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, meine Tochter: was für eine Sprache?"

"Ich muss sie führen, weil in der ganzen Familie niemand auf mich und seine Voreltern denkt."

"So, Charlotte; und wenn man an die Voreltern denkt; muss man den Bruder und einen edelmütigen Mann beleidigen?" – sagte die junge Frau von P.

"Ich habe Ihre Ausnahme schon gehört, die Sie für den edelmütigen Mann machen. Andre Familien werden auch Ausnahmen haben, wenn ihr Sohn Charlotten zur Gemahlin haben wollte."

"Charlotte, wer dich um Sternheims willen verlässt, ist deiner Hand und einer Verbindung mit mir nicht wert. Du siehst, dass ich auf die böse jüngere Schwester noch stolz bin, wenn ich schon die gute ältere an einen Universitätsfreund verschleudere."

"Freilich muss die jüngere Schwester böse sein, wenn sie sich nicht zum Schuldenabtrag will gebrauchen lassen!"

"Wie unvernünftig boshaft meine Schwester sein kann! Du hast nichts von meinen Anträgen zu besorgen. Ich werde für niemand als einen Sternheim reden, und für diesen ist ein Gemütscharakter, wie der deinige, nicht edel genug, wenn du auch eine Fürstin wärest."

"Gnädige Mama; Sie hören zu, wie ich wegen des elenden Kerls gemisshandelt werde?"

"Du hast die Geduld deines Bruders gemissbraucht. Kannst du deine Einwendungen nicht ruhiger vorbringen?"

Sie wollte eben reden; aber der Bruder fiel ihr ins Wort; "Charlotte, rede nicht mehr; der Ausdruck elender Kerl hat dir deinen Bruder genommen! Die Sachen meines Hauses gehen dich nichts mehr an. Dein Herz entehrt die Ahnen, auf deren Namen du stolz bist! O wie klein würde die Anzahl des Adels werden, wenn sich nur die dazu rechnen dürften, die ihre Ansprüche durch die Tugenden der edlen Seele des Stifters ihres Hauses beweisen könnten!"

"Lieber Sohn, werde nicht zu eifrig, es wäre wirklich nicht gut, wenn unsre Töchter so leichte geneigt wären, ausser Stand zu heiraten."

"Das ist nicht zu befürchten. Es gibt selten eine Sophie, die einen Mann nur wegen seiner Klugheit und Grossmut liebt."

fräulein Charlotte entfernte sich.

"Hast du aber nicht selbst einmal deine dir so lieben Engländer angeführt, welche die Heirat ausser Stand den Töchtern viel weniger vergeben als den Söhnen, weil die Tochter ihren Namen aufgeben und den von ihrem mann tragen muss, folglich sich erniedriget?"

"Dies bleibt alles wahr, aber in England würde mein Freund tausendmal von diesem Grundsatz ausgenommen werden, und das Mädchen, das ihn liebte, würde den Ruhm eines edeldenkenden Frauenzimmers erhalten."

"Ich sehe wohl, mein Sohn, dass diese Verbindung eine schon beschlossene Sache ist. Aber hast du auch überlegt, dass man sagen wird, du opferst deine Schwester einer übertriebenen Freundschaft auf, und ich handle als Stiefmutter, da ich meine Einwilligung gebe?"

"Liebe Mama! lassen Sie es immer geschehen, unser Beweggrund wird uns beruhigen, und das Glück meiner Schwester wird, neben den Verdiensten meines Freundes, allein so deutlich in die Augen glänzen, dass man aufhören wird, übel zu denken."

Hierauf wurde fräulein Sophie von ihrem Bruder geholt. Sie warf sich ihrer Frau Mutter zu Füssen; die gute Dame umarmte sie: "Liebe fräulein Tochter", sprach sie, "Ihr Bruder hat mich versichert, dass dieses Band nach Ihren Wünschen wäre, sonst hätte ich nicht eingewilliget. Es ist wahr, es fehlt dem mann nichts als eine edle Geburt. Aber, Gott segne Sie beide!"

Indessen war der Baron fort, er holte den Obersten, welcher halb ausser sich in das Zimmer trat, aber gleich zu der alten Dame ging, ihr mit gebognem Knie die hände küsste und mit männlichem Anstand sagte:

"Gnädige Frau! glauben Sie immer, dass ich Ihre Einwilligung als eine herablassende Güte ansehe; bleiben Sie aber auch versichert, dass ich dieser Güte niemals unwürdig sein werde."

Sie war so liebreich zu sagen: "Es erfreuet mich, Herr Oberster, dass Ihre Verdienste in meinem haus eine Belohnung gefunden haben." Er küsste hierauf die hände der Gemahlin seines Freundes; "wieviel Dank und Verehrung", rief er aus, "bin ich der grossmütigen Vorsprecherin der Angelegenheiten meines Herzens schuldig?"

"Nichts, Herr Oberster! ich bin stolz, zu dem Glück Ihres Herzens etwas beizutragen; Ihre brüderliche Freundschaft soll meine Belohnung sein."

Er wollte mit seinem Freunde reden; aber dieser wies ihn an fräulein Sophie. Bei dieser kniete er stillschweigend, und endlich sprach der edle Mann: "Gnädiges fräulein! mein Herz ist in Verehrung der Tugend geboren; wie war es möglich, eine vortreffliche Seele wie die Ihrige mit allen äusserlichen Annehmlichkeiten begleitet zu sehen, ohne dass meine Empfindungen lebhaft genug wurden, Wünsche zu machen? Ich hätte diese Wünsche erstickt; aber die treue Freundschaft Ihres Bruders hat mir Mut gegeben, um Ihre Zuneigung zu bitten. Sie haben mich nicht verworfen. Gott belohne Ihr liebreiches Herz und lasse mich die Tugend niemals verlieren, die mir Ihre achtung erworben hat!" –

fräulein Sophie antwortete nur mit einer Verbeugung und reichte ihm die Hand mit dem Zeichen aufzustehen; darauf näherte sich der Baron und führte beide an seinen Händen zu seiner Frau Mutter.

"Gnädige Mama", sagte er, "die natur hat Ihnen an mir einen Sohn gegeben, von welchem Sie auf das vollkommenste geehrt' und geliebt werden