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und damit sie sehen, dass Tugend und Laster beständig einen Kreislauf durch das ganze menschliche Geschlecht gemacht haben; lassen Sie sie jedes Wort, so eine Wissenschaft bezeichnet, verstehen. Zum Ex. was Philosophie, was Matematik seiaber von der Bedeutung des Ausdrucks edle Seele, von jeder wohltätigen Tugend geben Sie ihnen den vollkommensten Begriff, teils durch Beschreibung, teils und am meisten durch Beispiele von Personen, welche diese oder jene Tugend auf eine vorzügliche Art ausgeübt haben."

"Soll ich sie auch Romane lesen lassen?"

"Ja, zumal da Sie es ohnehin nicht werden verhindern können. Aber suchen Sie, soviel Sie können, nur solche, worin die Personen nach edlen grundsätzen handeln und wo wahre Szenen des Lebens beschrieben sind. Wenn man das Romanenlesen verbieten wollte, so müsste man auch in Gesellschaft vermeiden, vor jungen Personen bald einen kurzen, bald weitläufigen Auszug von einer Liebesgeschichte zu erzählen, die in der nämlichen Stadt oder Strasse, wo man wohnt, vorging; unsere Vater, Männer und Brüder müssten nicht so viel von ihren artigen begebenheiten und Beobachtungen auf Reisen usw. sprechen; sonst machte auch dieses Verbot und die Gegenübung wieder einen schädlichen Kontrast. Ein vortrefflicher Mann und Kenner des Menschen wünscht, – dass man jungen Personen beiderlei Geschlechts zur Stillung der Neugierde die meisten grossen Reisebeschreibungen gäbe, wo von der Naturhistorie und den Sitten des Landes viel vorkömmt, weil dadurch viele nützliche Wissenschaft in ihnen ausgebreitet würde. – Moralische Gemälde von Tugenden aller Stände, besonders von unsrem Geschlechte, möchte ich gesammlet haben; und darin sind die Französinnen glücklicher als wir. Das weibliche Verdienst erhält unter ihnen öffentliche und dauernde Ehrenbezeigungen."

"Vielleicht aber verdienen wir mehr als sie, weil wir uns auch ohne Belohnung um Verdienste bemühen."

"Dies ist wahr, aber nur für die kleine Anzahl von Seelen, die sich über alle Schwierigkeiten erheben, die sie antreffen, und worüber andre durch nichts als Ermunterungen siegen. Ich möchte daher in jeder Standesklasse Beispiele aufstellen, die aus ihrem Mittel gezogen waren, damit man sagen könnte: ihre Geburt, ihre Umstände waren wie die eurige; der Eifer der Tugend und die gute Verwendung ihres Verstandes haben sie verehrungswert gemacht. Ein vorzüglicher Platz in einer öffentlichen Versammlung, ein besonderes Stück Kleidung könnte den Wert der Belohnung erhalten, wie es die alten grossen Kenner der menschlichen Herzen gemacht haben. Aber wir sind nicht mit dem Auftrag beladen, diese Einrichtung anzuordnen, sondern allein mit der Pflicht, so viel Gutes zu tun, als wir können. Ich stehe wirklich in dem Kreise armer und dienender Personen; also achte ich mich verbunden, diese durch Unterricht und Beispiel zu ihrem Mass von Tugend und Glück zu führen; wobei ich aber sehr vermeiden werde, ihnen Begriffe oder Gesinnungen einzuflössen, die meinen glänzenden und angesehenen Umständen gemäss waren, weil ich fürchten würde, dass aus der vermischten Denkensart vermischte Begierden und Wünsche mit allen ihren Fehlern entstehen möchten. Sie sind eine Witwe von erstem Range Ihres Orts. Ihre Leutseligkeit, Ihr vernünftiger angenehmer Umgang macht, dass Sie von allen Personen Ihres Standes gesucht werden. Sie haben eine Tochter zu erziehen. Sie würden also an allen Mädchen ihres Alters und Standes Edelmütigkeit ausüben, wenn diejenigen unter denselben mit bei den Lehrstunden Ihrer Tochter wären, deren Mütter durch Haussorgen oder kleinere Kinder verhindert sind, mit ihren Töchtern viel zu lesen oder zu reden. Machen Sie sie denken und handeln, wie Frauenzimmer vom Privatstande es sollen, um in ihrer Klasse vortrefflich zu werden. Dieses wird das einzige Mittel sein, womit Sie den Schaden ersetzen können, welchen Sie durch den Vorsatz verursachen, unverheiratet zu bleiben." – Sie lächelte über dieses und über meine Abbitte, ihr eine Vorschrift gemacht zu haben, und gab mir alle Merkmale von Freundschaft und Zufriedenheit.

Madam Leidens

an Emilien

Ungern, sehr ungern, meine Emilia, begleite ich die Madam Hills ins Bad. Es ist wahr, meine Gesundheit zerfällt, und ich erkenne, dass ich die hülfe brauche, die mir die Wasserkur verspricht: denn mein stillschweigender Gram benagt die Kräfte meines Körpers, und der jastige Eifer, den ich diese Zeit über in mein moralisches Leben legte, hat auch vieles zu der Schwächlichkeit beigetragen, über welche Sie, liebe Freundin, so jammerten, als ich die letzten zehn glücklichen Tage bei Ihnen zubrachte. Ihr Mann hat gestern meinen Widerwillen überwältigt, aber allein damit, dass er die erste Woche bei uns bleiben wird; bis dahin, hofft er, werde mein Hass gegen grosse und fremde Gesellschaft gemindert sein. Er behauptet auch, dass mein Herz diesen Winter über alle Kräfte meines Geistes in Dienstbarkeit gehalten und ermüdet hatte und dass dieser sich allein in freier Luft und durch Umgang erholen würde. Ich bin so hager und blass, meine Augen, denen man Anzüglichkeit zuschrieb, erheben sich so selten, und meine Kleidung ist so einfach, dass ich keine Verfolgungen von Mannsleuten zu befürchten habe. Also auf zwei Monate adieu, liebste Freundin; morgen früh reisen wir mit Ihrem mann, einem Aufwartmädchen und einem Bedienten ab.

Madam Leidens

an Emilien aus Spaa

Sagen Sie mir, meine Freundin, woher kommt die Gewalt, mit welcher Ihr Mann über meine Seele herrschet? Erst führte er mich in den geschäftigen Kreis, den ich bei Madam Hills durchlief; dann brachte er mich, ungeachtet meines Widerstandes, nach Spaa, macht mich den vierten Tag mit Lady Summers bekannt, und nun, meine Liebe