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Gedanke des Vorrats von Nahrung, den sie gegeben, mischet unter den Schauer des anfangenden Nordwindes ein warmes Gefühl von Freude. Die Blätter der Obstbäume sind abgefallen, die Wiesen verwelkt, trübe Wolken giessen Regen aus; die Erde wird locker und zu Spaziergängen unbrauchbar; das gedankenlose geschöpf murret darüber; aber die nachdenkende Seele sieht die erweichende Oberfläche unsers Wohnplatzes mit Rührung an. Dürre Blätter und gelbes Gras werden durch Herbstregen zu einer Nahrung der Fruchtbarkeit unsrer Erde bereitet; diese Betrachtung lässt uns gewiss nicht ohne eine frohe Empfindung über die Vorsorge unsers Schöpfers und gibt uns eine Aussicht auf den nachkommenden Frühling. Mitten unter dem Verlust aller äusserlichen Annehmlichkeiten, ja selbst dem Widerwillen ihrer genährten und ergötzten Kinder ausgesetzt, fängt unsere mütterliche Erde an, in ihrem inneren für das künftige Wohl derselben zu arbeiten. Warum, sag' ich dann, warum ist die moralische Welt ihrer Bestimmung nicht ebenso getreu als die physikalische? Die Frucht der Eiche brachte niemals was anders als einen Eichbaum hervor; der Weinstock allezeit Trauben; warum ein grosser Mann kleindenkende Söhne? – warum der nützliche Gelehrte und Künstler unwissende elende Nachkömmlinge? – tugendhafte Eltern Bösewichter? – Ich denke über diese Ungleichheit, und der Zufall zeigt mir eine unzählige Menge Hindernisse, die in der moralischen Welt (so wie es auch öfters in der physikalischen begegnet) Ursache sind, dass der beste Weinstock aus Mangel guter Witterung saure, unbrauchbare Trauben trägtund vortreffliche Eltern schlechte Kinder erwachsen sehen. Etliche Schritte weiter in meiner Vorstellung stehe ich still, kehre in mich selbst zurück und sage: ist nicht die helle Aussicht meiner glücklichen Tage auch trübe geworden und der äusserliche Schimmer wie vertrocknetes Laub von mir abgefallen? vielleicht hat unser Schicksal auch Jahreszeiten? Ist es, so will ich die Früchte meiner Erziehung und Erfahrung während dem traurigen Winter meines Verhängnisses zu meiner moralischen Nahrung anwenden; und da die Ernte davon so reich war, dem Armen, dessen kleiner, ungebesserter Boden wenig trug, davon mitteilen, was ich kann. Wirklich hab' ich einen teil guter Samenkörner in eine dritte Hand gelegt, um einen magern, dürren Boden anzubauen. Der sanften Freundschaft ist die Pflege anvertraut, und ich werde acht Tage lang die Oberaufsicht haben. Leben Sie wohl!

Madam Hills an

Herrn Prediger Br * *

Erschrecken Sie nicht, lieber Herr Prediger, dass Sie anstatt eines Briefes von Madam Leidens einen von mir bekommen. Sie ist nicht krank, gewiss nicht; aber die liebe Frau hat mich auf vierzehn Tage verlassen und wohnt in einem ganz fremden haus, wo sie viel arbeitet, undwas mir leid tutauch gar schlecht isst; hören Sie nur, wie dies zuging! O, ein solcher Engel ist noch nie in eines Reichen, noch in eines Armen haus gewesen! Ich kann das nicht so sagen, was ich denke, und schreiben kann ich gar nicht. Doch sehen Sie: Ihre Frau weiss, wie arm der Herr G. nach Verlust seines Amts mit Frau und Kindern gewesen ist. Nun, ich gab immer was; aber ich konnte die Leute nicht dulden; jedermann sagte auch, dass er hochmütig und sie nachlässig wäre, und dass alles Gute an ihnen verloren sei. Dies machte mich böse, und ich redte davon mit der Jungfer Lene, der ich auch hülfe gebe; sie arbeitet aber auch; Madam Leidens war dabei und fragte die Jungfer nach den Leuten; und sie erzählte ihr den ganzen Lebenslauf, weil sie von Kind auf beisammen gewesen waren. Den andern Tag besuchte Madam Leidens die Frau G. und kam sehr gerührt nach haus. Beim Nachtessen sagte sie mir von den Leuten so viel Bewegliches, dass ich über sie weinte und ihnen so gut wurde, dass ich gleich sagte: ich wollte Eltern und Kinder versorgen. Aber dies wollte sie nicht haben. Den folgenden Morgen aber brachte sie mir dies Papier. Sie müssen mir's wiedergeben, es soll bei meinem Testamente liegen mit meiner Unterschrift und ein Lob auf Madam Leidens von meiner eigenen Hand und noch etwas für Madam Leidens, das ich jetzt nicht sage. Sie ging zu ihren Mädchen und liess mir das Papier. Ich habe mein Tage nichts klüger ausgedacht gesehen. zwei Fische mit einer Angel zu fangen und die Leute klug und geschickt zu machen, nun dies versteht sie recht schön. Ich verwunderte mich und weinte zweimal, weil ich es zweimal durchlesen musste, um es recht zu fassen. Ich schrieb darunter: alles, alles bewilligt, und gleich auf morgenaber dies sagte ich ihr mündlich, und ich schrieb es auch auf das Papier, wenn ich's zum Testament lege, dass sie mich nicht ihre Wohltäterin nennen soll. Was gab ich ihr dann? – ein bisschen Essen und ein Zimmerchen. – Aber warten Sie nur, ich will schon was aussinnen; sie soll nicht aus meinem haus kommen, wie sie meint. Wenn ich nur noch den Bau meines Gesindhauses erlebe; da lass ich ihren Namen zu dem meinigen in Stein hauen, und da heisse ich sie meine angenommene Tochter, und da wird sich jeder wundern, dass sie mein Geld nicht für sich behalten und einen andern hübschen Mann genommen habe, und da lobt man mich und sie zusammen, und dies gönn' ich ihr recht wohl. Sie muss mir auch arme Kinder aus der Taufe heben, damit es Kinder mit ihrem Namen hier gibt, und diese sollen, wie meine Ännchens, vorzüglich in mein