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um sie geschwebt wäre, hättest du sie zahm machen können und noch eine bessere Beute an ihr gemacht, als alles dein Gold in den Galanteriebuden zu Paris nicht erkaufen kann. Denn sie ist eine der schönsten Blumen von allen, die an dem feurigen Busen deines Freundes verwelkt sind. Sobald ich Nachricht von ihrer zweitägigen Abreise hatte, ging ich mit meiner Lady und ihrem Vater nach Summerhall, wo die Matrone im Bette lag und um ihre Pflegetochter wehklagte. Alle Leute im haus und im Orte, die Familie des Pfarrers, besonders Lord Rich, ein alter Knabe, der den Philosophen spielt, bejammerten den Verlust von Madam Leidens. Lady Summers flehte mich um hülfe an; ich gab mir auch das Ansehen aller Bewegungen, sie suchen zu helfen, und erfuhr bei dieser gelegenheit, wie sie nach England gekommen war. Jedermann rühmte ihre Reize, ihre Talente und ihr gutes Herz; die Narren machten mich toll und müde damit; besonders Rich, der Weise, der mich zum Vertrauten seiner leidenschaft machte und so weise ist, sich einzubilden, dass sie sich vor ihm geflüchtet habe, weil er sie so weit gebracht hätte, ihm die Erzählung ihrer geschichte zu versprechen, die gewiss besonders sein müsse, indem das junge Frauenzimmer alle Merkmale der edelsten Erziehung, der vollkommensten Tugend und der feinsten weiblichen Zärtlichkeit in ihrem Betragen hätte. Er vermutete, ein Bösewicht habe ihre Guterzigkeit betrogen und dadurch den Grund des Kummers gelegt, mit welchem er sie immer kämpfen sehen. War es nicht eine verdammte Sache, alles dieses anzuhören und fremde zu scheinen? Er wies mir ihr Bildnis, wohl getroffen, vor einem Tische, wo ein Gestelle mit Schmetterlingen war, von denen sie, ich weiss nicht welchen, Gebrauch zu einem fest machen wollte, so mir zu Ehren angestellt werden sollte und wovon sie die Erfinderin war. Der Einfall war nicht gut gewählt; sie verstund sich wenig auf die Schmetterlingsjagd, sonst hätte sie meine Fittiche nicht freigelassen. Aber ihr Bild machte mehr Eindruck auf mich als alle Züge von ihrem Charakter. Es ist, bei meinem Leben! schade um sie; und ich möchte wissen, was sie bei der Vorsicht, die sie doch so stark verehrt, verschuldet haben mag, dass sie in der schönsten Blüte ihres Lebens aus ihrem vaterland gerissen, zugrunde gerichtet und in den elendsten Winkel der Erde geworfen werden musste. Und was wollte das Verhängnis mit mir, dass ich der Henkerbube sein musste, der diese Verurteilung vollzog? O ich schwör' es, wenn ich jemals eine Tochter erziehe, so soll sie alle Stricke kennenlernen, womit die Bosheit unsers Geschlechts die Unschuld des ihrigen umringt! – Aber was hilft dies die arme Sternheim? – – Komm zurück, wir wollen im Frühjahre sie einmal besuchen; diesen Winter muss sie ausharren, ob sie mich schon jammert.

Einschaltung der Abschreiberin

Hier, meine Freundin, müssen Sie noch etwas von meiner Feder lesen, um eine Lücke auszufüllen, welche sich in den Papieren, wovon ich Ihnen die Auszüge mitteile, Endet. Meine liebe Dame wurde nach dem Anschlage des gottlosen Lords in den Garten zu den Töchtern des Pfarrers gerufen, just, da sie eben ihren letzten Brief an meine Emilia endigte; sie steckte die ganze Rolle des Papiers zu sich, um zu verhindern, dass man nichts zum Nachteil des Lords finden möchte, ging gegen den Park zu, und da sie sich zwanzig Schritte weit an der Seite des Gartens gegen das Dorf umgesehen hatte und niemand erblickte, ging sie zurück. Aber plötzlich zeigte sich im Park eine Weibsperson, die ihr winkte; sie eilte gegen ihr; diese person eilte gleichfalls auf sie zu und fasste sie an der Hand. Im nämlichen Augenblicke kamen noch zwo vermummte Personen, warfen ihr eine dichte runde Kappe über den Kopf und schleppten sie mit Gewalt fort. Ihr heftiges Sträuben, ihre Bemühung zu rufen war vergebens; man warf sie in eine Halbchaise und jagte die ganze Nacht mit ihr fort. Essen und Trinken bot man ihr in einem wald an; sie konnte aber und mochte nichts als ein Glas wasser nehmen! Gleich jagte man wieder weiter; äusserst traurig und abgemattet sass sie neben einer person in Weibskleidern, von welcher sie fest umfasst gehalten wurde. Sie bat einmal auf den Knien um Erbarmen, erhielt aber keine Antwort und wurde endlich in der Hütte eines schottischen Bleiminenknechts auf ein elendes Bette gesetzt. Dies war alles, was sie von ihrer Entführung zu sagen wusste, denn sie war beinahe sinnlos. Ihr Tagebuch kann zum Beweis dienen, wie sehr ein heftiger Schmerz des Gemüts das edelste Herz zerrütten kann. Aber eben dieses Tagebuch beweist, dass, sobald ihre Kräfte sich erholten, auch die vortrefflichen Grundsätze ihrer Erziehung wieder ihre volle Wirksamkeit erhielten.

Den Kummer, in welchen durch diesen Zufall die Lady Summers gesetzt wurde, und den Jammer meiner Emilia und den meinigen über die Nachricht von ihrem Unsichtbarwerden könnten Sie sich leichter selbst vorstellen, als ich ihn beschreiben könnte; zumal da alles mögliche, um auf ihre Spur zu kommen, vergebens angewandt wurde. Unvermeidliche Zufälle hielten meinen Schwager den Winter durch zurück, selbst nach England zu gehen, um der Lady Summers seine Vermutungen gegen Lord Derby zu entdecken; und dieser Winter war der längste und traurigste, den jemals eine kleine Familie erlebt hat, welche durch das Unglück einer innigst geliebten Freundin elend gemacht wurde.

Madam Leidens in den schottischen

Bleigebürgen

Emilia! teurer geliebter Name! Ehemals warst du mein