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gleichem Schlage vermehrten die so genannten Staatsbedürfnisse auf eine so ungeheure Art, dass, ungeachtet die Abgaben, womit das Volk nach und nach unter allen nur ersinnlichen Titeln belastet worden war, den arbeitenden Klassen zu ihrem notdürftigsten Auskommen kaum das Unentbehrlichste übrig liessen, die Zinsen der Staatsschulden zuletzt beinahe die ganze Summe der Einkünfte aufzehrten, und zu Bestreitung der übrigen Ausgaben täglich neue Schulden gemacht werden mussten.

Die Unzufriedenheit des Volkes, welche man lange keiner Aufmerksamkeit würdigte, die immer näher kommende Gefahr eines unvermeidlichen Staatsbankrutts, und die schrecklichen Folgen, die er nach sich ziehen musste, machten endlich einige redliche Männer, denen das Vaterland am Herzen lag, so kühn, sich zu Vormündern der Nation aufzuwerfen, und ihre Beschwerden der Regierung in einem anständigen aber männlichen Tone vorzutragen. Man verglich den gegenwärtigen Zustand von Scheschian mit dem, was er in den zeiten des grossen Tifan gewesen war, und was er noch jetzt in einem ungleich höhern Grade sein könnte, wenn der Ehrgeiz und Eigennutz derjenigen, denen die Nation ihre Wohlfahrt anvertraute, das wohltätige Joch seiner gesetz nicht abgeschüttelt hätte; man sprach laut und nachdrücklich von den Rechten des volkes und von den Pflichten der Regenten; man liess keinen Missbrauch ungerügt, keine Quelle des allgemeinen Elends unentdeckt; man zeigte deutlich und gründlich was anders werden müsse, und wie es besser werden könne. Aber diejenigen, die man dadurch zum Nachdenken erwecken wollte, hörten und lasen entweder nichts, oder hatten zu viel Eigendünkel um sich raten zu lassen, oder affektierten wohl gar Warnungen für Drohungen anzusehen, und ermächtigten sich, die stimme der Vernunft und der Vaterlandsliebe in dumpfen Kerkern ungehört verhallen zu lassen.

Bald wurde die kleine Zahl der redlich gesinnten Fürsprecher des volkes von einer Menge andrer verdrängt, die (nach ihren grundsätzen und nach dem Ton ihres Vertrags zu urteilen) keine andre Absicht haben konnten, als die Missvergnügten noch mehr aufzuhetzen und eine Revolution zu beschleunigen, in welcher sie eine bedeutende Rolle zu spielen hofften.

Die Gärung der Gemüter wurde nun zusehens immer stärker und allgemeiner; das Volk fand seinen Zustand unerträglich, und fing an furchtbare Zeichen zu geben, dass es ihn nicht länger ertragen wolle. Die Regierung hatte sein Zutrauen unwiederbringlich verloren; alle Bande des gesellschaftlichen Vereins waren aufgelöst, alle Springfedern der Regierung ohne Spannung; der Adel und die Häupter der Priesterschaft vom allgemeinen Hasse zu den ersten Opfern seiner Rache bestimmt: mit Einem Worte, das Mass des Unsinns, des Übermuts, der Verbrechen, der Tyrannei, undder Geduld war voll; nur Ein Tropfen mehr, und es lief über.

Sollte man es für möglich halten, dass diejenigen, die am Ruder des staates sassen, unter solchen Umständen, während ein jeder, der sich die Ohren nicht geflissentlich zustopfte, den Orkan schon von ferne brausen hörte, sorgloser als jemals schlummerten und von keiner Gefahr sich träumen liessen? Aber sie wurden auf eine schreckliche Art erweckt.

Ein Edikt, worin, unter dem Vorwande dringender Staatsbedürfnisse, dem Volk eine neue Abgabe zugemutet wurde, und welches der Hof in einem Zeitpunkt ergehen liess, da, entweder zufälliger Weise oder durch geheime Veranstaltungen der Übelgesinnten, ein schnell überhand nehmender Mangel der notdürftigsten Lebensmittel die untern Volksklassen in die lebhafteste Unruhe setzte, – dieses Edikt war das Signal zum allgemeinen Aufstande. Im ganzen Reiche drängte sich der Pöbel in grossen massen zusammen, schwärmte, von den Verwegensten und Ruchlosesten aus seinem Mittel angeführt, überall umher, ermordete alle die es für seine Tyrannen oder für Werkzeuge der Tyrannei ansah, plünderte und zerstörte die Schlösser und Landsitze der Nairen, verbrannte die Zollhäuser, raubte die öffentlichen Kassen aus, und beging alle Arten von Ausschweifungen und Greueltaten. Die Hauptstadt, in welcher die Empörung zuerst ausgebrochen war, ging in allem diesem den übrigen mit ihrem Beispiele vor. Die ihrer Schuld sich bewussten und durch Weichlichkeit und Ausschweifungen entnervten Nairen hatten weder Mut noch Kraft zum Widerstand; viele retteten ihr Leben durch eine schnelle Flucht; die meisten fielen ihren Feinden in die hände und starben eines schmählichen Todes. Der namenlose König, der letzte und verdienstloseste von Tifans Abkömmlingen, wurde, mit den wenigen die ihn nicht verlassen hatten, in seinem eigenen Palast eingekerkert, und, bei einem misslungenen Versuch zu entfliehen, der Wut des Pöbels Preis gegeben.

Das Volk, das sich anfangs ohne Plan und Zweck bloss den ungestümen Eingebungen der Verzweiflung, der Rache und Mordlust überlassen hatte, fing endlich an, der stimme einiger Männer von Talenten und Einsichten Gehör zu geben, die sich zu Wiederherstellung der Ordnung zusammen taten, und durch ihre Popularität das Vertrauen desselben gewonnen hatten. Aber da war kein Dschen-gis, kein Tifan mehr, der mit überwiegenden Geisteskräften Weisheit und Tugend genug vereinigt hätte, um sich alle Gemüter zu unterwerfen, und diese Obermacht, ohne eigennützige Absichten, bloss zum Besten des Ganzen anzuwenden. Der kleinen Anzahl der Wohlgesinnten fehlte es teils an Mut und Beharrlichkeit, teils hofften sie irriger Weise durch die Macht der Vernunft auszurichten, was ihre Gegner, die sich aus Ehrgeiz und Herrschsucht zu Anführern des volkes aufgeworfen hatten, auf einem viel kürzern Wege dadurch erhielten, dass sie sich alles erlaubten und vor keiner Abscheulichkeit zurück bebten, wenn sie nur ein Mittel zu ihrer Absicht war.

Notwendig behielten also die letzteren die Oberhand: aber da jeder nur seinen eigenen Zweck verfolgte, keiner dem andern traute, jeder allein herrschen und keiner gehorchen, keiner der Zweite oder Dritte sein wollte, so zerfielen sie unter sich