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die Beweggründe zu ihrer getreuen Erfüllung dem volk mit der rührendsten Beredsamkeit einzuschärfen. Kurz, nach seiner Vorschrift sollte das Gesetzbuch bloss der Text zum moralischen Unterrichte der Bürger sein. Aber, da es schwer, wo nicht ganz untulich war, die Priester in eine physische Unmöglichkeit zu setzen, aus den ihnen vorgeschriebenen Grenzen heraus zu treten: so begab sich's (wiewohl sehr lange nach Tifans zeiten), dass die Priester Mittel fanden, aus Lehrern des Gesetzes unvermerkt Ausleger, aus Auslegern Richter, und aus Richtern, zu grossem Nachteile der Scheschianer, zuletzt selbst Gesetzgeber zu werden; – wie ich, wofern Ihre Hoheit an der Fortsetzung dieser geschichte Gefallen tragen sollten, zu seiner Zeit umständlich zu erzählen die Ehre haben werde.

Indessen scheint Tifan alles dies, wenigstens einiger massen, vorausgesehen, und daher die notwendigkeit empfunden zu haben, alle Glieder eines Ordens, der einen so wichigen Einfluss in den Staat hatte, so viel nur immer möglich, zu rechtschaffenen Bürgern zu bilden. Er wendete deswegen, nachdem er die Erblichkeit des Priesterstandes auf ewig aufgehoben hatte, eine ganz besondere Vorsorge auf die Erziehung der künftigen Priester; und seinen unverbesserlichen Anstalten ist es ohne Zweifel zuzuschreiben, dass er selbst noch in seinem Alter das Vergnügen hatte, eine Zucht von Priestern aus seiner Schule hervor gehen zu sehen, dergleichen die Welt vor ihm und nach ihm nur selten gesehen hat. Würdige Diener einer wohltätigen Gotteit, schienen sie keinen andern Wunsch zu kennen als Gutes zu tun. Die Wichtigkeit ihres Amtes erhob und veredelte ihren sittlichen Charakter, ohne sie aufzublähen; und das Beispiel ihres Lebens machte beinahe allen andern Unterricht überflüssig. Ihre Weisheit war bescheiden, sanft, herablassend; ihre Tugend unerkünstelt, ungefärbt und ohne hinterlistige Absichten, die Frucht der glücklichen Harmonie ihres Herzens mit ihrer Überzeugung; sie leuchtete andern vor ohne Begierde gesehen zu werden, und hatte der Folie eines gleisnerischen Ernstes nicht vonnöten. Menschenliebe und patriotischer Geist waren die allgemeine Seele ihres ganzen Ordens. Jedes gemeinnützige Unternehmen fand in ihnen seine eifrigsten Beförderer. Die sich selbst immer gleiche Heiterkeit ihres Geistes, die grossen und edlen Gesinnungen wovon sie belebt waren, die Gewohnheit sich in einem von allen Sorgen des Lebens befreiten Zustande bloss mit Betrachtung der Wahrheit und Ausübung der Tugend zu beschäftigen, die Leichtigkeit, womit sie jede Pflicht ausübten, und der sittliche Reiz, der sich dadurch über ihr ganzes Leben ausbreitete, vereinigten sich, sie zu würdigen Lehrern der Nation, zu wahren Weisen, zu Vorbildern einer unverfälschten Tugend, zu Schutzgöttern der guten Sitten, und zu Gegenständen der allgemeinen Verehrung zu machen." "Itimadulet", sagte Schach-Gebal, "schaffe mir solche Priester, und dann soll man sehen ob ich ein Feind ihres Ordens bin, wie boshafte Leute vorgeben! Du hast das Rezept, wie man sie machen kann; warum sollte in Indostan nicht möglich sein was in Scheschian möglich war?"

"Sire", versetzte Danischmend, "was ich im Begriffe bin zu sagen, wird Ihrer Hoheit einer von den paradoxesten Sätzen scheinen, die vielleicht jemals von einem Philosophen behauptet worden sind; aber nichts desto weniger hat es seine völlige Richtigkeit damit. Sollten Ihre Hoheit wohl glauben, dass eben dieser vortreffliche Charakter der scheschianischen Priesterschaft in der Folge eine der wirksamsten Ursachen des Untergangs der Gesetzgebung Tifans wurde, und durch eine lange Reihe von Mittelursachen zuletzt den Untergang des ganzen Reichs beförderte?"

"Und wie kann dies zugegangen sein, Herr Danischmend?"

"Auf die natürlichste Weise von der Welt. Priester, die so weise, so rechtschaffen, so liebenswürdig waren, als diejenigen, welche Tifans Veranstaltungen hervorbrachten, mussten durch eine unfehlbare notwendigkeit nach und nach zu einer Stufe von Ansehen gelangen, welche sie unvermerkt zu Meistern aller Herzen machte. Man beeiferte sich um ihre Freundschaft, man suchte ihren Umgang, man erbat sich ihren Rat, man unternahm endlich weder Grosses noch Kleines ohne einen Priester beizuziehen. Sie wurden die Schiedsrichter aller Zwistigkeiten, die Ratgeber der Grossen, und einige von ihnen stiegen durch den Ruf ihrer Tugend und ihrer Talente sogar zu den höchsten Würden des Reiches. Ich denke dies ist genug gesagt, das Rätsel auflöslich zu machen. Man weiss nun wie es weiter ging. – Die Priester von Scheschian waren Menschenwas wollen wir mehr?"

"Verzweifelt!" rief Schach-Gebal, indem er eine gewisse Miene von komischem Unwillen annahm, welche Seiner Hoheit nicht übel zu lassen pflegte: "man ist doch wirklich übel mit diesen Herren dran! Sind sie schlimm, sosind sie es insgemein in einem so hohen Grade, dass man nicht weiss, wie man ihnen genug wehren soll; sind sie gut, so werden sie dem staat durch ihre Tugenden gefährlich! In der Tat, ich wollte zu Gottaber was hilft wünschen? Unentbehrlich sind sie nun einmal! – Denn, unter uns, Danischmend, ich habe mir schon mehr als Eine Nacht in meinem Leben mit Nachdenken verdorben, wie es anzufangen wäre, damit man sich für ihre ferneren Dienste ein- für allemal bedanken könnte: aber ich bin überzeugt dass nicht weiter daran zu denken ist; man kann ihrer eben so wenig entübriget sein, als" – hier hielt der Sultan ein, und setzte nach einer langen Pausenichts weiter hinzu.

"Ihre Hoheit wollen sagen, als aller andern Stände, von den Sultanen und ihren Visiren an bis zu den Wasserträgern und Holzhackern. Aber welche Klasse von