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meine schön Sultanin", sagte Schach-Gebal, "dass es nicht mehr bedarf, als was Sie uns eben zu melden beliebten, um Ihren Ogul auf die unwiderbringlichste Weise mit mir zu veruneinigen? Beim Barte des Propheten! der König, von welchem seine Bonzen in die Wette Gutes reden, mussich mag nicht sagen was er sein muss. Gehen Sie, gehen Sie, Nurmahal, nichts mehr von Ihrem Ogul! Er muss eine schwache, einfältige, leichtgläubige, hasenherzige Seele gewesen sein; das ist so klar wie der Tag. Seine Bonzen haben ihn gelobt! Welche Demonstration im Euklides beweist schärfer?"

"Wenn es der Philosophie jemals erlaubt sein könnte", sagte Danischmend mit affektiertem Stottern, "dem König der Könige, meinem Herrn" –

"Nun, Doktor", unterbrach ihn der Sultan, "lass hören, was du uns im Namen deiner gebietenden Dame zu sagen hast. Ich bin auf eine Impertinenz gefasst. Nur heraus, aber nicht gestottert, Herr Danischmend, oder ich klingle" –

Der beste Sultan bleibt doch immer Sultan, wie man sieht. Diese Drohung, mit einer gewissen Miene begleitet, welche wenigstens besorgen liess, dass er fähig sein könnte Ernst daraus zu machen, war nicht sehr geschickt, dem armen Danischmend Mut zu geben. Allein zu seinem Glücke kannte er den Sultan, seinen Herrn. Ohne sich also schrecken zu lassen, sagte er: "Die Philosophie, Sire, ist eine Unverschämte, wie Ihre Hoheit zu sagen geruhet haben; denn sie bedenkt sich keinen Augenblick, den Königen selbst unrecht zu geben, wenn die Könige unrecht haben. Aber in gegenwärtigem Fall ist meine demütige Meinung, Ihre Hoheit und die Philosophie könnten wohl beide recht haben. Das Lob der Bonzen, welches in Ihren Augen der grösste Tadel ist den sich Ogul zuziehen konnte, war es unstreitig, wenn es von Herzen ging.10 Aber dies ist gerade die Frage; oder vielmehr, es ist keine Frage: denn wie konnte es von Herzen gehen, da sie alles Gute, was sie von ihm sagten, mit einem einzigen Aber wieder zurück nahmen? Was halfen dem guten König Ogul alle seine Tugenden? Ging er nicht aus der Welt, ohne dem grossen Affen geopfert zu haben? Ihre Hoheit kennen diese Herren zu gut, um den ganzen Nachdruck eines solchen Vorwurfs nicht zu übersehen."

"Du gestehst also doch ein", erwiderte der Sultan, "dass sie ihn bis zum Himmel erhoben haben würden, wenn er sich hätte entschliessen können, dem grossen Affen zu opfern?"

"Mit Ihrer Hoheit Erlaubnis", sagte Danischmend, "das gesteh ich nicht ein. In diesem Falle würden sie leicht einen andern Vorwand gefunden haben, ihr heuchlerisches Lob zu entkräften. Ihre Hoheit wissen, dass es nur ein einziges Mittel gibt, den aufrichtigen Beifall der Bonzen zu erlangen, und Ogul (mit aller Ehrerbietung, die ich ihm schuldig bin, sei es gesagt) scheint mir derjenige nicht zu sein, den jemals der Ehrgeiz geplagt hätte, eine so teure Ware zu kaufen."

"Wie, wenn ich meinen Iman kommen liesse, die Frage zu entscheiden?" sagte der Sultan.

"Sein Ausspruch lässt sich erraten, ohne dass man darum mehr von der Kabbala zu verstehen nötig hat als andre", versetzte Danischmend. "Er würde wider die Bonzen sprechen. Wie sollten Bonzen bei einem Iman recht haben können?"

"Ich denke, Danischmend hat sich ganz erträglich aus der Sache gezogen", sagte Schach-Gebal.

"Ihre Hoheit beweisen durch Ihre Abneigung vor den Bonzen, dass Sie ein guter Musulmann sind", sprach die schöne Nurmahal. "Aber der geschichte getreu zu bleiben, muss ich sagen, dass die Bonzen, wenn sie Gutes von Ogul-Kan sprachen, hinlängliche Ursache dazu hatten. Es ist wahr, dieser Prinz betrog eine vielleicht ausschweifende Hoffnung, die sie auf etwas gegründet hatten, was vernünftiger Weise keine Grundlage zu einer solchen Hoffnung sein konnte, 'weil es bloss die Frucht weiser Grundsätze der Regierung war'. Aber die achtung, die er, diesen grundsätzen zu Folge, ihrem Orden bewies; der Schutz, den sie von ihm genossen; und die behutsame Art, womit er in allen Sachen zu verfahren pflegte, die den unvernünftigen, aber nun einmal eingeführten Dienst des grossen Affen betrafen; – berechtigten ihn allerdings, wo nicht zur Erkenntlichkeit, doch wenigstens zu einigem Grade von Billigkeit auf Seite der Bonzen. Und gesetzt auch, man wollte ihnen diese Tugend nicht gern ohne Beweis zugestehen; so ist doch zu vermuten, dass sie Klugheit genug hatten, aus Furcht zu tun, was gewöhnliche Menschen aus einem edlern Beweggrunde getan hätten."

Unter dieser Rede der schönen Nurmahal entfuhr dem Sultan ein Ton, der ein Mittelding zwischen Seufzen und Gähnen war. Der Mirza gab der Dame das abgeredete Zeichen, und sie war im Begriff abzubrechen, als Schach-Gebal, der gerade bei guter Laune war, durch einen Wink zu erkennen gab, dass er ihrer Erzählung noch nicht überdrüssig sei.

"Ogul-Kan", fuhr sie fort, "hatte etliche Nachfolger, welche über die Schaubühne gingen und wieder verschwanden, ohne irgend etwas so Gutes oder so Böses getan zu haben, dass es der Aufmerksamkeit der Nachwelt zu verdienen schien. Man nannte sie deswegen in den Jahrbüchern von Scheschian die namenlosen Könige; denn die Nation bekam so wenig