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Niemals, P., niemals sollen Sie wissen, was meinen itzigen Kummer verursacht."

"Rechtschaffner Freund, ich will Sie nicht länger täuschen; ich kenne den Gegenstand Ihrer Liebe; Ihre Zärtlichkeit hat einen Zeugen gefunden; ich bin glücklich: Sie lieben meine Sophie!" – Der Baron hielt den Obersten, der ganz ausser sich war, umarmt; er wollte sich loswinden; es war ihm bange.

"P., was sagen Sie? was wollen Sie von mir wissen?"

"Ich will wissen; ob die Hand meiner Schwester ein gewünschtes Glück für Sie wäre?"

"Unmöglich, denn es wäre für Sie alle ein Unglück."

"Ich habe also Ihr Geständnis; aber wo soll das Unglück sein?"

"Ja, Sie haben mein Geständnis; Ihre fräulein Schwester ist das erste Frauenzimmer, welches die beste Neigung meiner Seele hat; aber ich will sie überwinden; man soll Ihnen nicht vorwerfen, dass Sie Ihrer Freundschaft die schuldige achtung für Ihre Voreltern aufgeopfert haben. fräulein Sophie soll durch mich keinen Anspruch an Glück und Vorzug verlieren.

Schwören Sie mir, kein Wort mit ihr davon zu reden; oder Sie sehen mich heute zum letztenmal!"

"Sie denken edel, mein Freund; aber Sie sollen nicht ungerecht werden. Ihre Abreise würde nicht allein mich, sondern Sophien und meine Gemahlin betrüben. Sie sollen mein Bruder sein!" –

"P., Sie martern mich mit diesem Zuspruch mehr, als mich die Unmöglichkeit marterte, die meinen Wünschen entgegen ist."

"Freund! Sie haben die freiwillige, die zärtliche Zusage meiner SchwesterSie haben die Wünsche meiner Gemahlin und die meinige. Wir haben alles bedacht, was Sie bedenken könnensoll ich Sie bitten, der Gemahl von Sophien von P. zu werden?" –

"O Gott! wie hart beurteilen Sie mein Herz! Sie glauben also, dass es eigensinniger Stolz sei, der mich unschlüssig macht?"

"Ich antworte nichts, umarmen Sie mich und nennen Sie mich Ihren Bruder! morgen sollen Sie es sein! Sophie ist die Ihrige. Sehen Sie sie nicht als das fräulein von P., sondern als ein liebenswürdiges und tugendhaftes Frauenzimmer an, dessen Besitz alle Ihre künftigen Tage beglücken wird; und nehmen Sie diesen Segen von der Hand Ihres neuen Freundes mit Vergnügen an!"

"Sophie mein? mit einer freiwilligen Zärtlichkeit mein? Es ist genug; Sie geben alles; ich kann nichts tun, als auf alles freiwillig entsagen!"

"Entsagen? – nach der Versicherung, dass Sie geliebt sind? O meine Schwester, wie übel bin ich mit deinem vortrefflichen Herzen umgegangen!" –

"P., was sagen Sie! und wie können Sie mein Herz durch einen solchen Vorwurf zerreissen? Wenn Sie edelmütig sind: soll ich es nicht auch sein? soll ich die Augen über die Mienen des benachbarten Adels zuschliessen?"

"Sie sollen es, wenn die Frage von Ihrer Freude und Ihrem Glück ist."

"Was wollen Sie dann, dass ich tun soll?"

"Dass Sie mich mit dem Auftrage zurückreisen lassen, mit meiner Mutter von meinem Wunsche zu sprechen, und dass Sie zu uns kommen wollen, wenn ich Ihnen ein Billett schicke."

Der Oberste konnte nicht mehr reden; er umarmte den Baron. Dieser ging zurück, gerade zu seiner Frau Mutter, bei welcher die beiden fräulein und seine Gemahlin waren. Er führte die ältere fräulein in ihr Zimmer, weil er ihr den Bericht von seinem Besuch allein machen wollte, und bat sie, ihn eine Zeitlang bei der Frau Mutter und Charlotten zu lassen. Hier tat er einen förmlichen Antrag für seinen Freund. Die alte Dame wurde betroffen; er sah es, und sagte: "Teure Frau Mutter! alle Ihre Bedenklichkeiten sind gegründet. Der Adel soll durch adelige Verbindungen fortgeführt werden. Aber die Tugenden des Sternheim sind die Grundlagen aller grossen Familien gewesen. Man hatte nicht unrecht zu denken, dass grosse Eigenschaften der Seele bei Töchtern und Söhnen erblich sein könnten, und dass also jeder Vater für einen Sohn eine edle Tochter suchen sollte. Auch wollt' ich, der Einführung der Heiraten ausser Stand nicht gerne das Wort reden. Aber hier ist ein besonderer Fall; ein Fall, der sehr selten erscheinen wird: Sternheims Verdienste, mit dem Charakter eines wirklichen Obersten, der schon als adelig anzusehen ist, rechtfertigen die Hoffnung, die ich ihm gemacht habe."

"In Wahrheit, mein Sohn, ich habe Bedenklichkeiten. Aber der Mann hat meine ganze Hochachtung erworben. Ich würde ihn gern glücklich sehen."

"Meine Gemahlin: Was sagen Sie?"

"Dass bei einem Mann, wie dieser ist, eine gerechte Ausnahme zu machen sei. Ich werde ihn gerne Bruder nennen."

"Ich nicht", sagte fräulein Charlotte. –

"Warum, meine Liebe?"

"Weil diese schöne Verbindung auf Unkosten meines Glücks gemacht wird."

"Wie das, Charlotte?"

"Wer wird denn unser Haus zu einer Vermählung suchen, wenn die ältere Tochter so verschleudert ist?"

"Verschleudert? bei einem Mann von Tugend und Ehre, bei dem Freunde deines Bruders?"

"Vielleicht hast du noch einen Universitätsfreund von dieser Tugend, der sich um mich melden wird, um seiner aufkeimenden Ehre eine Stütze zu geben, und da wirst du auch Ursachen zu deiner Einwilligung bereit haben?"

"Charlotte