denke es wohl, wer möchte noch unter der Decke eines Spitzbuben schlafen? Hier ist der Schrank, worein sie alle Kostbarkeiten von Gold, von Geschmeide, o, gar viele Sachen legte, die er ihr mitgebracht hatte und die ich ihm zurückgeben sollte; denn sie nahm nichts davon mit; zwei Tage nachdem sie weg war, kam wieder ein Brief; er wolle kommen, sagte der Mensch; aber ich gab ihm seinen Pack Sachen und schaffte ihn aus dem haus."
Mylord fragte sie noch genauer um alles, was geschehen war; halb hörte ich's, halb nicht; ich war ausser mir; und da die Frau nicht sagen konnte, wo die Dame hingereiset wäre, so war mir am übrigen nichts gelegen. Ich hatte genug gehöret, um in Mitleiden zu zerschmelzen und das geliebte Bild der leidenden Tugend mit erneuerter Zärtlichkeit in meine Seele zu fassen. Ich nahm das Zimmer ihrer Jungfer, weil ich darin den Platz bemerket hatte, wo sie gekniet, wo sie den unaussprechlichen Schmerzen gefühlt hatte, betrogen und verlassen zu sein. Derbys Schlafzimmer gab mir den nämlichen Abscheu wie ihr selbst, und ich warf mich unausgekleidet mit halb zerrütteten Sinnen auf das Bette, worin Sternheim so kummervolle Nächte zugebracht hatte. Trostlose Zärtlichkeit und ein Gemische von bitterm Vergnügen bemächtigten sich meiner mit der Empfindung, welche mir sagte: hier lag das liebenswürdige Geschöpfe, in dessen Armen ich alle meine Glückseligkeit gefunden hatte; hier beweinte ihr blutendes Herz die Treulosigkeit des verruchtesten Bösewichts! Und ich – O Sternheim, ich beweine dein Schicksal, deinen Verlust, und meine verdammte Saumseligkeit, deine Liebe für mich zu gewinnen! – Vergnügen, ja ein schmerzhaftes Vergnügen genoss ich bei dem Gedanken, dass meine verzweiflungsvolle Tränen noch die Spuren der ihrigen antreffen und sich mit ihnen vereinigen würden. Ich stunde auf, ich kniete auf den nämlichen Platz, wo der stumme, zerreissende Jammer über ihre Erniedrigung sie hingeworfen hatte; wo sie sich Vorwürfe über das blinde Vertrauen machte, womit sie sich dem grausamsten mann ergab, und wo – ich ihrem Andenken schwur: sie zu rächen.
O mein Freund, warum, warum konnte Ihre Weisheit meinen Mut nicht stählen? – Wie elend, wie beklagenswert war ich, da ich mit ihr jeden Augenblick verfluchte, worin sie das Eigentum von Derby war! alle ihre Schönheit, alle ihre Reize sein Eigentum waren! Sie liebte ihn; sie empfing ihn mit offenen Armen an der Treppe. – Wie war es möglich, dass die edle reine Güte ihres Herzens den gefühllosen, boshaften Menschen lieben konnte? –
Ich habe das kleine Hauptküssen vom Sohn der Wirtin gekauft; ihr Kopf hatte sich mit der nämlichen Bedrängnis darauf gewälzt wie meiner; ihre und meine Tränen haben es benetzt; ihr Unglück hat meine Seele auf ewig an sie gefesselt; von ihr getrennt, vielleicht auf immer getrennt, mussten sich in dieser armen Hütte die sympatetischen Bande ganz in meine Seele verwinden, welche mich stärker zu ihr, als zu allem, was ich jemals geliebt habe, zogen.
Mylord fand mich am Morgen in einem Fieber; sein Wundarzt musste mir eine Ader öffnen, und eine Stunde hernach folgte ich ihm in den Wagen, nachdem ich die kleine Zeichnung des Gärtchens geraubt und dem Mädchen, welches die Schülerin meiner Sternheim gewesen, einige Guineen zugeworfen hatte.
Die Kälte, welche die Politik unvermerkt bald in grösserem, bald in kleinerem Masse auch in das wärmste Herz zu giessen pflegt und es über einzelne Übel hinausgehen heisst, gab Mylorden eine Menge Vernunftgründe ein, womit er mich zu zerstreuen und gegen meinen Kummer und Zorn zu bewaffnen suchte. Ich musste ihn anhören und schweigen; aber nachts hielt mich mein Küssen schadlos; ich zehrte mich ab und erschöpfte mich. Mein Schmerz ist ruhiger, und meine Kräfte erholen sich in dem Vorsatze, das Unglück des Fräuleins an Derby zu rächen, wenn er auch den ersten Rang des Königreichs besitzen sollte. Beobachten Sie ihn, wenn Sie nach London kommen, ob Sie nicht Spuren von Unruhe und quälender Reue an ihm sehen. Ewigkeiten durch möchte ich ihm die Marter der Reue empfinden lassen, dem ewig hassenswürdigen Mann!
Ich gebe mir alle mögliche Mühe, die Folgen des Schicksals des Fräuleins zu erfahren, aber bis jetzt war alles vergeblich; so wie Ihre Bemühungen vergeblich sein werden, wenn Sie ihr Andenken in mir auslöschen wollten; – mein Kummer um sie ist meine Freude und mein einziges Vergnügen geworden.
Graf R** an Lord Seimour
Sie geben mir Nachricht von meiner teuren unglücklichen Nichte. Aber, o Gott, was für Nachrichten, Mylord! das edelste, beste Mädchen der Raub eines teuflischen Bösewichts! Ich dachte wohl, als Sie mir den Sekretär Ihres Oheims nannten, dass ein gemeiner schlecht denkender Mensch ihre Hand niemals hätte erhalten können. Ein Heuchler, ein die Klugheit und Tugend lebhaft spielender Heuchler musste es sein, der ihren Geist blendete und sie aus den Schranken zu führen wusste. Ich flehe den Lord Crafton um seine Beihülfe an, den nichtswürdigen Mann auch unter dem Schutze der ganzen Nation zur Verantwortung zu ziehen.
Nichts als die schlechten Gesundheitsumstände meiner Gemahlin und meines einzigen Sohns hindern meine Abreise von hier; aber ich habe für das Andenken dieser liebenswürdigen person doch dieses getan: von dem Fürsten zu begehren, dass er ihre Güter durch einen fürstlichen Rat besorgen lasse. Die Einkünfte sollen ihrer Gesinnung gemäss für die Kinder des Grafen Löbau gesammlet werden; aber der Vater und die Mutter sollen nichts davon