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Menschen kann lange das bleiben was sie sein sollte? Die Priester von Scheschian waren nicht die einzigen im staat, welche nach und nach ausarteten; und nimmermehr würden sie ihm so verderblich geworden sein, wenn die übrigen Klassen ihrem Charakter und ihren Pflichten treu geblieben wären. Indessen ist zur Ehre des Priesterstandes und der Gesetzgebung Tifans genug, dass sie mehr als hundert Jahre nach seinem tod noch immer die besten unter allen Scheschianern, und überhaupt (wenn man das Landvolk ausnimmt) die letzten waren, die dem Hange zur Verderbnis nachgaben, der sich unter den Nachfolgern Tifans allmählich des Hofes, der Hauptstadt, und endlich der ganzen Nation bemächtigte.

Die Verbesserung, welche Tifan in der Religion seines Reiches so glücklich zu stand brachte, war ohne Zweifel der wichtigste Dienst, den er seinen Untertanen leisten konnte. Er stellte dadurch eine friedsame Eintracht zwischen Religion und Staat, zwischen den Pflichten der ersten und dem Interesse des andern, zwischen Glauben, Vernunft und Sitten her; eine Eintracht, welche die Quelle von unendlich vielem Guten, und dadurch allein schon ein unschätzbares Gut war, weil sie alles das Böse verschwinden machte, was der Mangel einer solchen Harmonie in den meisten Staaten zu verursachen pflegt. Man muss auch gestehen, dass die Klugheit, womit er in dieser Sache zu Werke ging, die Aufmerksamkeit aller Fürsten verdient, welche sich in einem ähnlichen Falle befinden könnten. Indessen würde er dennoch seinen Zweck entweder gar nicht oder nur sehr unvollkommen erreicht haben, wenn er nicht, durch eine der merkwürdigsten Verordnungen seines Gesetzbuches, alle darin nicht gebilligte Klassen und Gemeinheiten, unter welchen die Ya-faou die ersten waren, gänzlich aufgehoben hätte.

So viel sich aus einigen Umständen abnehmen lässt, müsste eine ausführliche Erzählung, wie er dieses bewerkstelligte, etwas sehr Unterhaltendes sein; aber unglücklicher Weise findet sich hier in den Handschriften eine Lücke" – –

"Schon wieder eine Lücke!" rief Schach-Gebal ungeduldig, "und immer eine Lücke, wo mir am meisten daran gelegen ist, die Sachen recht zu wissen! Ich erkläre hiermit, dass ich dieser Lücken äusserst überdrüssig bin, undmit Einem Worte, Freund Danischmend, ich will nichts dabei verlieren, verstehst du mich? Wenn eine Lücke in deinen Handschriften ist, so magst du sie ergänzen wie du kannst; kurzich will binnen drei Tagen den ganzen Entwurf, wie Tifan in dieser Sache zu Werke gegangen, auf meinem Tische liegen haben, oderich wasche meine hände über die Folgen die daraus entstehen mögen!"

Der Itimadulet versprach, indem er seine Hand auf seinen Kopf legte, dem Willen seines gebietenden Herrn Genüge zu tun; und er entwarf zu diesem Ende einen weitläufigen Plan, worüber der Sultan, da er ihn durchblätterte und die Anzahl der Blätter zählte, ein grosses Behagen äusserte. Gleichwohl ist zweifelhaft, ob Seine Hoheit diesen Plan jemals zu lesen Zeit gewinnen konnte. So viel ist gewiss, dass der Derwisch Zikzak, der dem weisen Danischmend in der Würde eines Itimadulet folgte, diesen nämlichen Plan unter den Papieren, welche der Sultan von Zeit zu Zeit von seinem Tische wegräumen liess, unversehrt und in vergoldetes Leder eingebunden liegen fand, und dass von diesem Augenblick an weiter nichts davon gehört worden ist.

15.

In einigen der folgenden Nächte unterhielt Danischmend den Sultan seinen Herrn mit einer ziemlich umständlichen Erzählung, wie Tifan die öffentliche Erziehung eingerichtet habe. Dieser Gegenstand, der wichtigste in den Augen des scheschianischen Lykurgus, machte einen beträchtlichen teil seines Gesetzbuches aus. In den Tagen, worin die gegenwärtige geschichte ans Licht tritt, ist über diese Sache so viel geschrieben worden, dass es unmöglich scheint etwas Neues davon zu sagen; und beinahe sollte man Bedenken tragen, irgend etwas davon zu sagen, da nicht ohne Grund zu besorgen ist, das mit Schriften von der Erziehungskunst überfüllte Publikum möchte sich zuletzt des Ekels, der eine natürliche Folge der Überladung ist, nicht länger erwehren können, und gar nichts mehr davon hören wollen; welches denn ein sehr einfaches Mittel wäre, die Früchte aller der grossen Bemühungen, die bisher auf die Verbesserung dieses wichtigen Teils der Staatsökonomie verwendet worden, in der Blüte zu ersticken. Aus dieser Betrachtung sowohl, als weil wirklich alles Gute, was sich von dieser Materie überhaupt sagen lässt, unsern Lesern schon aus andern Quellen bekannt sein muss, glauben wir sie uns verbindlich zu machen, wenn wir die weitläufigen Nachrichten des schwatzhaften Danischmend so kurz als nur immer möglich sein wird zusammen ziehen.

"'Ein Staat', sagt Tifan im Eingange des Kapitels von der Erziehung, 'könnte mit den besten Gesetzen, mit der besten Religion, bei dem blühendsten Zustande der Wissenschaften und der Künste, dennoch sehr übel bestellt sein, wenn der Gesetzgeber die Unweisheit begangen hätte, einen einzigen Punkt zu übersehen, auf welchen in jedem gemeinen Wesen alles ankommt, – die Erziehung der Jugend. Die vortrefflichste Einrichtung des Justizwesens macht einen Sachwalter nicht gewissenhaft, einen Richter nicht unbestechlich; die beste Religion kann nicht verhindern, von unwürdigen Dienern zum Deckmantel der hässlichsten Laster gemacht, und zur Beförderung der schädlichsten Absichten gemissbraucht zu werden; die herrlichsten Polizeigesetze können wenig wirkung tun, wenn Vaterlandsliebe, Liebe zur Ordnung, Mässigung, Redlichkeit und Aufrichtigkeit, den Bürgern fremde Tugenden sind; und die weiseste Staatsverfassung kann dem Monarchen nicht verwehren, durch einen unruhigen Geist, oder durch Trägheit und Schwäche der Seele, oder irgend eine ausschweifende leidenschaft, seine Völker unglücklich zu machen. Alles hängt