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Gesindhaus kommen.

Meine Brille machte mich müde; ich konnte heute früh nicht weiterschreiben, und da mir die Zeit nach Madam Leidens lang war, so ging ich schnurgerad hin ins Haus der Frau G. Es reute mich, weil mir die Leute so viel dankten und vielleicht geglaubt haben, ich wäre deswegen gekommen; und es geschah doch bloss, um meine Tochter zu sehen; denn ich sag' Ihnen, wenn sie zurückkömmt, muss sie mich ihre Mutter nennen.

Ich liess mein Aufwartmädchen die tür ein wenig aufmachen, und es war gewiss schön in dem Zimmer durch die Leute darin, nicht durch die Möbeln, denn es sind keine schöne da Strohstühlchen und ein Paar Tische. In einer Ecke war der Vater mit dem ältesten Sohne, der bei ihm schrieb und rechnete; im halben Zimmer der andre Tisch; Frau G. strickte; Jungfer Lene sass zwischen den zwo kleinen Mädchen und lehrte sie nähen; Madam Leidens hatte ein Bouquet italienischer Blumen vor sich, die sie für Stühle zum Verkauf abzeichnet. Der jüngere Sohn und die älteste Tochter sahen ihr auf die Finger, und sie redte recht süss und freundlich mit ihnen. Ich musste über sie weinen und auch über die Kinder, die sie so lieb haben und mir so dankten. Der wilde Mann wurde rot, wie er mir dankte, und die Frau lachte ganz leichtsinnig dabei; das tut aber nichts, ich will ihnen, wie es Madam Leidens veranstaltete, aufhelfen, bis sie ganz auf den Beinen sind; und Jungfer Lene soll den ersten Platz der Lehrmeisterinnen für Kammerjungfern haben. Ich liess zartes Abendbrot und gutes Obst holen. Sie können nicht glauben, wie die Kinder Freude daran hatten; aber Madam Leidens war nicht damit zufrieden. Sie fürchtet, die geringen speisen, welche das wenige Vermögen zulässt, möchten jetzt den Kindern nicht mehr so lieb sein; sie sagt: sie wolle sie nicht durch den Magen belohnen, und jetzt gebe ich nichts wieder. Sie ass auch nur einen Apfel und ein Stück Hausbrot. Ich fragte sie darum, und sie sagte zu der Tochter: solche Äpfel können wir in unserm Garten ziehen, aber dies Brot kann nur eine Madam Hills backen lassen. Da hatte ich's! Aber ich wurde nicht böse; sie hatte recht. Sie will nicht, dass man gewöhnliches Brot essen für Unglück halte. – Nun sind acht Tage vorbei, dass sie bei den Leuten ist; künftige Woche kommt sie wieder zu mir, und da wird sie Ihnen schreiben. Beten Sie für das liebe Kind und für mein Leben. – O, niemals werde ich vergessen, dass Sie mir diese person anvertrauten; ich war mein Tage nicht so fröhlich mit allem meinem Gelde, als ich es bin, seit ich sie bei mir habe! –

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Plan der hülfe für die Familie G.

und die Jungfer Lene

Meine liebe Wohltäterin hat mir aufgetragen, meine Gedanken der hülfe für die Familie G. aufzuschreiben. Ich möchte mit diesen aus eigner Schuld elend gewordenen Leuten gerne umgehen wie der Arzt mit einem Kranken, der seine Gesundheit mutwillig verdorben hat; er tut alles, was zur hülfe nötig ist, aber er verbindet seine Verordnungen zugleich mit Ausübung einer Diät, die er ihm durch Vorstellung der künftigen Gefahr und der vergangenen Leiden augenscheinlich notwendig macht; durch eine langsame, aber anhaltende Kur hilft er ihm zu neuen Kräften, so dass er endlich wieder ohne Arzt leben kann. Zu sehr stärkende Mittel gleich anfangs gebraucht, würden das Übel in dem Körper befestigen und also für die Zukunft schädlich sein. Der Familie G. würde es mit grossen Geschenken auch so ergehen; wir wollen ihr also mit Vorsicht zu hülfe kommen und die Wurzel des Übels zu heilen suchen.

Die wohltätige Güte der Madam Hills gibt anfangs die nötigen Kleider, Leinen und Hausgeräte. Von den ersten wurden nur die allerunentbehrlichsten Stücke schon verfertigt gegeben; das übrige aber im Ganzen, damit die Frau und ihre Töchter es mit eigner Handarbeit zurechte machen; und wenn sie damit fertig sind, so bekommen sie einen Vorrat an Flachs und Baumwolle, um selbige zu verarbeiten und in Zukunft das Abgehende an Leinenund baumwollenen Zeuge ersetzen zu können, und dieses ist die Sache der Mütter und Töchter.

Die Talente und den Stolz des Herrn G. will ich dahin zu bringen suchen, seinen zerfallenen Ruhm durch die Bemühung einer guten Kinderzucht wieder aufzubauen. Erziehung ist er seinen Kindern schuldig; das Vermögen hat er nicht, Lehrmeister zu bezahlen; wie edel wär' es, wenn er mit Fleiss und Vatertreue den Schaden des verschwendeten Vermögens ersetzte und seinen Kindern schreibe und Rechnungsunterricht gäbe! Für das Latein der Söhne erhalten Madam Hills zwei Plätze, welche armen Schülern bestimmt sind; Herr G. hält aber die Lehr- und Wiederholungsstunden selbst mit ihnen; und gewiss würde man einem Mann, der seine väterliche Pflichten so getreu erfüllte, mit der Zeit ein Amt des Vaterlandes anvertrauen. Nun kommt die Betrachtung, dass die beschuldigte Nachlässigkeit der Frau G. alles wieder zugrunde richten würde; diesem Übel hoffe ich durch die Jungfer Lene zuvorzukommen.

Sie war die Jugendfreundin der Frau G. und hat von ihren Eltern Gutes genossen. Ich denke, sie würde es der Tochter gerne vergelten, wenn sie nicht selbst arm wäre; da sie aber einen vorzüglichen Reichtum an Geschicklichkeit besitzt, so könnte sie dadurch eine Wohltäterin ihrer Freundin werden, wenn sie das Amt einer Aufseherin über den Gebrauch der Wohltaten und der