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entrissen; ich hätte nur ihre Hand, sie aber, weil sie die Liebe nicht für mich gefühlt habe, welcher sie mich versichert, hatte mein Herz betrogen; und nun schenke ich ihr ihre volle Freiheit wieder.

Ich schickte den Kerl ab und ging nach B., bei meiner Tänzerin ein ohnfehlbares Mittel gegen alle Gattungen von unruhigen Gedanken zu suchen; auch gab sie mir einen guten teil meiner Munterkeit wieder.

Mein Bruder könnte zu keiner gelegnern Zeit gestorben sein als jetzt. Meine Gelder wurden seltner geschickt, und dieser närrische Roman war ein wenig kostbar; doch, sie verdiente alles. Hätte sie mich nur geliebt und ihre Schwärmerei abgeschworen! – Ich war närrisch genug, mich meinen Brief gereuen zu lassen, und liess vor zwei Tagen nach ihr fragen; aber weg war sie; und alles wohl erwogen, hat sie recht daran getan; wir können und sollen uns nicht mehr sehen. Ihre Briefe, ihr Bildnis hab' ich zerrissen, wie sie meinen Wechsel; aber D., wo alles von ihr spricht, wo mich alles an sie erinnert, ist mir unerträglich. Halte mir eine lustige Bekanntschaft zurechte, wie sie für einen englischen Erben gehört, um meine wiedererhaltene Portion Freiheit mit ihr zu verzehren. Denn mein Vater wird mir das Joch über den Hals werfen, sobald ich ihm nahe genug dazu sein werde. Er kann mir geben, welche er will; keine Liebe bring ich ihr nicht zu. Das wenige, was von meinem Herzen noch übrig war, hat mein deutsches Landmädchen aufgezehrt; – der Platz ist nun völlig leer, ich fühle es; hier und da schwärmen noch einige verirrte Lebensgeister herum, und wenn ich ihnen glaube, so flüsterten sie mir was von dem Bilde meiner vierzigtägigen Gemahlin zu, deren Schatten noch darin herumwandern soll; aber ich achte nicht auf dieses Gesumse. Meine Vernunft und die Umstände reden meinem ausgeführten Plan das Wort; und am Ende ist es doch nichts anders als die Gewohnheit, die mir ihr Bild in D. zurückruft, wo ich sie in allen Gesellschaften zu sehen pflegte und immer von ihr reden höre. – Aber bei dem allen schwör' ich dir, nimmermehr soll eine Metaphysikerin, noch eine Moralistin meine Geliebte werden. Ehrgeiz und Wollust allein haben Leute in ihren Diensten, die Unternehmungen wagen und ausführen helfen! auch sind dieses die einzigen Gotteiten, die ich künftig verehren will; jener, weil ich von ihm so viel Ansehen und Gewalt zu erlangen hoffe, um alle Gattungen des Vergnügens in meinen Schutz zu nehmen und zu verteidigen, bis ich einst die liebenswürdigste davon bei einer Parlamentswahl ersaufe oder bei einem Pferderennen den Kopf zerquetsche. Ha, siehst du, wie schön die gewöhnlichen Lordseigenschaften in mir erwacht sind; erst durch alle seine Ranke ein artiges Mädchen an mich gezogen und sie denen entrissen, durch welche sie glücklich geworden wäre; unsinnige Verschwendungen gemacht, und wenn man alles dessen satt ist, den Ton eines Patrioten bei Wetterennen und Wahlen angenommen und der Zeit überlassen, was nach diesen verschiedenen Aufgärungen in dem Fass Nützliches übrig bleiben mag. –

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Hier, meine Freundin, muss ich selbst wieder das Wort nehmen und Ihnen von dem, was auf die unglückliche Veränderung in dem Schicksal meiner geliebten Dame gefolget ist, eine zusammenhangende geschichte zu liefern.

Das Haus meiner Schwester war jetzt der einzige Ort, wohin wir in diesen Umständen Zuflucht nehmen konnten. Man durfte ihr weder von Rache, noch von Behauptung ihrer Rechte sprechen; und der Gedanke, auf ihre Güter zu gehen, war in diesen Umständen auch nicht zu fassen. Ihr Kummer war so gross, dass sie hoffte, er würde sie töten; ich glaube auch, dass es geschehen wäre, wenn wir uns langer in dem haus aufgehalten hätten, wo die unglückliche Heurat vollzogen worden war. Da ich bei den Zurüstungen auf unsre Abreise ein paarmal die tür des Wohnzimmers von Lord Derby öffnete und sie einen blick hinwarf, glaubte ich, ihr Schmerz würde sie auf der Stelle ersticken. Sie blieb mit dem äussersten Jammer beladen in meinem Zimmer, während dass ich einpacken musste. Aber alle Geschenke von Lord Derby, welche sehr schön und in grosser Menge da waren, musste ich der Wirtin übergeben. Wir nahmen nichts als das wenige zusammen, so wir von unsrer Flucht aus D. mitgebracht hatten. Die Wirtin, welche auf einen monat vorausbezahlt war, wollte uns noch behalten; aber wir reisten den zweiten Tag, von ihrem Segen für uns und Flüchen über den gottlosen Lord begleitet, morgens um vier Uhr ab.

Still und blass wie der Tod, die Augen zur Erde geschlagen, sass meine liebe Dame bei mir; kein Wort, keine Träne erleichterte ihr beklemmtes Herz; zwei Tage reisten wir durch herrliche Landschaften, ohne dass sie auf etwas achtete; nur manchmal umfasste sie mich mit einer heftigen gichterischen Bewegung und legte ihren Kopf einige Augenblicke auf meine Brust. Ich wurde immer ängstiger und weinte mit lauter stimme; darüber sah sie mich rührend an und sagte mit ihrem himmlischen Ton, indem sie mich an sich drückte:

"O meine Rosina, dein Kummer zeigt mir erst den ganzen Umfang meines Elends. Sonst lächeltest du, wenn du mich sahst, und nun betrübt mein Anblick dein Herz! O, lass mich nicht denken, dass ich auch dich unglücklich gemacht habe! sei ruhig, du siehst ja mich ganz gelassen."

Ich war froh, sie wieder so viel reden zu hören und