1771_La_Roche_064_85.txt

geben." Sie wandte sich von uns weg und sagte zu ihrem Sohne, der ihr vermutlich wegen dem Gewinn zuredete: "Nein, und wenn sie meine stube voll Gold steckten, so brech' ich mein Gelübde nicht, das ich der lieben Dame wegen tat –"

Ich kochte vor Ungeduld; aber Mylord, der von seiner Parlamentsstelle her gewohnt war, den wütenden Aufwallungen des Pöbels nachzugeben, winkte ganz ruhig dem Sohne und fragte ihn um die Ursache der Abneigung und der Vorwürfe seiner Mutter.

"Vor einem halben Jahre", antwortete dieser, "führte ein Engländer seine Frau, eine schöne gütige Dame zu uns; er ging weg und kam wieder, nachdem er viele Wochen weggewesen, indessen hattedie junge Frau, dieimmer sehr traurig war, meine Basen gekleidet, sie viele hübsche Sachen gelehret und den Armen viel Gutes getan; o, sie war so sanft als ein Lamm! sogar mein Vater wurde sanft, seit sie in unserm haus war; wir mussten sie alle lieben. Aber einen Tag, da der böse Lord lange weggewesen, kam einer seiner Leute geritten und sagte, er hätte Briefe an die Dame; wir fragten: ob sein Herr bald käme? neinsagt' er, er kommt nicht wieder; hier ist noch Geld für den übrigen monat; und dies sagte er wild und trotzig, wie ein böser Hund. Meiner Mutter ahndete nichts Gutes, und sie schlich sich in eine Nebenkammer, um auf den Brief zu horchen; da sah sie unsre liebe schöne Dame auf der Erde knien und weinen und ihrem Kammermädchen erzählen, in dem Briefe stünde: ihre Heurat wäre falsch gewesen: der Bote, der ihn gebracht, wäre in einen Geistlichen verkleidet gewesen und hätte sie eingesegnet; sie könne hin, wo sie wolle; da ist sie auch zwei Tage darauf fort; aber sie muss unterwegs gestorben sein, so krank und betrübt war sie; da will nun meine Mutter keinen Engländer mehr ins Haus aufnehmen."

Mylord sah mich gerührt an:

"Carl, was sagt dein Herz zu dieser Erzählung?"

"O Mylord, es ist mein fräulein Sternheim" – schrie ich "aber der Bösewicht soll es bezahlen! Aufsuchen will ich ihn; es ist Derby; kein andrer ist dieser Grausamkeit fähig."

"Junger Freund", sagte Mylord dem Sohne der Wirtin; "sag' Er seiner Mutter: sie hätte recht, den bösen Engländer zu hassen: auch soll er vom König nach der Schärfe abgestraft werden. Aber mach' Er, dass ich ins Haus komme."

"Steigen Sie aus, ich will meine Mutter befriedigen."

Er lief hinein, und bald darauf kam uns die Frau selbst entgegen. "Wenn Sie den abscheulichen Mann recht strafen wollen, wie Sie sagen, so kommen Sie, ich will Ihnen alles erzählen, wie es war; Sie sind ein alter Herr, gnädiger Lord, Sie können das Unrecht junger Leute gut einsehen, machen Sie ein Exempel aus dem bösen Mann, er könnte noch viele Streiche anfangen."

Still und langsam folgte ich ihr und Mylorden die Treppe hinauf. "Hier", sagte sie oben, "hier ist der liebe Engel gestanden, wie ihr Herr das erstemal kam, sie zu besuchen, nun, er herzte sie recht schön, und sie hatte ihre lieben hände so hübsch nach ihm ausgestreckt, dass mich ihre Einigkeit freute; aber sie redete so sanft und wenig und er so laut, seine Augen waren so gross und beschauten sie so geschwind, er rufte auch gleich so viel nach seinen Kerls, dass man wohl daraus hätte etwas vermuten können. Mein Mann war wild, doch hat er im Anfange allezeit leise und freundlich geredt und geblinzelt; aber man denkt, jeder Mensch hat seine Weise, und wie sollte einem einfallen, dass man ein schönes frommes Tugendbild betrügen könne?"

Nun waren wir im Zimmer, wo ihre Kammerfrau gewohnt hatte; hernach wies sie uns das von der Dame; sie rufte Gretchen, die sich hinsetzen und zeigen musste, wo die Dame gesessen, wie sie die Mädchen gelehrt hätte; hernach nahm sie ein Bild von der Wand und sagte: "Da, mein Gärtchen, meine Bienengestelle und das Stück Matte, wo meine Kühe auf der Weide gingen, zeichnete sie." – Indem sie es Mylorden hingab, küsste sie das Stück und sagte mit Weinen: "Du liebe, liebe Dame, Gott habe dich selig, denn du lebst gewiss nicht mehr."

Ein einziger blick überzeugte mich völlig, dass es die Sternheim gemacht hatte; die richtigen Umrisse, die feinen Schattierungen erkannte ich; mein Herz wurde beklemmt; ich musste mich setzen; Tränen füllten meine Augen; das Schicksal des edlen Mädchens, die rauhe, aber herzliche Liebe dieser Frau rührte mich; es gefiel ihr, sie klopfte mich auf die Achsel: "Das ist recht, dass Sie betrübt sind, bitten Sie Gott um ein gutes Herz, dass Sie niemanden verführen; denn Sie sind auch ein Engländer und ein hübscher Mensch; Sie können einem in die Augen gehen."

Nun musste das Mädchen und der Sohn und die übrigen Leute erzählen, wie gut die Dame gewesen und was sie gemacht hatte; dann wies sie uns das Schlafzimmer. "Seit dem Brief", fuhr sie fort, "ist sie nicht mehr hineingegangen, sondern schlief im Bette ihrer Jungfer; ich