Staates zu ihrer Befriedigung noch unzulänglich schienen. Es konnte also nicht fehlen, dass jene gute Harmonie in der Folge von beiden Seiten durch Schwierigkeiten, Zögerungen und Verweigerungen von Zeit zu Zeit unterbrochen werden musste. Die Kunst einander auf eine feine Art wechselseitig zu hintergehen und zu übervorteilen, wurde nun das Hauptstudium der Höflinge und der Stellvertreter der Nation: aber auch diese verächtliche Art von Politik reichte nicht lange zu; und die Herren des Ausschusses, durch die gutmütige Geduld des Volkes immer kühner gemacht, fanden zu wichtige Vorteile bei einer unbegrenzten gefälligkeit gegen die Forderungen des Hofes, als dass die Betrachtung, wie wohl oder übel die ärmern Volksklassen sich dabei befänden, sie länger zurück gehalten hätte. Im Gegenteil, man suchte sich selbst über diesen Punkt durch die gewöhnlichen Trugschlüsse zu täuschen. 'Der Augenschein zeigt ja', sagte man, 'dass die Quellen sich mit den Abgaben zugleich vermehren. Ein zu grosser Wohlstand ist den untern Klassen mehr nachteilig als vorteilhaft; denn er reizt sie nur zu Müssiggang und Üppigkeit. Sie arbeiten immer nur so viel sie müssen. Grössere Abgaben ermuntern die Industrie, und dies in dem Masse, wie sie die Wohlhabenheit und selbst die Subsistenz erschweren' – und was dergleichen halb wahre Kameralweidsprüche mehr sind. In der Tat schien die noch immer zunehmende Lebhaftigkeit der Zirkulation, die hohe Vollkommenheit wozu die Fabriken und Handarbeiten getrieben wurden, und der blühende Zustand des auswärtigen Handels, die neuen Maximen eine Zeit lang zu bestätigen. Was für Tifans zeiten schicklich und sogar notwendig war, hiess es, passt nicht mehr auf die unsrige. Unvermerkt gewöhnte man sich daran, die Quelle, aus welcher man immer unbescheidener schöpfte, für unerschöpflich zu halten; und so erschwerte man die Subsistenz der Armen, in der wohltätigen Absicht ihre Emsigkeit aufzumuntern, so lange, bis endlich Mangel, übermässige Arbeit, und die Verzweiflung sich jemals zu einem bessern Zustand hinauf zu arbeiten, ihnen zuletzt das Dasein selbst unerträglich zu machen anfing; ein fürchterlicher Augenblick, der bei einer grossen Nation sich gewöhnlich damit endiget, dass sie in einem allgemeinen Aufstand ihre letzten Kräfte zusammen rafft, um sich entweder selbst zu helfen, oder sich zugleich mit ihren Unterdrückern unter den Trümmern des staates zu begraben.
Von diesem verzweifelten Zustande waren die Scheschianer zwar unter Akbars glänzender Regierung noch weit entfernt: aber, nachdem durch ihre eigene unverzeihliche Nachlässigkeit die Schranken, in welche Tifan die königlichen Prärogative eingeschlossen hatte, einmal durchbrochen waren, eilte der Staat unter seinen Nachfolgern dem Untergange mit immer schnellern Schritten entgegen. Denn nun folgte eine Reihe namenloser Könige, die das Ruder der Regierung, welches sie selbst zu führen unvermögend oder unlustig waren, bald einer Bande zusammen verschworner Minister, bald einem unersättlichen Günstlinge, bald einer ausschweifenden Buhlerin, bald einem herrschsüchtigen Priester, bald dem ersten besten der sich dessen bemächtigen wollte, überliessen. Tifans öffentliche Anstalten gerieten zusehens in Verfall, seine wichtigsten gesetz kamen nach und nach ausser Übung, und wurden zuletzt ein blosser Gegenstand akademischer Streitfragen; und was etwa von seinen Einrichtungen noch beibehalten wurde, erhielt unter den Händen der Priester unvermerkt eine so veränderte Form und Richtung, dass der reine wohltätige Geist des Stifters gänzlich dabei verloren ging, und vielmehr gerade das Gegenteil von dem heraus kam, was er dadurch hatte bewirken wollen.
Wenn die Priesterschaft von Scheschian, wie ich neulich bereits erwähnte, unter die letzten gehörte, die dem einbrechenden Schwall der Sittenverderbnis nachgaben; so darf ich nicht vergessen, zur Steuer der Wahrheit hinzu zu setzen: dass es schwer gewesen wäre den Zeitpunkt zu bestimmen, worin diese ehrwürdigen, exemplarischen Lehrer des Tifanischen Gesetzbuchs die Bemerkung machten, dass man mit dem äusserlichen Scheine der Weisheit und Heiligkeit beim Volk ungefähr eben so weit, und oft noch weiter komme als mit der Realität, und dass das erstere den Neigungen und Leidenschaften der menschlichen natur ungleich bequemer sei. Genug, die scheschianischen Bonzen machten diese Bemerkung ungefähr um eben die Zeit, oder bald nachher, da der grossmütige Akbar sich ihres guten Willens, durch die vorerwähnten ansehnlichen Vermehrungen ihres Anteils an den Gütern dieser Welt, versichert hatte; und nachdem sie einmal gemacht war, währte es nicht lange, dass mit der Sinnesart und den Tugenden der ehmaligen Priester von Tifans Schöpfung auch die letzte Stütze seiner gesetz verschwand, und diese Klasse von Staatsbürgern durch die Heuchelei und den blendenden Schein, womit sie ihre unbändige Herrschsucht und ihre übrigen Laster zu verdecken wusste, dem Reiche wieder eben so schädlich wurde, als ihre Vorfahren unter Azor und Isfandiar.
Indessen, da es damit vermöge der natur der Sache langsamer herging, und die Priester ihr Spiel mehr als andere verbergen mussten, gewann der scheschianische Adel einen starken Vorsprung. Sein Reichtum und sein Ansehen stieg unter jeder neuen Regierung; er bemächtigte sich aller Civil- und Militärämter, die ihm gelegenheit verschafften noch reicher zu werden; er besetzte alle subalterne Stellen mit seinen Kreaturen, und übte über den Hof selbst eine Art von Tyrannei aus, die endlich sogar einem der schwächsten unter allen namenlosen Königen unerträglich zu werden anfing. Dieser König, zu seiner Zeit Tifan der Zweite genannt, wurde solang er lebte von der Königin seiner Gemahlin, und die Königin seine Gemahlin" –
"Wie hiess sie?" fragte Schach-Gebal –
"Dulika, wenn Ihrer Hoheit etwas an ihrem Namen gelegen ist" –
"Warum nicht, da man mir sogar den namenlosen König ihren Gemahl genannt hat? Ich liebe Konsequenz, auch selbst in Kleinigkeiten, Herr Danischmend.