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einige Zähren aus ihren erstorbnen Augen fallen zu sehen. Ich antwortete:

"Ich wollte gerne ruhig sein, wenn ich Sie nicht so niedergeschlagen sähe, und wenn ich nur noch einige Funken der Zufriedenheit bei Ihnen bemerkte, die Sie sonst bei dem Anblick einer schönen Gegend fühlten."

Sie schwieg einige Minuten und betrachtete den Himmel um uns her; dann sagte sie unter zärtlichem Weinen:

"Es ist wahr, liebe Rosina, ich lebe, als ob mein Unglück alles Gute und Angenehme auf Erden verschlungen hätte; und dennoch liegt die Ursache meines Jammers weder in den Geschöpfen noch in ihrem wohltätigen Urheber. Warum bin ich von der vorgeschriebenen Bahn abgewichen?" –

Sie fing darauf eine Wiederholung ihres Lebens und der merkwürdigsten Umstände ihres Schicksals an. Ich suchte sie mit sich selbst und den Beweggründen ihrer Handlungen, besonders mit den Ursachen ihrer heimlichen Heurat und Flucht aus D., zufriedenzustellen und gewann doch so viel, dass sie bei dem Anblick der vollen Scheuren und dem Gewühle der Herbstgeschäfte in den Dörfern, die wir durchfuhren, vergnügt aussah und sich über das Wohl der Landleute freute. Aber der Anblick junger Mädchen, besonders die in einerlei Alter mit ihr zu sein schienen, brachte sie in ihre vorige Traurigkeit, und sie bat Gott mit gefalteten Händen, dass er ja jede reine wohldenkende Seele ihres Geschlechts vor dem Kummer bewahren möge, der ihr zärtliches Herz durchnage.

Unter diesen Abwechslungen kamen wir glücklich in Vaels an. Mein Schwager und meine Schwester empfingen uns mit allem Trost der tugendhaften Freundschaft und suchten meine liebe Dame zu beruhigen; aber am fünften Tage wurde sie krank, und zwölf Tage lang dachten wir nichts anders, als dass sie sterben würde. Sie schrieb auch einen kleinen Auszug ihres Verhängnisses und ein Testament. Aber sie erholte sich wider ihr Wünschen; und als sie wieder aufsein konnte, setzte sie sich in die Kinderstube meiner Emilia und lehrte ihr kleines Patchen lesen; diese Beschäftigung und der Umgang mit meinem Schwager und meiner Schwester beruhigten sie augenscheinlich; so dass mein Schwager es einmal wagte, sie über ihre Entschliessungen und Entwürfe für die Zukunft zu befragen. Sie sagte:

Sie hätte noch nichts bedacht, als dass sie auf ihren Gütern ihr Leben beschliessen wollte; aber bis zu Ende der drei Jahre, für welche sie dem Graf Löbau ihre Einkünfte versichert hätte, wollte sie nichts von sich wissen lassen; – und wir mussten ihrem eifrigen Anhalten hierin nachgeben. Sie nahm eine fremde Benennung an; sie wollte in Beziehung auf ihr Schicksal Madam Leidens heissen und als eine junge Offizierswitwe bei uns wohnen. Sie verkaufte die schönen Brillanten, welche die Bildnisse ihres Herrn Vaters und ihrer Frau Mutter umfasseten, und entschloss sich, auch den übrigen teil ihres Schmucks zu Geld zu machen und von den Zinsen zu leben; daneben aber wollte sie Gutes tun und einige arme Mädchen im arbeiten unterrichten.

Dieser Gedanke wurde nachher die Grundlage zu dem übrigen teil ihres Schicksals. Denn eines dieser Mädchen, welches von einer der reichsten Frauen in der Gegend aus der Taufe gehoben worden, ging zu ihrer Pate, um ihr etwas von der erlernten Arbeit zu weisen. Diese Frau fragte nach der Lehrmeisterin und drang hernach in meinen Schwager, dass er die Madam Leidens zu ihr bringen möchte, um eine wohltätige Schule in ihrem haus zu errichten und als Gesellschafterin bei ihr zu leben. Meine Dame wollte es anfangs nicht eingehen, indem sie fürchtete, zuviel bekannt zu werden; aber mein Schwager stellte ihr so eifrig vor, dass sie eine gelegenheit versäume, viel Gutes zu tun, dass er sie endlich überredte, zumal da sie dadurch das Haus ihrer Emilia zu erleichtern glaubte, wo sie befürchtete, Beschwerden zu machen, ungeachtet sie Kostgeld bezahlte.

Sie kleidete sich bloss in streifige Leinwand, zu Leibkleidern gemacht, mit grossen weissen Schürzen und Halstüchern, weil ihr noch immer etwas Engländisches im Sinne lag; ihre schöne Haare und Gesichtsbildung versteckte sie in ausserordentliche grosse Hauben; sie wollte sich damit verstellen, aber ihre schöne Augen, das Lächeln der edlen Güte, so unter den Zügen des innerlichen Grams hervorleuchtete, ihre feine Gestalt und Stellung und der artigste gang zogen alle Augen nach sich, und Madam Hills war stolz auf ihre Gesellschaft. Ihre Abreise schmerzte uns, denn der Wohnort von Madam Hills war drei Stunden entfernt; aber ihre Briefe trösteten uns wieder. Auch Sie werden sie gewiss lieber lesen als mein Geschmier.

fräulein von Sternheim

als Madam Leidens

an Emilia

Erst den zehnten Tag meines Hierseins schreibe ich Ihnen, meine schwesterliche Freundin! bisher konnte ich nicht; meine Empfindungen waren zu stark und zu wallend, um den langsamen gang meiner Feder zu ertragen. Nun haben mir Gewohnheit und zwei heitere Morgen, und die Aussicht in die schönste und freieste Gegend, das Mass von Ruhe wiedergegeben, das nötig war, um mich ohne Schwindel und Beängstigung die Stufen betrachten zu lassen, durch welche mein Schicksal mich von der Höhe des Ansehens und Vorzugs heruntergeführt hat. Meine zärtlichsten Tränen flossen bei der Erinnerung meiner Jugend und Erziehung; Schauer überfiel mich bei dem Gedanken an den Tag, der mich nach D. brachte, und ich eilte mit geschlossenen Augen bei der folgenden Szene vorüber. Nur bei dem Zeitpunkte meiner Ankunft in Ihrem haus verweilte ich mit Rührung; denn nachdem mir das Verhängnis alles geraubt hatte, so war ich um so viel aufmerksamer auf den Zufluchtsort, den ich mir gewählt hatte, und auf die Aufnahme, die ich da fand. Zärtliches Mitleiden war in