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Rückkehr das Unglück macht, das Ihre Jugendfreundin verfolgt. Vor einigen Tagen musste ich die ganze geschichte von Lord Richs Herzen anhören; ihr letzter teil entielt die Abschilderung seiner Liebe für mich. "Es ist", spricht er, "die leidenschaft eines fünfundvierzigjährigen Mannes, die durch die Vernunft in sein Herz gebracht wurde, alle Kräfte meiner Erfahrung, meiner Kenntnis der Menschen bestärken sie." – "Teurer Lord Rich, Sie betrügen sich; niemals hat die Vernunft für die Liebe gegen die Freundschaft gesprochen; Sie besitzen den höchsten Grad dieser edlen Neigung in meinem Herzen; lassen Sie –" "Nichts mehr, Madam Leidens, ehe Sie mich angehört haben. Meine Vernunft machte mich zu Ihrem Freund und wies Ihnen in meiner Hochachtung einen Platz an, den ich auch dem Verdienste eines Mannes würde gegeben haben." – Hier rechnete er mir Tugenden und Kenntnisse zu, wovon ich sagen musste dass ich sie für nichts anders als schöne Gemälde liebenswürdiger Fremdlinge betrachten könnte. "Und ich (fuhr er fort) muss Ihnen in erhöhetem Masse das feine Lob zurückgeben, welches die Bescheidenheit meiner schönen Landsmänninnen von einem Fremden erhielt, da Ihnen die Vorzüge Ihres Geistes ebenso unbekannt sind als jenen die Reize ihrer Gestalt." Hierauf beschrieb er meine mir eigenen Weiblichkeiten, wie er sie nannte, als Früchte eines feurigen Genie und einer sanften empfindsamen Grazie, und machte aus diesem allen den Schluss, dass der Ton meines Kopfs und Herzens just derjenige wäre, welcher mit dem seinigen so genau zusammenstimmte, als nötig sei, die vollkommenste Harmonie einer moralischen Vereinigung zu machen. – – Das Bild seiner Glückseligkeit folgte mit so rührenden Zügen, dass ich überzeugt wurde, er kenne alle Triebfedern meiner Seele und wisse, wohin mich der Gedanke vom Wohltun führen könne. Mit aller Feinheit der Empfindung zeichnete er einen flüchtigen Entwurf davon. O meine Emilia, es war der Abdruck meiner ehemaligen Wünsche und Hoffnungen im ehelichen Leben. Äusserst gerührt und bestürzt, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Er stunde von der Rasenbank auf und ergriff meine beiden hände; eine vieldenkende männliche Zärtlichkeit war in seinem gesicht, als er mich betrachtete und meine hände an seine Brust drückte. – "O Madam Leidens", sagte er, "was für ein Ausdruck von tiefem Kummer ist in Ihren Gesichtszügen! Entweder hat der Tod Ihrem Herzen alle Freuden des Lebens und der Jugend entrissen, oder es liegt in Ihren Umständen irgendeine Quelle von bitterm Jammer verborgen. Sagen Sie, teure geliebte Freundin, wollen Sie nicht, können Sie nicht dieser Quelle einen Ausfluss in den Busen Ihres treuen, Ihres Sie anbetenden Freundes verschaffen?" Mein Kopf sank auf seine hände, die noch immer die meinigen hielten. Mein Herz war beklemmter als jemals in meinem Leben. Das Bild meines Unglücks, die Verdienste dieses edelmütigliebenden Mannes, die schwere Kette meiner wiewohl falschen Verbindung, mein auf ewig verlornes Vergnügen bedrängten auf einmal meine Seele. Reden konnte ich nicht; schluchzen und seufzen musste ich. Er schwieg tiefsinnig, und mit einer zitternden Bewegung seiner hände sagte er in dem traurigsten, aber sanftesten Ton, indem er seinen Kopf sachte gegen den meinigen neigte: "O dieser Sie quälende Kummer gibt mir ein trauriges LichtIhr Gemahl ist nicht totEine Seele wie die Ihrige würde durch einen Zufall, den die gesetz der natur herbeibringen, nicht zerrissen, sondern nur niedergeschlagen. Aber der Mann ist Ihrer unwürdig, und das Andenken dieser Fesseln verwundet Ihre Seele. Hab' ich recht, o, sagen Sie, ob ich nicht recht habe?" – Seine Rede machte mich schauern; ich konnte noch weniger die Sprache wiederfinden als vorher. Er war so gütig mir zu sagen:

"Heute nichts mehr! beruhigen Sie sich; lassen Sie mich nur Ihr Vertrauen erwerben." – Ich erhob meine Augen und drückte aus einer unwillkürlichen Bewegung seine hände. "O Lord Rich –" war alles, was ich aussprechen konnte. "Bestes weibliches Herz! was für ein Unmensch konnte dich misskennen und elend machen?" – "Lieber Lord, Sie sollen alles, alles wissen, Sie verdienen mein Vertrauen." – Dies sagte ich, als ein Bedienter der Lady Summers kam, mich zu rufen, weil wichtige Briefe von London angekommen waren. – Ich suchte mich soviel als möglich zu fassen und eilte zur Lady, die mir gleich die angesehene Heurat ihrer einzigen Nichte mit Mylord N** anzeigte und sich auf den Besuch freute, den ihr Bruder und die Neuvermählten in vierzehn Tagen bei ihr ablegen würden. "Wir müssen auf ein artiges Landfest sinnen", sagte sie, "um den jungen Leuten Freude bei ihrer alten Tante zu machen." Hierauf gab sie mir im Aufstehen einen Brief zu lesen, den das junge Paar ihr zusammen geschrieben hatte, und entfernte sich, um den Bedienten wieder abzufertigen. Was für ein Grauen überfiel mich, meine Emilia, als ich die Hand des Lord Derby erblickte, der nun wirklicher Gemahl der jungen Lady Alton war! Mit bebenden Füssen eilte ich in mein Zimmer, um meine Betäubung vor der Lady Summers zu verbergen. Weinen konnte ich nicht, aber ich war dem Ersticken nahe. Wie fühlte ich meine Unvorsichtigkeit, nach England gegangen zu sein! Meinen Schutzort musste ich verlieren; unmöglich war's, in Summerhall zu bleiben. Ach, ich gönnte dem Bösewicht sein Glück; aber warum musste ich abermals das Opfer davon werden? Ich ging ans Fenster