, fuhr dieser fort, "wenn ich Ihnen etwas sehr Einfältiges zu sagen scheinen werde, das aber darum nicht weniger wahr ist. Damit ein Volk sich gutwillig einer Regierung unterwerfe, welche, vermöge der natur der Sache und des Menschen, ewig nach ungebundener Willkürlichkeit strebt, muss besagtes Volk sich in einem Zustande von Dumpfheit, Einfalt und Unmündigkeit befinden, der genau so lange und keinen Augenblick länger dauern kann, als es in Unwissenheit und Vorurteile, gleich einem Wickelkinde, um und um eingewickelt bleibt: und wofern ein gewisser Grad von Kultur sich mit diesem Zustande vertragen soll; so muss die vereinigte Gewalt der gesetz, der Erziehung, der Sitten und der Gebräuche, im Notfall durch die Schrecken eines eisernen Despotismus verstärkt, zusammen wirken, jeden Fortschritt zu höhern Stufen unmöglich zu machen. Ist aber dieser Fortschritt frei gelassen, wird er durch die Verfassung sogar befördert: so ist nichts natürlicher, als dass endlich die Zeit kommen muss, wo das besagte Volk mit seinen Befugnissen und Rechten, und überhaupt mit seinem wahren Interesse so bekannt wird, dass es sich nicht länger zum leidenden Gehorsam bequemen will, geschweige dass die Blendwerke, Gaukeleien und Zauberformeln länger bei ihm anschlagen sollten, womit es sich ehmals in seiner Dumpfheit bemaulkorben und nach der Pfeife seines Führers tanzen machen liess. Es wird also" –
"Erspare dir die Mühe uns zu sagen was es tun wird, Itimadulet", fiel ihm der Sultan ins Wort – "wir kennen das! Aber meinst du nicht auch, dass sich aus dem, was du uns eben da zu sagen beliebt hast, ein vortreffliches Argument gegen deine fortschreitende Kultur ziehen liesse?"
"O gewiss ein vortreffliches", sagte Danischmend mir einer lächelnden Grimasse, die nicht ganz so ehrerbietig war als einem ersten Minister, der seinem Gebieter antwortet, geziemen will.
"Nicht dass ich etwas gegen die Kultur hätte", fuhr der Sultan ganz kaltblütig fort: "im Gegenteil! – Nur mit deiner fortschreitenden Kultur, Herr Danischmend, die so lange fortschreitet bis sich die Leute gar nicht mehr regieren lassen wollen, mit der würde ich mich schwerlich recht vertragen können. Ich liebe Ordnung und Ruhe in meinem land; das Ei soll nicht klüger sein wollen als die Henne; und wer zum Dreschflegel, zum Hammer, zur Nadel und zur Ahle geboren ist, soll sich den Kopf nicht damit zerbrechen, was er tun wollte, wenn er Oberrichter, Stattalter, Itimadulet, oder Herr des weissen Elefanten wäre. Das ist meine Meinung von der Sache; und nun weiter im Text, Freund Danischmend!"
"Die gar zu schöne, gar zu gute, gar zu vernünftige, und eben darum (wie Ihre Hoheit weislich bemerkt haben) für so alberne Tiere als die Menschen sind gar nicht passende Verfassung, welche Tifan der einzige den Scheschianern gab, würde also, wenn man sie auch ihre natürliche Zeit hätte ausleben lassen, endlich doch ein Ende genommen haben, sagte ich: aber die Massregeln, die der Pracht und Kunst liebende Akbar mit seinen getreuen Ständen nahm, liessen es dazu nicht kommen, sondern beschleunigten den fatalen Zeitpunkt um einige Jahrhunderte. Der erste und gefährlichste Schritt war nun glücklich gemacht. Der Hof hatte das Vergnügen zu sehen, dass ein so gewaltiger Bruch in die Tifanische Grundverfassung nicht nur ohne die geringste Erschütterung, sondern sogar mit fast allgemeinem Beifall, gemacht worden war: so eifrig hatten sich's die dankbaren und in aller Stille nach höhern Dingen strebenden Priester angelegen sein lassen, das Glück der Regierung Akbars, und die unendlichen Vorteile, die dem Reich aus den neuen Einrichtungen zuwachsen würden, dem gläubigen volk von ihren Lehrstühlen sowohl als bei allen andern Gelegenheiten anzupreisen. Von nun an wusste der Hof, der Adel und die Klerisei wie sie mit einander ständen; jener wusste dass er durch diese, diese dass sie durch jenen erhalten könnten was sie wollten. Das alles machte sich anfangs mit der grössten Leichtigkeit. Die höchst einfachen Formeln – 'Was wird uns für unsre gefälligkeit?' und 'was verlangen die Herren?' – machten die ganze Prozedur aus. Nichts war tröstlicher, als die Harmonie und Eintracht zu sehen, die zwischen dem Hof und dem Ausschusse der getreuesten Stände vorwaltete; nichts bewundernswürdiger, als der leichte und rasche gang aller Unternehmungen des erstern, die ohne die geringste Friktion von Statten gingen und in der möglichst kürzesten Zeit in grösster Vollkommenheit zu stand kamen; nichts auffallender, als der Glanz, die blühende Gestalt, das Ansehen von Wohlhabenheit, Überfluss und Reichtum, welche Akbars Regierung über das ganze Reich verbreitete. Unglücklicher Weise konnte nur alle diese Herrlichkeit von keiner langen Dauer sein. Denn wie hätten nicht beide Teile bald genug ausfündig machen sollen, dass ihr besonderes Interesse bei diesem Handel, den sie auf Unkosten des allgemeinen Besten mit einander geschlossen hatten, nicht so ganz eben dasselbe sei? Augenscheinlich erforderte es der Vorteil des Hofes, die Gefälligkeiten, die er verlangte, recht wohlfeil zu haben; umgekehrt hingegen verhielt es sich mit dem Interesse der Stände und ihrer Stellvertreter; denn dieses war natürlicher Weise, ihre Ware so teuer zu verkaufen als möglich. In der Tat war der Appetit der letzteren so stark, dass das Doppelte von allen Einkünften des Königs kaum zugereicht hätte, ihre bescheidenen Wünsche zu befriedigen. Dagegen hatte auf der andern Seite der Hof, dessen Kasse dem Fasse der Danaiden glich, immer so viele und dringende Bedürfnisse, dass die Reichtümer des ganzen