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"Wollte Gott", dachte Danischmend, "Ihre Hoheit liebten sie in wichtigern Dingen!" – Aber er hütete sich diesmal es laut zu denken.
"Der König also wurde, wie gesagt, von seiner Gemahlin Dulika, und die Königin Dulika, die ihrem Gemahl an Beständigkeit in ihren Zuneigungen nichts nachgab, ihre ganze Regierung durch fast eben so unbeschränkt von Kolaf, dem Oberbonzen der Stadt Scheschian, regiert."
Gebal warf einen blick auf die Sultanin Nurmahal, öffnete den Mund, biss sich in die Lippen, und sagte – nichts.
Danischmend fuhr fort, ohne zu tun als ob er es bemerkt hätte: "Tifan der Zweite gehörte weder unter die bösartigen noch unter die blödsinnigsten Fürsten seiner Zeit; im Gegenteil, er war ein strenger Freund von Zucht, Ordnung und Gerechtigkeit, hasste den Müssiggang, und liebte sein Volk: aber zum Unglück war er ein noch grösserer Liebhaber von – Schmetterlingen. Der schlaue Bonze bediente sich dieser unschuldigen Schwachheit, Seiner Hoheit beizubringen, dass es keine königlichere leidenschaft gebe als die Liebe zur Naturgeschichte; dafür gestand er aber auch sehr gern, dass die Schmetterlingsgeschichte der interessanteste Zweig dieser weitläufigen Wissenschaft sei, und dass eine vollständige Sammlung aller Schmetterlingsarten in der Welt ein beneidenswürdiger Schatz wäre, wodurch sich ein König von Scheschian über alle Völkerhirten gegen Morgen und Abend erheben würde. Die Naturgeschichte war um diese Zeit gerade das Lieblingsstudium der Gelehrten und Ungelehrten in Scheschian. Der Oberbonze Kolaf hatte also wenig Mühe, mit hülfe aller jungen Bonzen denen an seiner Gunst gelegen war, das Schmetterlingskabinett Seiner Hoheit in kurzer Zeit ansehnlich zu erweitern. Tifan der Zweite beschäftigte sich in eigener person sowohl mit allen zur Aufbehaltung seiner Sommervögel nötigen arbeiten, als mit ihrer Anordnung und zierlichen Aufstellung.
Nach und nach dehnte sich seine Liebhaberei über alle übrigen Insekten, und als er auch damit fertig war, erst über die zweifüssigen Vögel, und zuletzt (wie es mit solchen Leidenschaften zu gehen pflegt) über alle lebendige und leblose Naturprodukte, auf, über und unter der Erde, aus; und das alles machte dem guten Könige so unendlich viel zu tun, dass er täglich dem Himmel dafür dankte, die sorge für sein Reich einer so klugen Frau, wie seine Gemahlin in seinen Augen war, mit ruhigem Herzen überlassen zu können.
Kolaf bediente sich inzwischen seiner Gewalt über den Geist der Königin, sie auf das ungeheure Übergewicht des Adels und die Abnahme des königlichen Ansehens aufmerksam zu machen, und sie zu überzeugen, wie notwendig es sei, den Übermut dieser stolzen Untertanen zu dämpfen, und der Krone die verlorne Obermacht wieder zu verschaffen. Er schlug dazu zwei sehr zweckmässige Mittel vor. Das eine war, einen Krieg anzufangen, der den zahlreichen Adel vermindern und ihm gelegenheit geben würde, sich durch seine auch im feld nicht eingeschränkte Üppigkeit und Prachtliebe zu grund zu richten; das andere, den Priesterstand, dessen Ansehen beim volk seine anhänglichkeit an die Krone um so verdienstlicher mache, mehr als bisher zu begünstigen, und die ansehnlichern Civilbedienungen, die bisher grössten Teils in den Händen unwissender, schlecht erzogener und lasterhafter Menschen übel genug verwaltet worden, mit würdigen Männern aus dem gelehrten stand zu besetzen. Zum erstern fand sich gar bald eine Veranlassung; denn nichts ist leichter als Händel zu haben wenn man sie sucht: und zum letzteren wusste Kolaf ebenfalls zu rechter Zeit Rat zu schaffen.
In der Tat hatte er dem grössten Teile des scheschianischen Adels durch die Beschuldigung der Unwissenheit und schlechten Erziehung kein Unrecht getan. Schon lange waren die gesetz Tifans, die sich auf die Erziehung des Adels bezogen, ausser Übung gekommen. Diese von jenem weisen Fürsten, mehr als dem staat und ihr selbst zuträglich war, begünstigte Kaste, hatte seit der Regierung der Könige Turkan und Akbar ihre erhabene Bestimmung, den einzigen Grund ihrer Vorrechte, gänzlich aus den Augen verloren. Zu hoch über ihre Mitbürger hinauf gesetzt um nicht hoffärtig, und zu reich um nicht übermütig zu sein, überliessen sich die scheschianischen Nairen in den Jahren, worin sie zur Erfüllung ihrer künftigen grossen Pflichten gebildet werden sollten, dem üppigsten Müssiggang und allen Ausschweifungen einer unbändigen Jugend. Sie blieben unwissend, und gewöhnten sich, Gelehrsamkeit und alles was Fleiss und Anstrengung des Geistes erfordert, als Dinge die weit unter ihnen wären, anzusehen. Alle Zweige der Wissenschaften blieben also den Priestern und übrigen Gelehrten von Profession überlassen: und da die erstern vermöge der Konstitution zu Lehrern des Tifanischen Gesetzbuches bestellt waren, und durch ihre vielfachen Verhältnisse gegen das Volk die beste gelegenheit hatten, sowohl den Charakter als die jedesmalige Lage, Bedürfnisse und Gesinnungen desselben besser als andere kennen zu lernen; so konnte der Oberbonze Kolaf mit gutem Fug erwarten, dass sein Plan, die Bonzen, die das Vertrauen des Volkes besassen, nach und nach an die Plätze des allgemein verhassten Adels zu bringen, den vollen Beifall des grösseren Teils der Nation erhalten würde.
Sobald er also einen ansehnlichen teil der Nairen durch einen Krieg, den er selbst in geheim angezettelt hatte, aus Scheschian entfernt sah, wusste er es durch seine im ganzen Reiche verbreiteten Freunde und Ordensgenossen so einzuleiten, dass von allen Seiten grosse Klagen einliefen, über Untüchtigkeit, Unredlichkeit, Missbrauch der obrigkeitlichen Gewalt, Versagung der Justiz, Verdrehung der gesetz, Bestechungen, kurz über alle Arten von Verbrechen, deren die bisherigen Justiz- und Polizei-Stellen, Distriktsaufseher, Stattalter der Provinzen und andere Staatsbeamte aus der Kaste der Nairen sich schuldig gemacht hatten. Da es töricht