im Leben Dions, Tom. V.p. 167. edit. Londin. de 1724. Plutarch gibt zum grund dieses strengen Verfahrens an: Dionysius habe geglaubt, Marsyas würde schwerlich so gefährlich geträumt haben, wenn er nicht wachend mit dergleichen Gedanken umgegangen wäre; und Montesquieu findet diesen Grund (wenn der unbündige Schluss, auf den er sich stützt, auch richtig wäre) nicht hinlänglich, das Verfahren des Dionysius zu entschuldigen. Esprit des Loix, Tom. I.L. XII. ch. XI. Der Gedanke, sagt er, müsste, um strafbar zu werden, mit irgend einer Handlung verbunden gewesen sein. Aber dies war eben die Sache. Woher konnte Dionys wissen was Marsyas träumte? Marsyas hatte seinen Traum erzählt; und dies schien entweder einen bösen Willen gegen den Fürsten, oder doch einen Grad von Unvorsichtigkeit voraus zu setzen, den ein so argwöhnischer und furchtsamer Fürst, wie Dionysius war, strafwürdig finden musste. Es war ihm daran gelegen, den Syrakusern zu zeigen, dass man sich auch sogar im Traume nicht ungestraft an seiner person vergreifen könne. 26 Es gibt, mit Erlaubnis des Sultans, Fälle, wo man sich nicht entbrechen kann, spekulative Meinungen als eine Staatssache zu behandeln. Aber desto grösser muss auch alsdann die Vorsichtigkeit sein, um einen Funken, durch allzu grosse Geschäftigkeit ihn zu ersticken, nicht erst zu einer Flamme aufzustieren. 27 Die geschichte der ausserordentlichen Bemühungen, welche Jamblichus, Plotinus, Porphyrius und ihre Anhänger in einer Art von Verzweiflung fruchtlos angewandt, dem unterliegenden Heidentum gegen die siegreiche Obermacht der christlichen Religion zu hülfe zu kommen, ist das vollständigste Beispiel, das uns die Historie an die Hand gibt, um den Charakter und das Betragen der Bonzen von Scheschian, in einem gewisser massen ähnlichen Falle, zu erläutern. Was liessen diese von dem seltsamsten Eifer glühen Schwärmer unversucht, um wenigstens die letzten Augenblicke des sterbenden Aberglaubens zu verlängern? Orakel, Wunder, wiederkommende Seelen, alles, was ausserordentlich war, wurde aufgeboten, Pytagoras und Apollonius wurden zu göttlichen Männern und Teurgen erhoben, um sie mit einigem Schein dem grossen Stifter der wahren Religion entgegen zu setzen. Das ganze Heidentum wurde umgeschmolzen, die ungereimtesten Fabeln zu allegorischen Hüllen der erhabensten Wahrheiten gemacht, und das Werk des Betrugs und des Aberglaubens in eine Teosophie verwandelt, deren Entdeckungen und Versprechungen einen blendenden Glanz von sich warfen, und unbehutsame Gemüter durch den Schein eines göttlichen Ursprungs täuschten. Man belegte die christlichen Weisen, welche allen diesen Blendwerken Vernunft entgegen setzten, mit dem verhassten Namen der Freigeister und Ateisten; kurz, man wagte in der Verzweiflung alles. Aber vergebens traten Aberglauben, Schwärmerei und Philosophie in ein unnatürliches Bündnis: die Wahrheit siegte; und eben dieser Sieg bewies, dass sie Wahrheit war.

Anmerk. des latein. Übersetzers

28 Ein sehr nachdrückliches Beispiel hiervon ist der Satz, dass es Antipoden, oder Gegenfüssler gebe, welcher dem Bischof zu Salzburg Virgilius (wofern es nicht ein andrer Virgilius war, wie aus einigen Umständen sich vermuten lässt) so schlimme Händel machte. Diese Lehre war so unerhört und dem damaligen gemeinen Menschenverstande so anstössig, dass selbst die weisesten Männer sich nicht darein finden konnten. "Man legte es ihm so aus" (sagt Aventinus in seinen Baierischen Jahrbücher), "als ob er eine andre Welt, andre (das ist vermutlich nicht von Adam und Eva entsprungne) Menschen, eine andre Sonne und einen andern Mond behaupte. Bonifacius widerlegt diese Sätze als gottlos und der christlichen Philosophie entgegen laufend, bestraft Virgilen deswegen öffentlich und absonderlich, verlangt von ihm, dass er diese albernen Kindereien (Naenias) widerrufe, und die einfältige und lautere Weisheit des christentum nicht länger mit dergleichen unsinnigen Träumen beflecke." Der damalige Papst Zacharias, vor welchen diese Sache, ihrer vermeintlichen Wichtigkeit wegen, gebracht wurde, sah sie nicht mit gelindern Augen an als Bonifacius. Er nennt die Lehre von andern Menschen unter der Erde eine verkehrte Lehre, welche Virgilius gegen Gott und seine Seele ausgesprochen Herzog Utilo zu (der, wie es scheint, den guten Virgil in seinen Schutz genommen hatte), den gefährlichen Mann nach Rom zu senden, damit er aufs schärfste examiniert, und, wenn er seines Irrtums überwiesen worden wäre, nach den kanonischen Gesetzen gestraft werden könne. Baron. ad annum 748. Uns dünkt nicht, dass man hinlängliche Ursache habe, den ehrwürdigen Bischöfen, welche diese Antipodensache mit so vieler Strenge behandelt haben, deswegen so hässliche Vorwürfe zu machen, als viele getan haben. Man hat nicht einmal vonnöten, zu ihrer Entschuldigung die Wendung zu gebrauchen, deren sich der berühmte Augsburgische Patrizier, Marx Welser, in seiner Baierischen geschichte bedient, nämlich zu sagen: dass diejenigen, welche den Virgilius behaupten gehört, die Erde sei rund und auch auf der andern Halbkugel bewohnt usw. seine Meinung unrecht verstanden, und sie also dem Heil. Bonifacius fälschlich hinterbracht hätten. Es ist genug, dass in den damaligen zeiten das allgemeine Vorurteil, selbst der Gelehrten, in dem Begriffe von Antipoden etwas höchst Ungereimtes fand. Lange zuvor hatte Kosmas der Indienfahrer, ein ägyptischer Mönch, in seiner christlichen Topographie (