dem blossen Gedanken. Machen Sie mich zu allem andern, zum Aufseher über Ihr Schmetterlingskabinett, oder zum Vorsteher Ihrer Akademie, oder zum Vorsteher – Ihrer Trutühner, wofern ich ja ein Vorsteher sein soll; zu allem in der Welt, nur nicht zum Itimadulet! Ich sehe den ganzen Umfang eines solchen Amtes zu sehr ein" – –
"Närrischer Mensch", rief der Sultan, "eben darum sollst du es haben! Du hast meinen Willen gehört; morgen stell ich dich im Divan vor, und kein Wort weiter!"
14.
Die Welt wird durch so wenig Weisheit als nur immer möglich ist, oder, um uns gelehrt auszudrücken, durch ein Minimum von Weisheit regiert. – Dies ist ein Satz, der von Nimrod und seinem Itimadulet an bis auf diesen Tag, durch eine ununterbrochene Überlieferung von einem Sultan und Itimadulet auf den andern fortgepflanzt worden sein soll, und der (wofern er so richtig ist als diejenigen, die es am besten wissen können, behaupten) vermöge des berühmten Grundsatzes der möglichsten Ersparung, in der Tat beweisen würde, dass die Welt unverbesserlich regiert werde. In der Tat gehen die Kenner so weit, uns zu versichern: Wenn es auch zuweilen begegne, dass ein Epiktet unter dem Namen Antoninus ein Imperator, oder unter dem Namen Tomas Morus ein Grosskanzler werde; so lehre die Erfahrung, dass, trotz aller Weisheit dieser vortrefflichen Männer, die Sachen in der Welt gleichwohl nicht merklich besser gingen als unter den gewöhnlichen Imperatoren und Grosskanzlern; zum offenbaren Beweise, dass eine gewisse Fatalität, welche aller menschlichen Weisheit zu stark ist, die Umstände und mitwirkenden Ursachen so fein zu verbinden wisse, dass die Weisheit der besagten Epiktete immer, oder doch meistens – wie eine Kugel, die durch den unterwegs erlittenen Widerstand entkräftet worden – wenige Schritte vor dem Ziele matt und kraftlos zu Boden sinke, und also am Ende dennoch das oben bemeldete Minimum heraus komme, welches nach den Gesetzen und dem ordentlichen Laufe der natur hinlänglich ist, die Welt im Gange zu erhalten.
Dieses vorausgesetzt wird man es wenigstens nicht ganz unbegreiflich finden, dass der neue Itimadulet Danischmend – ungeachtet er, die Wahrheit zu sagen, von allen zu diesem hohen amt erforderlichen Eigenschaften, die Guterzigkeit und Aufrichtigkeit ausgenommen, wenig oder nichts besass, und (wie unsre scharfsichtigen Leser bemerkt haben werden) von der Regierungskunst nicht viel mehr verstand als ein Blinder von Farben – mit hülfe seines guten Genius und des Zufalls gleichwohl seine Rolle ganz erträglich spielte, und sie vielleicht mit der Zeit wohl gar vortrefflich zu spielen gelernt haben würde, wenn die Derwischen und Bonzen (die sich's nicht aus dem kopf bringen liessen, dass er böse Absichten wider sie im Schilde führe) nicht Mittel gefunden hätten, ihn dem Sultan seinem Herrn verdächtig zu machen. In der Tat geschah dem ehrlichen Danischmend Unrecht: denn niemand konnte von irgend einer übeltätigen Absicht gegen sie entfernter sein als er; er, der den blossen Schatten des Unrechts tödlich verabscheuete, und nicht fähig gewesen wäre, den geringsten unter allen Fakirn ohne Regungen der Menschlichkeit leiden zu sehen. Aber bei diesen Herren war es eine ausgemachte Sache, dass ein Mann, der sie gern zu bessern Leuten machen wollte, als sie zu sein Lust hatten, ihr geschworner Feind sei:44 und da sie unter Schach-Gcbals Regierung einen desto grösseren Einfluss hatten, je abgeneigter ihnen der Sultan war; so war es noch immer viel Glück für den guten Danischmend, dass er mit dem Verlust seiner Ehrenstelle und einer kleinen Entschädigung davon kam, die ihn in den Stand setzte, in seinen alten Tagen, fern vom hof und vom Geräusche des geschäftigen Lebens, seinen Betrachtungen über eine Welt, die ihn vergessen hatte, nachzuhängen, und oft bei sich selbst, so herzlich als Demokritus, zu lachen, wenn er sich an alles, was er gesehen hatte, erinnerte; besonders wenn ihm wieder einfiel, dass er Hofphilosoph bei SchachGebal, Aufseher über die Bonzen und über das königliche Teater, Biograph der Könige von Scheschian, und, was das Lustigste unter allen war, etliche Monate lang sogar Itimadulet von Indostan gewesen war.
Wir hoffen, Freund Danischmend werde sich durch seine Betrachtungen, durch die Episode von dem Emir und den Kindern der natur, und durch den guten Willen, der aus seiner Erzählung von den Königen in Scheschian allentalben hervorsticht, dem geneigten Leser schon so wohl empfohlen haben, dass diese kleine Abschweifung, wozu er uns veranlasst hat, keiner Abbitte vonnöten haben werde. Und so lenken wir ohne weiteres wieder in den Weg unsrer geschichte ein.
Die Beförderung des weisen Danischmend zum ersten Minister machte keine Veränderung in seinem amt, den Schlaf des Sultans seines Herrn durch Erzählung der Denkwürdigkeiten von Scheschian zu befördern. Die geschichte der von Tifan ausgeführten Staatsverbesserung wurde also bei der ersten gelegenheit wieder vorgenommen; und da Schach-Gebal nochmals sein Verlangen äusserte, zu hören wie es den blauen und feuerfarbnen Bonzen dabei ergangen sei, so befriedigte Danischmend seinen Willen durch folgenden Bericht.
"Die Grundsätze und die gereinigten Empfindungen, welche der weise Dschengis seinem Pflegesohn über den erhabensten Gegenstand, der die menschliche Seele beschäftigen kann, über die Religion, beigebracht hatte, lassen nicht weniger erwarten, als dass Tifan, sobald er den öffentlichen Ruhestand im Reiche hergestellt und die dringendsten Angelegenheiten desselben besorgt hatte, sich mit allem Eifer einer aufgeklärten Frömmigkeit dazu verwendet haben werde, den Völkern von Scheschian, statt des elenden Aberglaubens worin sie seit so