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wohltätigen hände bewegen. Ich darf nicht nachdenken, wie gut sie gegen alle Menschen war, und nun muss sie so unglücklich sein! Aber Gott muss und wird sich ihrer annehmen.

fräulein von Sternheim

an Emilien

O meine Emilia, wenn aus diesem Abgrunde von Elend die stimme Ihrer Jugendfreundin noch zu Ihrem Herzen dringt, so reichen Sie mir Ihre liebreiche Hand; lassen Sie mich an Ihrer Brust meinen Kummer und mein Leben ausweinen. O wie hart, wie grausam werde ich für den Schritt meiner Entweichung bestraft! O Vorsicht

Ach! ich will nicht mit meinem Schicksal rechten. Das erstemal in meinem Leben erlaube ich mir einen Gedanken von Rache, von heimlicher List; muss ich es nicht als eine billige Bestrafung annehmen, dass ich in die hände der Bosheit und des Betrugs gefallen bin? Warum glaubte ich dem Schein? – aber, o Gott! wo, wo soll ein Herz wie dies, das du mir gabst, wo soll es den Gedanken hernehmen, bei einer edlen, bei einer guten Handlung böse Grundsätze zu argwohnen!

Eigenliebe, du machtest mich elend; du hiessest mich glauben, Derby würde durch mich die Tugend lieben lernen! – Er sagt: er hätte nur meine Hand, ich aber sein Herz betrogen. Grausamer, grausamer Mann! was für einen Gebrauch machst du von der Aufrichtigkeit meines Herzens, das so redlich bemüht war, dir die zärtlichste Liebe und achtung zu zeigen! du glaubst nicht an die Tugend, sonst würdest du sie in meiner Seele gesucht und gefunden haben.

Wahr ist es, meine Emilia, ich hatte Augenblicke, wo ich meine Befreiung von den Händen des Mylord Seimour zu erhalten gewünscht hätte; aber ich riss den Wunsch aus meinem Herzen; Dankbarkeit und Hochachtung erfüllten es für den Mann, den ich zu meinem Gemahl nahmtötender Name, wie konnte ich dich schreibenaber mein Kopf, meine Empfindungen sind verwüstet, wie es mein Glück, mein Ruhm und meine Freude sind. Ich bin in den Staub erniedriget; auf der Erde liege ich und bitte Gott, mich nur so lange zu erhalten, bis ich bei Ihnen bin und den Trost geniesse, dass Sie die Unschuld meines Herzens sehen und eine mitleidige Träne über mich weinen. Alsdann, o Schicksal, dann nimm es, dieses Leben, welches mit keinem Laster beschmutzt, aber seit vier Tagen durch deine Zulassung so elend ist, dass es ohne die Hoffnung eines baldigen Endes unerträglich wäre.

Derby an seinen Freund

Ich reise nach England und komme vorher zu dir. Sage mir nichts von meiner letzten Liebe; ich will nicht mehr daran denken; es ist genug an der unruhigen Erinnerung, die sich mir wider meinen Willen aufdringt. Meine halbe Lady ist fort aus dem dorf, wo ihrem abenteuerlichen Charakter ein abenteuerliches Schicksal zugemessen wurde; mit stolzem Zorn ist sie fort; meinen Wechselbrief zerriss sie in tausend Stücke und alle meine Geschenke hat sie zurückgelassen. Ich hätte sie bald deswegen wieder eingeholt, aber wenn sie mir meine Streiche vergeben könnte, so würde ich sie verachten. Lieben kann sie mich nach allem diesem unmöglich, und ich hätte nicht mehr glücklich mit ihr sein können; wozu würde also die Verlängerung meiner Rolle gedient haben? Sie muss doch immer meine Wahrheitsliebe verehren und meine Kenntnisse der geheimsten Triebfedern unsrer Seele bewundern. Ich verliess sie, unschlüssig, was ich mit ihr und meinem Bündnis machen sollte; aber ihre unaufhörliche Anfoderung, sie nach Florenz zu führen, und die Drohung, auch ohne mich abzureisen, brachte mich dahin, ihr ganz trocken zu schreiben:

Ich sehe wohl, dass sie sich meiner Liebe nur bedient habe, um ihren Oheim Löbau zu entgehen und ihren Ehrgeiz in Sicherheit zu setzen, dass sie das Glück meiner Liebe und meines Herzens niemals in Betrachtung gezogen, indem sie mir nicht den geringsten Zug meines eigenen Charakters zugut gehalten und mich nur dann geachtet habe, wenn ich mich nach ihren Phantasien gebogen und meine Begriffe mit ihren Grillen geputzt; es sei mir unmöglich, dem Gemälde gleich zu werden, welches sie mir von den beliebten Eigenschaften ihre Mannes vorgezeichnet, indem ich nicht Seimour wäre, für welchen allein sie die zärtliche leidenschaft nährte, die ich von ihr zu verdienen gewünscht hätte; ihre Bestürzung, wenn ich ihn genennt, ihre Sorgsamkeit, nicht von ihm zu reden, ja selbst die Liebkosungen, die sie mir zu Vertilgung meines Argwohns gemachtwären lauter Bekräftigungen der Fortdauer ihrer Neigung zu Seimour. Sie wäre die erste, welche mich zu dem Entschlusse mich zu vermählen gebracht hätte; dennoch aber hatte' ich noch so viel Vorsichtigkeit übrig behalten, mich zuvor ihrer ganzen Gesinnungen versichern zu wollen; hierzu hätte mir die Maske des Priesterrocks, den einer meiner Leute angezogen, die gelegenheit verschafft. Meine Liebe und Ehre würde dadurch ebenso fest gebunden gewesen sein als durch die Trauung, und wenn sie der Primas von England oder der Papst selbst verrichtet hatte; aber da die Vereinigung unserer Gemüter als das erste Hauptstück fehlte, so wäre es gut, dass wir uns ohne Zeugen und Gepränge trennten, wie wir uns verbunden hätten, weil ich nicht niederträchtig genug sei, mich mit dem blossen Besitz ihrer reizenden person zu vergnügen, ohne Anteil an ihrem Herzen zu haben, und nicht einfältig genug, um sie für den Lord Seimour nach England zu führen; sie hätte nicht Ursache, über mich zu klagen, denn ich wäre es, der sie den Verfolgungen des Fürsten und der Gewalt ihres Oncles