wir hier eine dreifache Anmerkung machen: nämlich erstens, dass die Worte Bonze, Fakir und Derwisch, so oft sie in dieser geschichte vorkommen, allezeit in der engsten Bedeutung genommen werden, und weiter nichts bedeuten als Bonzen, Fakirn und Derwischen; zweitens, dass Danischmend hier nicht von allem Verdacht einer schmeichlerischen gefälligkeit gegen die unbillige denkart seines Herrn frei gesprochen werden könne; und drittens, dass die angebliche Demonstration des Sultans sich augenscheinlich auf einen Trugschluss gründet, und also die Bonzen (welche wir übrigens verteidigen zu wollen weit entfernt sind) keineswegs treffen könne.
Anmerk. des latein. Übersetzers
Gleichwohl konnte, alles wohl erwogen, dem Sultan nicht zugemutet werden, anders zu schliessen. Er schloss so: Meine Bonzen reden übel von mir, und ich mache mir eine Ehre aus ihrem Tadel; also ist ihr Lob unrühmlich: denn wär es rühmlich, so wäre mir's Schande, es nicht zu verdienen. Nun ist dies aber ein Gedanke, den ich nicht leiden kann; er ist also falsch; und was von mir gilt, das gilt auch von Ogul-Kan: denn, erweise ich ihm nicht die äusserste Ehre, die nur möglich ist, wenn ich ihn für meinesgleichen gelten lasse? – Diese Art zu schliessen lässt sich freilich weder durch die Logik des Aristoteles noch der Herren von Port-Royal rechtfertigen. Aber seit die Welt in ihren Angeln geht, hat die Eigenliebe nie bessere Schlüsse gemacht.
Anmerk. des deutschen Übersetzers
11 Diese Periode sagt beinahe mit den nämlichen Worten, was Xenophon seinen Cyrus im I. buch der Cyropädie (p.m. 52) sagen lässt. Vielleicht hat Psammis diese Stelle wirklich im Sinne gehabt. Wenigstens ist dies nicht die einzige, aus welcher sich erweisen liesse, dass seine Moral echte sokratische Moral ist. 12 Wiewohl nicht zu leugnen ist, dass der Iman hier einige Wahrheiten oder Halbwahrheiten vorbringt, so können wir doch nicht unangemerkt lassen, dass dieser letzte Satz ganz falsch ist. Solon, Pisistratus, Alcibiades, Demetrius Poliorcetes, Julius Cäsar, Antonius, und zehen tausend andre Beispiele haben zu allen zeiten das Gegenteil bewiesen. Aber freilich mochte dieser Iman, wie viele seinesgleichen, nicht sonderlich in der geschichte bewandert sein. Anmerk, des latein. Übersetzers 13 Es ist aus den Reisebeschreibungen und MissionsNachrichten bekannt, dass das Institut der Derwischen sowohl als der Bonzen und Talapoinen sich auf eine Torheit in den Berichten unsrer Missionarien häufig gerüget wird. Die strengern unter den Bonzen haben bei ihren Andachtsübungen und Kasteiungen nichts geringers im Sinne, als Pagoden, d.i. Götter, nach ihrem tod zu werden. Anmerk. des latein. Übersetzers 14 Wofern Danischmend sich hier nicht überzählt hat, so ist wenigstens zu vermuten, dass die meisten Fürsten alsdann, wenn der Tod im Begriff ist die Gleichheit zwischen ihnen und dem geringsten ihrer Untertanen wieder herzustellen, so denken wie Ludwig VI. von Frankreich, da er sterbend zu seinem jungen Tronfolger sagte: Vergiss niemals, mein Sohn, dass die königliche Autorität nur ein öffentliches Amt ist, wovon du nach deinem tod (Gott und der Nachwelt) eine genaue Rechnung abzulegen hast.
Anmerk, des latein. Übersetzers
15 Das Vertrauen eines Fürsten zu einem Minister, für welchen er keine besondere persönliche Zuneigung hat, macht ordentlicher Weise (denn es gibt auch hier Ausnahmen) sowohl dem Fürsten als dem Minister Ehre. Es beweiset bei diesem vorzügliche Verdienste, bei jenem die Fähigkeit sie zu schätzen, und die königliche Tugend seine Privatneigungen dem Nutzen des Staates nachzusetzen.
Anmerk. des sines. Übersetzers
16 Dieses Bild erinnert uns an eines der vollkommensten Gemälde des Tasso, auf welches man diese Stelle für eine Anspielung halten würde, wenn Nurmahal nicht etliche Jahrhunderte früher gelebt hätte als der wälsche Dichter.
Ecco tra fronde e fronde il guardo avante
Penetra e vede, o pargli di vedere:
Vede pur certo il vago e la diletta,
Ch' egli è in grembo a la donna, essa a l'erbetta:
Ella dinanzi al petto hà il vel diviso
E'l crin sparge incomposto al vento estivo:
Langue per vezzo, e'l suo infiammato viso
Fan biancheggiando i bei sudor più vivo.
Qual raggio in onda, le scintilla un riso
Ne gli umidi occhi tremulo e lascivo,
Sovra lui pende ed ei nel grembo molle
Le posa il capo e'l volto al volto attolle.
E i famelici sguardi avidamente
In lei pascendo si consuma e strugge, etc.
GOFFREDO, C. XVI. 17, 18, 19.
17 Vermutlich sind die Kalifen Harun Al Raschid und sein Sohn Almamon hier gemeint, unter welchen, wie bekannt ist, die griechischen Wissenschaften und Künste in das sarazenische Reich verpflanzt wurden.
Anmerk. des latein. Übersetzers
18 Die meisten alten Gewohnheiten sind verderblich, bloss weil sie alte Gewohnheiten sind. Sie mochten zu ihrer Zeit, unter gewissen Umständen, gut oder doch zu rechtfertigen sein; aber diese Umstände haben aufgehört, und die Gewohnheit, welche dennoch fortdauert, wird schädlich. Daher ist überhaupt nichts so albern als das gewöhnliche Geschrei der Dummköpfe über Neuerungen.
Anmerk. eines Ungenannten
19 Man kann aus Mangel zuverlässiger Nachrichten nicht für gewiss sagen, ob die Scheschianer das Geld nach Unzen Silbers, wie die Sinesen, berechnet, oder ob sie sich goldner und silberner Münzen bedient haben. Wenigstens finden sich, unsers Wissens, keine scheschianischen Münzen in irgend einem europäischen Münzkabinette. Vermutlich aber hat der sinesische Übersetzer