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von denen ihm sein Instinkt sagt, dass sie mehr wert sind als er. Überdies weiss ich, dass er sich von einem schelmischen kleinen Fakir regieren lässt, der ihm weisgemacht hat, er besitze ein Geheimnis, ihn sicher über die brücke, die nicht breiter ist als die Schärfe eines Schermessers, hinüber zu bringen. Aber wenn er noch zehnmal schlimmer wäre als er ist, so müsst ich ihm um der Gabe willen hold sein, die er hat, auf jede Frage, so unerwartet und unbequem sie ihm sein mag, eine Antwort aus dem Ärmel zu schütteln, die er euch mit einer so unverschämten Ernstaftigkeit für gut gibt, dass man, gern oder nicht, damit zufrieden sein muss. – Aber wir vergessen, dem König Dagobert und meinem Kanzler zu Gefallen, den armen König von Scheschian, und das ist nicht billig. Der gute Mann dauert mich; wiewohl es in der Tat seine eigene Schuld ist, wenn ihm seine Leute wie die Frösche dem König Klotz mitspielen. Wie konnte es ihm einfallen, auf solche Bedingungen König zu sein?"

"Ihre Hoheit", sagte Nurmahal, "werden ihm diesen Einfall vielleicht zugute halten, wenn Sie bedenken, dass die Nation einen König haben wollte, und dass es, alles überlegt, doch immer besser ist, dieser König selbst zu sein, als es einem andern zu überlassen. Er konnte doch immer mit einiger Wahrscheinlichkeit hoffen, dass es ihm an gelegenheit nicht fehlen würde, sein Ansehen, so eingeschränkt es anfangs war, zu befestigen und zu erweitern. Zudem war er ein Mann von mehr als gemeiner Fähigkeit, sein eigenes Fürstentum war eines der beträchtlichsten, und an der Spitze der Partei, die ihn auf den Tron erhob, konnte er sich schmeicheln alles zu vermögen."

"Und dennoch schmeichelte er sich zu viel?"

"Wie hätt es anders gehen können?" versetzte die Sultanin. "Seine Anhänger erwarteten mehr Belohnungen als er geben konnte. Ihre Foderungen hatten keine Grenzen. Er hielt sich für berechtigt, Dienste und Unterwürfigkeit von denjenigen zu erwarten, die ihn zum Könige gemacht hatten; und eben darum, weil sie ihn zum Könige gemacht hatten, glaubten sie dass er ihnen alles schuldig sei. Eine solche Verschiedenheit der Meinungen musste Folgen haben, die den König und das Volk gleich unglücklich machten. Da er die einmal übernommene Rolle gut spielen wollte, so musst er notwendig mit seinen Rajas zerfallen, die ihn lieber eine jede andre spielen gesehen hätten als die Rolle eines Königs. Seine ganze Regierung war unruhig, schwankend und voller Verwirrung. Aber unter seinen Nachfolgern ging es noch schlimmer. Jeder neue Vorteil, den die Rajas über ihre Könige erhielten, erhöhete ihren Übermut, und vermehrte ihre Forderungen. Unter dem Vorwand, ihre Freiheit (ein Ding, wovon sie niemals einen bestimmten Begriff gehabt zu haben scheinen) und die Rechte der Nation (welche niemals ins Klare gesetzt worden waren) gegen willkürliche Anmassungen sicher zu stellen, wurde das königliche Ansehen nach und nach so eingeschränkt, dass es, wie die Fabel von einer gewissen Nymphe sagt, allgemach zu einem blossen Schatten abzehrte" –

Hier gähnte der Sultan zum ersten Male

– "bis endlich selbst von diesem Schatten nichts als eine leere stimme übrig blieb, welche gerade noch so viel Kraft hatte, nachzuhallen was ihr zugerufen wurde.

Scheschian befand sich, solange diese Periode dauerte, in einem höchst elenden Zustande. Von mehr als dreihundert kleinern und grösseren Bezirken, deren jeder seinen eigenen Herrn hatte, sah der grösste teil einem land gleich, das kürzlich von Hunger, Krieg, Pest und Wassersnot verwüstet worden war. Die natur hatte da nichts von der lachenden Gestalt, nichts von der reizenden Mannigfaltigkeit und dem einladenden Ansehen von Überfluss und Glückseligkeit, womit sie die Sinnen und das Herz in jedem Land einnimmt, welches von einem weisen Fürsten väterlich regiert wird."

Hier klärte sich die Miene des Sultans einmal wieder auf. Er dachte an seine Lustschlösser, an seine Zaubergärten, an die schönen Gegenden, die er darin auf allen Seiten vor sich liegen hatte, an die mosaisch eingelegten, und mit doppelten Reihen von Zitronenbäumen besetzten Wege, die ihn dahin führten, und genoss etliche Augenblicke lang die Wollust der vollkommensten Zufriedenheit mit sich selbst.

Das war es nicht, was die beiden Omras wollten, dass er dabei denken sollte! – "Weiter, Nurmahal", sprach der vergnügte Sultan.

"Allentalben wurden die Augen eines Reisenden, der nicht ohne alles Gefühl für den Zustand seiner Nebengeschöpfe war, durch traurige Bilder des Mangels und der unbarmherzigsten Unterdrückung beleidigt.

Die kleinen Tyrannen, denen der König von Scheschian neunzehn von zwanzig Teilen seiner Untertanen Preis zu geben genötigt war, hatten in Absicht der Verwaltung ihrer Ländereien eine denkart, die derjenigen von gewissen Wilden glich, von denen man sagt, dass sie, um der Frucht eines Baumes habhaft zu werden, kein bequemeres Mittel kennen, als den Baum umzufällen. Ihr erster Grundsatz schien zu sein, den gegenwärtigen Augenblick zum Vorteil ihrer ausschweifenden Lüste auszunützen, ohne sich darum zu bekümmern, was die natürlichen Folgen davon sein möchten. Diese Herren fanden nicht das geringste weder in ihrem kopf noch in ihrem Herzen, das der armen Menschheit bei ihnen das Wort geredet hätte. In ihren Augen hatte das Volk keine Rechte, und der Fürst keine Pflichten. Sie behandelten es als einen Haufen belebter Maschinen, welche, so wie die übrigen Tiere, von der