, wie er sagt, ungefähr zu gleichen Teilen Schuld waren.
Wiewohl nun (fährt er, nachdem er seiner Galle Luft gemacht, in einem ruhigern Tone fort) der Verlust, den die Welt dadurch erleide, unersetzlich sei; so habe er sich doch, um die Wissbegierde der Leser nicht ganz unbefriedigt zu lassen, alle nur ersinnliche Mühe gegeben, über den Ausgang dieser geschichte, die sich nicht eher als mit dem scheschianischen Reiche selbst hätte enden sollen, einiges Licht zu erhalten; und es sei ihm endlich geglückt, aus alten Sagen und glaubwürdigen Urkunden so viel davon heraus zu bringen, dass er sich im stand finde, nachdenkenden Lesern einiger massen begreiflich zu machen, wie besagtes Reich unter der ungeheuern Last von Übeln, die von einer langen Reihe namenloser oder heilloser Könige über demselben zusammen gehäuft worden, endlich notwendig habe einsinken und zu grund gehen müssen.
Ob der lateinische Übersetzer diesen von seinem sinesischen Vorgänger mit so mühsamem Fleiss ausgearbeiteten Anhang nicht für interessant genug gehalten habe, oder ob er durch irgend einen Zufall an Verdolmetschung desselben gehindert worden, ist unbekannt. Genug, dass wir in seiner Handschrift nichts als eine Note am Schluss des Werkes gefunden haben, worin er sich begnügt, seinen Lesern die Resultate der Geschichtserzählung des Sinesers in einem kurzen Auszuge folgender massen mitzuteilen. Der Oberpriester Kolaf und seine Ordensbrüder genossen des Sieges, den sie über den scheschianischen Adel erhalten hatten, nicht so lange als sie zu Ausführung aller ihrer Plane wünschten; der unvermutete Tod der Königin Dulika beraubte sie einer Stütze, die ihnen dazu unentbehrlich war.
Vermög eines von Tifan gegebenen Gesetzes musste sich der König eine neue Gemahlin aus den zwölf schönsten Mädchen wählen, welche von den Stellvertretern der zwölf Hauptprovinzen des Reichs nach einer vorgeschriebenen Ordnung für ihn ausgesucht wurden.
Kolaf konnte und wollte auf die Wahl der neuen Königin keinen Einfluss haben; aber er besass ein unfehlbares Mittel, das Herz des Königs für diejenige zu bestimmen, zu welcher er selbst das beste Vertrauen hatte. Der Gewohnheit nach mussten die zwölf Jungfrauen dem Könige bei ihrer Vorstellung ein kleines Geschenk darbringen. Zili, die Tochter eines Oberpriesters, der ein vertrauter Freund des ersten Ministers war, beglückte Seine Hoheit mit einem äusserst seltnen – Schmetterling, der seiner prächtigen Sammlung noch fehlte, und dem er schon lange nachgetrachtet hatte, und Tifan der Zweite, vor Freude ausser sich, erklärte die schöne Zili auf der Stelle zur Königin seines Herzens und des Reichs.
Kolaf rechnete, wie billig, auf die Dankbarkeit der neuen Königin, welche den Talisman, dem sie ihre Erhebung schuldig war, heimlich von ihm empfangen hatte. Aber die Hofleute machten bald die schwache Seite der jungen Zili ausfündig. Ein wunderschöner junger Nair, der auf einmal durch ihre Veranstaltung am Hof erschien, bemächtigte sich der Zuneigung der Königin Zili durch seine Gestalt, und durch ein Geheimnis die Federn ausgestopfter Vögel in ihrer ganzen Schönheit zu erhalten, der Gunst des Königs, in einem so hohen Grade, dass Kolaf seinen Platz nicht länger haltbar fand, und sich mit einem grossen Gehalt und der Würde eines Hohenpriesters von ganz Scheschian, welche ausdrücklich für ihn kreiert wurde, vom hof zurück zog.
Von dieser Zeit an stellte der Adel sein verlornes Ansehen nach und nach so gut wieder her, dass die Priesterschaft, wiewohl sie sich vom hof fast ganz unabhängig gemacht hatte, es doch der Klugheit am gemässesten fand, sich an der billigen Teilung zu begnügen, welche ihr von ihren Nebenbuhlern um die Oberherrschaft angeboten wurde; ein Vertrag, der (wie leicht zu erachten) von beiden Seiten nicht so gewissenhaft gehalten wurde, dass nicht jeder teil beflissen gewesen sein sollte, den andern, so oft sich die gelegenheit dazu anbot, nach Möglichkeit zu übervorteilen und auszustechen.
Solcher Gestalt bildete sich aus diesem geheimen Einverständnis der mächtigsten Familien des Adels und der Oberpriester eine Art von Aristokratie, worin der Name des Königs und die äussern Formen der Monarchie nur deswegen beibehalten wurden, weil man sich des königlichen Ansehens bedienen konnte, das Volk desto bequemer und ungestrafter zu unterdrücken.
Die Regierung Tifans des Zweiten war eine der längsten in dieser Dynastie, und die neue Ordnung oder Unordnung der Dinge hatte nicht nur Zeit genug sich zu befestigen, sondern erhielt sich auch durch die Klugheit der Häupter beider Parteien in einem ziemlichen Gleichgewichte.
Aber unter seinen Nachfolgern wurde diese friedliche Eintracht häufig unterbrochen. Der Hof des Königs und der geheiligte Palast des Hohenpriesters waren fast immer bald in geheimer bald in öffentlicher Opposition; das Übergewicht der Macht schwankte zwischen beiden hin und her; einige Male kam es sogar zu einem Bruch, der die Ruhe des Reichs erschütterte. Indessen musste doch zuletzt wieder Friede gemacht werden, und immer war es das Volk ganz allein, das die Unkosten der Aussöhnung tragen musste.
Die schlechte Haushaltung des Hofes – die kostbaren Launen und grenzenlosen Verschwendungen der Günstlinge von beiderlei Geschlechte – die unersättliche Habsucht der Grossen, als natürliche Folge eines übermütigen Luxus, der, wiewohl von dem Blut und Mark des Volkes genährt, niemals genug an sich ziehen konnte um einen bodenlosen Schlund zu füllen – unnötige und ungerechte Kriege, wobei nur Feldherren, Kommissarien und Lieferanten sich bereicherten, während Myriaden unschuldiger Familien zu grund gerichtet und der Staat durch die Eroberungen selbst immer ärmer wurde – törichte aber kostspielige Unternehmungen, wobei man ohne Plan und Überschlag des Aufwands und der Kräfte verfuhr, und oft dreimal mit grossen Unkosten wieder einreissen musste, was man mit noch grösseren gebaut hatte – diese und hundert andere Artikel von