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, bin ich durch seine hände an die Lady gebunden, und ich werde mit ihr nach England gehen. Sie wissen von ihm, dass unsere Reise glücklich war, dass der Reichtum der Madam Hills uns vier sehr bequeme Zimmer verschaffte und uns ein Ansehen gibt, so wir nicht einmal suchten. – Er ging gleich den ersten Abend zur Lady; den zweiten Tag wies er mir sie auf dem Spaziergang. Ihre Gestalt ist edel, obgleich sehr schwächlich; ihre Gesichtsbildung lauter Leutseligkeit; ihr schönes grosses Auge voller Empfindung und alle ihre Bewegungen Würde voller Anmut. Sie grüsste und betrachtete uns zwei Frauenzimmer mit Aufmerksamkeit, ohne uns etwas zu sagen, ob sie schon den Herrn B. von uns wegrief. Den folgenden Tag nahm sie ihn auch von unsrer Seite weg zum Mittagsessen und sagte nur auf englisch zu mir: "Diesen Abend sollen Sie meine Gesellschaft sein." – Als ich mich verbeugt hatte und antworten wollte, war sie schon weit weg. Aber ich würde auch gestottert haben, denn Sie können nicht glauben, was für einen Schmerzen der Seele ich bei dem wahren Akzent der englischen Sprache fühlte; schnell wie die wirkung des Blitzes fühlte ich ihn und ebenso schnell drangen sich traurige Erinnerungen und Bilder in meine Seele. Gut war es, Emilia, dass die Lady mich nicht gleich mit sich begehrte, meine Verlegenheit war zu sichtbar. Abends speisete Madam Hills und Herr B. mit mir bei der Lady; sie war sehr gütig, aber mit untersuchenden Blicken war ihr Auge bei allem, was ich vornahm und redete. Sie lobte Madam Hills wegen der Stiftung des Gesindhauses und setzte hinzu, dass sie ihrem Beispiel folgen und auch eins in England errichten wollte. Herr B., welcher der Madam Hills dieses übersetzte, machte der guten Frau viele Freude damit, und ihr redliches Herz lächelte durch tränende Augen, da sie schnell meine Hand nahm und zu Herrn B. sagte: er möchte die Lady unterrichten, dass sie nur ein überflüssiges Geld, ich aber die Erfindung dazu gegeben hätte. Ich errötete ausserordentlich dabei, und die Lady streichelte meine Wangen, indem sie sagte: "Das ist gut, meine Tochter, wahre Tugend muss bescheiden sein."

Die Achtsamkeit, welche ich hatte, Madam Hills zu unterhalten und ihr alles zu übersetzen, wovon die Lady mit mir oder Herrn B. in gleichgültigen Dingen redte, erhielt auch den ganzen Beifall der Lady.

"Sie muss noch gute Tage erleben," sagte sie, "weil ihre Tugend das Alter glücklich zu machen sucht."

Diese Anweisung auf meine künftige Tage bewegte mein Innerstes, und unmöglich war's, meine Augen trocken zu erhalten. Die Lady sah es und neigte sich gegen mich mit festem, zärtlichem blick.

"arme, gute Jugend," sagte sie, "ich weiss eine Hand, die alle deine künftige Zähren abwischen wird."

Ich verbeugte mich und sah Herrn B. an; er antwortete mir mit muntern Nicken; die Lady winkte ihm. "Heute nichts", sagte sie; "aber morgen sollen Sie alles versichern."

Und dieser Morgen war vor sechs Tagen, wo mein Herz zwischen Vorschlägen und Entschliessungen wankte und endlich auf dem Gedanken befestigt wurde, dieses Jahr bei der Lady auf ihrem Landhause zuzubringen und künftige Wasserszeit wieder mit ihr zurückzukommen.

Nach London würde ich nicht gegangen sein; Gott bewahre mich vor der gelegenheit, Engländer, die ich schon kenne, zu sehen! Aber keiner von diesen wird eine alte Frau in ihrem einsamen Wohnorte suchen, und ich kann ruhig meine lange Begierde stillen, dieses Land zu sehen und nach der Familie Watson mich zu erkundigen. Herr B. hat der Madam Hills eine Pflicht daraus gemacht, mich nicht aufzuhalten, weil ich ein Gesindhaus einrichten solle, und hat sie am meisten durch den Gedanken beruhiget, dass es in England heissen werde, es sei nach dem Plan des ihrigen und durch ihr edles Beispiel erbauet worden.

Meine Lady, Emilia, – o! diese ist ein Engel, der lange Jahre unter den Menschen wandelte, um den süssen Balsam der edelsten Freundschaft in fühlbare Seelen zu giessen. Meine Seele lebt wieder ganz auf.

Madam Leidens an

Emilia aus Summerhall

Mein erster Brief hat Ihnen schon gesagt, dass ich glücklich, sehr glücklich mit der gütigen Lady angelangt bin. Ich hoffe auch, meine Rosine und Herr B. sind ebenso wohl zurückgekommen. Es war mir leid, dass Rosina nicht über die See wollte; Übelkeit macht sie, aber es ist leicht zu überstehen.

Gewiss haben Sie schon Beschreibungen von englischen Landhäusern gelesen. Denken Sie sich das schönste im alten Geschmacke davon und nennen es Summerhall; legen Sie aber an die Seite des Parks ein grosses, hübsches Dorf, und stellen Sie sich meine Lady und mich vor, wie wir, einander im arme, die Gassen durchgehen, mit Kindern oder Arbeitern reden, einen Kranken besuchen und den Bedürftigen hülfe reichen. Dies ist nachmittags und abends das Geschäfte meiner Lady; morgens lese ich ihr vor und besorge ihr Haus; Besuche, die sie von der wenigen Nachbarschaft erhält, und der Umgang mit dem vortrefflichen Pfarrherrn des Orts füllen das übrige der Zeit so aus, dass mir wenig zu meinem besonderen Lesen übrig bleibt. Die Bücher, welche sich meine Lady ausgesucht hat, bezeichnen den Nationalgeist und die Empfindung der sich immer nähernden Grenzen ihres Lebens. Jenes Fach füllen die Geschichtschreiber von England und die Hofzeitungen, dieses