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geniessen, sie, die zuerst das Herz des guten Kindes zerrissen haben und allein die Ursache sind, dass sie von Angst betäubt ihrem Verderben zulief.

Käme ich nur bald nach D. und hätten wir nur einiges Licht von ihrem Aufentalt! Aber es geschehe das eine und das andere, wenn es will: so soll der Elende, der ihren Wert nicht zu schätzen wusste, Rechenschaft von ihrer Entführung und Verlassung geben.

Ich bedaure Sie, Mylord, wegen der Leiden Ihres Gemüts, die nun durch die wiederkehrende Liebe vergrössert sind. Aber wie konnte ein Mann, dem die weibliche Welt bekannt sein muss, dieses auserlesene Mädchen misskennen und den allgemeinen Massstab vornehmen, um ihre Verdienste zu prüfen? Unterschied sie sich nicht in allem? Verzeihen Sie, Mylord, es ist unbillig, Ihren Kummer zu vermehren! die Zärtlichkeit meiner nahen Verwandtschaft übertrieb meinen Unmut und machte mich das Geschehene und Ungeschehene mit gleichem Hass verfolgen.

Fliehen Sie keinen Aufwand, um den Aufentalt des geliebten Kindes zu erfahren; ich fürchte, o, ich fürchte, dass wir sie nur tot wiederfinden werden!

Wehe dem Lord Derby; – wehe Ihnen, wenn Sie nicht Ihre Hand mit der meinigen vereinigen, um sie zu rächen! Aber alles, was Sie tun werden, um Ihre edelmütige Liebe, obwohl zu spät, zu beweisen, soll Sie in dem Oheim des edelsten Mädchens den besten Freund und Diener finden lassen. Allen Aufwand teile ich mit Ihnen, wie ich alle Ihre Sorgen und Schmerzen teile. – Hier halte ich alles geheim, weil ich meiner Gemahlin zärtliches Herz nicht mit unmässigem Jammer beladen will.

Madam Leidens an Emilien

Meine liebenswürdige Witwe, Frau von C-, hat eine schöne Seele voll zärtlicher Empfindungen. Sie bemerkte letztin das kurz abgebrochene Ende meiner Vorstellungen sehr genau und kam etliche Tage nachher zu mir, um mit freundlicher Sorgsamkeit nach der Ursache davon zu fragen. Ich hatte die stutzige Art meines schnellen Stillschweigens selbst empfunden, aber da meine Beweggründe so stark in mir arbeiteten und ich ihren Empfindungen nicht zu nahe treten wollte, so sah ich keinen andern Weg, als abzubrechen und nach haus zu gehen, wo ich den Unmut recht deutlich fühlte, den ich bloss deswegen über sie hatte, weil sie den Aussichten von Wohltätigkeit nicht so eifrig zueilte, als ich an ihrer Stelle würde getan haben. Es freut mich auch, dass der Mann meiner Emilie den warmen Ton meiner Fürsprache zum Besten der Liebe allein in meiner Neigung zum Wohltun suchte, ob er mich schon einer Schwärmerei in dieser Tugend beschuldigt.

(O! möchte doch dieses Übermass einer guten leidenschaft der einzige Fehler meiner künftigen Jahre sein!) –

Ich antwortete der lieben Frau von C- ganz aufrichtig:

Dass es mich sehr befremdet hätte, eine Seele voller Empfindlichkeit so frostige Blicke in das Gebiete der Wohltätigkeit werfen zu sehenSie antwortete:

"Ich erkenne ganz wohl, dass Ihr tätiger Geist missvergnügt über meine Unentschlossenheit werden musste; Sie wussten nicht, dass die idee des Wohltuns meine erste Wahl bestimmte; aber ich habe so sehr erfahren, dass man andere glücklich machen kann, ohne es selbst zu werden; dass ich nicht Herz genug habe, mich noch einmal auf diesen ungewissen Boden zu wagen, wo die Blumen des Vergnügens so bald unter dem Nebel der Sorgen verblühen."

Der äusserste Grad der Rührung war in allen Zügen der reizenden Bildung dieser sanften Blondine ausgedrückt; ihr Ton stimmte mit ein und rief in mir die Erinnerung des jähen Verderbens zurück, welches meine kaum ausgesäete Hoffnung betroffen hatte. Meine eignen Leiden haben die Empfindung der Menschlichkeit in mir erhöhet, und ich fühlte nun ihre Sorgen so stark, als ich die Vorstellung der Glückseligkeit der andern empfunden hatte.

"Vergeben Sie mir, liebe Madam C-! (sagte ich), ich erkenne, dass ich gegen Sie die beinahe allgemeine Unbilligkeit ausübte, zu fodern; dass Sie in alle Gründe meiner Denkensart eingehen sollten; und ich foderte es um so viel eifriger, als ich von der innerlichen Güte meiner Bewegursachen überzeugt war. Warum hab' ich mich nicht früher an Ihren Platz gestellet; die Seite, welche Sie von meinen Vorschlagen sehen, hat in Wahrheit viel Abschreckendes, und ich werde, ohne Ihnen unrecht zu geben, nichts mehr von allem diesem reden."

"Es freut mich, dass Sie mit mir zufrieden scheinen; aber Sie haben mir viele Unruhe und Missvergnügen über mich selbst gegeben."

Ich fragte sie eilig, wie und worin?

"Durch die Vorstellung aller dieser Gelegenheiten glückliche Personen zu machen. Mein Widerwille und Ausweichen schmerzt mich; ich möchte es in irgend etwas anders ersetzen. Können Sie mir nichts bei Ihrem Gesindhause zu tun geben?"

Sie bekam ein freimütiges Nein zur Antwort. "Aber", sagte ich lächelnd, da ich sie bei der Hand nahm, "ich möchte mir bald das Gefühl Ihrer Reue und die Begierde des Ersatzes zunutze machen und Sie verbinden, dass, da Sie durch Ihr eigen Herz keinen Mann mehr glücklich machen wollen, Sie die liebreiche Mühe nähmen, durch Ihren Umgang und gefällten Unterricht den Töchtern Ihrer Verwandten und Freunde Ihre edle denkart mitzuteilen und dadurch Ihrem Wohnorte liebenswürdige Frauenzimmer zu bilden und für der Madam Hills gute Mädchen auf Ihrer Seite gute Frauen zu ziehen."

Dieser Vorschlag gefiel ihr; aber gleich wollte sie von mir einen Plan dazu haben.

"Das werde ich nicht tun, Madam C-, ich kann mich nicht von meinem